Ausgabe 
2.11.1902
 
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Nr. 44.

Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

8 Stimmen neugewahlt. Nach einer ziemlich lebhaften Diskussion über die nächstjährige Reichstagswahl und die Aufbringung der nötigen Mittel hierzu, für welche die Aus gabe von Sammellisten als am geeignetsten gehalten wurde, erfolgte Schluß der Ver⸗ sammlung.

Schwurgericht. Die diesjährige Herbstsession des hiesigen Schwurgerichts wird am Dienstag, den 4. November, im Land gerichtsgebäude ihren Anfang nehmen.

Ein trauriges Zeichen der Zeit. Am Montag früh wurde in der Giffelbergerstraße ein Handwerksbursche in halberstarrtem Zustande mit nackten Füßen aufgefunden. Mitleidige Menschen brachten ihn in ein benachbartes Haus, von wo er, nachdem er sich erholt und durch Speise und Trank gestärkt hatte, die Weiterreise antrat.

Verschiedenes. Die Zahl der Studierenden an hiesiger Universität in diesem Winlersemeste! hat bereits 1000 überschritten. Mit dem Beginn des Semesters hat auch der nächtliche Unsug und Skandal wieder zu genommen. Unfsere Nachtschutzleute haben da her wieder reichlich Beschäftigung. Auf Ein⸗ ladung des Geh. Rats Prof. v. Behring trafen am Montag eine größere Anzahl der Teilnehmer am Tuberkulosen⸗Kongreß in Berlin hier ein, um die hiesige Universitat, nebst ihren Justituten, insbesondere diejenigen des Geh. Rats v. Behring zu besichtigen, wobei letzterer einen Vortrag über Immunisierung gegen Rindertuberkulose, verbunden mit Demon⸗ sirationen hielt. Es waren berühmte Professoren aus Paris, sowie dem übrigen Frankreich, Rußland, Schweiz, Belgien, Oesterreich usw. anwesend. Ein Bauer aus Wenkbach, der irrrümlicherweise einem Handwerksburschen statt eines Pfennigstückes ein Zehnmarkstück gegeben hatte, folgte diesem, als er seinen Mißgriff be mertt hatte, hierher und traf den so reich Be⸗ schenkten auch noch hier an. Drei Mark waren bereits verausgabt, das übrige Geld er hielt der Bauer, nachdem er dem Handwerks⸗ burschen noch einige Groschen geschenkt hatte, von diesem zurück. Das Lehrlingsheim wird nächsten Sonntag Abend im, Schulsaale der ehemal. Realschule am luth. Kirchplatz wieder eröffnet.

Kleine Mitteilungen.

e Krieg in Feieden. In Laubenheim bei Mainz ereignete sich an Donnerstag ein schwerer Unglücksfall. Bei einer Felddienstübung des 3. Fuß⸗ Art. Regts. mußte eines der Geschütze querfeldein fahren und geriet in einen Graben, wobei die auf dem Protz⸗ kasten sitzende Bedienungsmannschaft herabgeschleudert wurde. Ein Obergefreiter der Batterie, ein Elsässer,

geriet unter den Geschützwagen, der ihm über den Leib 5

beiden Soldaten kamen mit dem Schrecken davon. Dem schwer verletzten Gefreiten wurde ein Notverband angelegt und er sodann in einem Wagen nach dem Lazaret in Mainz gefahren. Die Aerzte konstatirten schwere innerliche Verletzungen, denen der Soldat voraussichtlich erliegen wird.

: Verurteilter Wucherer. Nach zweitägiger

Verhandlung vor der Strafkammer in Köln wurde der Millionär Heuser von dort vorige Woche wegen umfangreicher Wuchereien zu vier Monaten Gefängnis, 1000 Mark Geldbuße und zwei Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Rechtskonsulent Wagner, der jenem Wucherer unzählige Opfer zugeführt hatte, erhielt fünf Monate, 500 Mk. Geldbuße und zwei Jahre Ehrenverlust. Ob diese Biedermänner Juden sind oder gläubige Katholiken geht aus der Zeitungs- nachricht nicht hervor. * Folgen des Jähzorns. In Lüdenscheid schleuderte in Folge eines Wortwechsels ein Arbeiter seinem 2 jährigen, nur mit dem Hemd bekleideten Sohne eine brennende Petroleumlampe in's Gesicht. Dieser erlitt derartige Brandwunden, daß er unter den entsetz⸗ lichsten Schmerzen verstarb; die Kleider der ihm zur Hilfe eilenden Mutter, sowie des jüngeren Bruders gerieten gleichfalls in Brand, desgleichen die des rabiaten Vaters. Alle Prei wurden schwer verwundet dem Hospital zugeführt. Die hochbetagte Mutter hat bereits das Augenlicht eingebüßt.

ging; die übrigen

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

7 Der Streik in der Schuhfabrik von Waldmann u. Co. in Mainz ist durch Ver

gleich vor dem Gewerbe lercchtzbeendigt worden. Herr Waldmann, der sich während des Aus⸗ standes eine Zwickmaschine anschaffte, verpflichtete sich, alle Arbeiter so weit wie möglich wieder einzustellen und den Lohntarif so wie ihn die Firma Rosenbusch bezahle, einzuführen. Die Arbeiter, welche an der Zwickmaschine angelernt werden, erhalten während der Lehrzeit außer dem Akkordlohn wöchentlich 5 Mk. Durch die Einführung der Zwickmaschine werden etwa fünf Zwicker nicht wieder eingestellt werden können.

Eine bemerkenswerte Niederlage erlitt das Zentrum bei den am Montag in Aschaffenburg stattgefundenen Gewerbe gerichts wahl. Unsere Genossen brachten für die Liste des Gewerkschaftskartells 596 Stimmen auf, während die Schwarzen trotz aller Anstrengung und trotzdem die Geistlichkeit sich mit in's Zeug legte, nur 332 Stimmen erhielten. So ists recht.

Partei Machrichten.

Seine drei Jahre Kerker, zu denen er wegen Preßvergehens verurteilt wurde, hatte unser Ge⸗ nosse Schmidt-⸗Magdeburg am Donnerstag abgebüßt. Drei Jahre Gefängnis! Eine Ewigkeit für den, der sie in einsamer Zelle zubringen maß. Und diese Strafe, weil er in der Zeitung ein Märchen erzählte, das für jedem Unbefangenen eine harmlose Dichtung darstellte, in dem aber von den Richtern eine Majestätsbeleidigung gefunden wurde! Höchste Erbitterung muß jeden ge⸗ recht Denkenden ergreifen, wenn er diese Strafe mit der für Duellmorde vergleicht! Hier muß einer drei Jahre im Gefängnis büßen für einen Zeitungsartikel; dort wird der Mörder eines Menschen nach ein paar Monaten gemütlicher Festungshaft begnadigt!

Versammlungskalender.

Samstag, den 1. November.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends Uhr Versammlung bei Wirt Rinn. Die Mitglieder werden gebeten, zahlreich zu erscheinen.

Sonntag, den 2. November.

Gteßen. Konsum⸗Verein. Nachmittags 3 Uhr General-Versammlung imPostkeller.

Lollar. Nachmittags 3 Uhr Zusammenkunft der Kollegen bei Weinreich(Zur Traube).

Dienstag, den 4. November.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.

Sonntag, den 9. November.

Gießen. Orauer verband. Nachmittags 1 Uhr Versammlung bei b(Wiener Hof).(Samstag 1. November keine Versammlung.)

Wleseck. Oeffentliche Versammlung Nachmittags 4 Uhr bei Wacker

Briefkasten.

E. 22. Ein Hausbursche in einer Wirtschaft ist ebenso wie der Kellner ec. als gewerblicher Arbeiter im Sinne der Gew.⸗Ord. und des Gewerbe-Gerichts⸗Gesetzes anzusehen. Arbeits- und Ausgehezeit sind wenn es sich nicht um jugendliche Arbeiter handelt Gegenstand freier Vereinbarung; auch, ob der Hausbursche während seiner Ausgehezeit Vertretung zu stellen hat. Heldnbgn. Zurückgestellt. Marbg. Bezüglich der nichtöffentlichen Verhandlung auf unserem und dem nat. ⸗soz. Parteitage stellt dieHess. L.⸗Ztg. die Wahrheit auf den Kopf. Kommen nächste Nr. darauf zurück.

besang-VereinEintracht Sonntag, den 2. Nov. Abends 8 Uhr

Familien⸗Abend

imGambrinus(Albold). Wozu freundlichst einladet Der Vorstaud.

Sees sss Rezitation:

Von Herrn E. Walkotte.

Die grösste Sünde.

Donnerstag, den 13. Nov. Abends ½ 9 Uhr:

im Lenz'schen Felsenkeller, Bahnhofstraße.

Entree 20 Pfg. r Entree 20 Pfg. Zahlreichen Besuch erwartet

Das Gewerkschaftskartell.

*

* Unterhaltungs-Ceil. 5 1

Eine Zollgeschichte.

Unternahm man vor dem Jahr 1866 von Frankfurt aus eine Wanderung nach der schönen Wetterau, so hatte man reichlich Gelegenheit Landesgrenzen zu studieren und wurde unwill⸗ kürlich dazu gedrängt, Betrachtungen über die überflüssige Vielheit in der notwendigen Einheit anzustellen. Freie Reichsstadt Frankfurt, Kur⸗ fürstentum, Kurhessen, Landgrafschaft Hessen Homburg, Herzogtum Nassau und Großherzog⸗ tum Hessen⸗Darmstadt, sie alle konnte man be⸗ quem auf einer Fußwanderung zwischen Morgen⸗ kaffee und Mittagessen berühren. Bunt durch⸗ einander gewürfelt lagen sie da, diese mächtigen Gebiete und ihre Bewohner waren auf einen intensiven internationalen Verkehr mit einander angewiesen. Zwar blickten sich die verschiedenen Wappentiere an den Grenzmarken zuweilen recht grimmig und herausfordernd an, aber die drohenden Adler, die gewaltigen Löwen, einer von diesen peitschte sogar, wenn wir uns recht erinnern, seine Flanke mit zwei Schwänzen, ließen doch die verschiedenen Landeskinder ganz friedlich an sich vorüberwandern. Waren diese Wappentiere auch alle dem Reich der Raubtiere entnommen, so benahmen sie sich doch unter dem Druck der Verhältuisse recht zahm. Sogar das Herüber- und Hinüberschleppen der ver⸗ schiedenen Landsmünzen regte sie nicht auf, nur in einem Punkte waren sie empfindsamer, das war das Gebiet der Abgaben und des Zolles. Heute noch stehen einzelne der früheren Chaussee⸗ häuser, allerdings jetzt ganz anderen Zwecken dienend, meist sind sie in Wirtschaften umge⸗ wandelt. Das Jahr 1866 hat ja mit den vielen Landesgrenzen in unserer Gegend auf geräumt, die Sache etwas einheitlicher gestaltet, mit einem Wort, es hat in modernem, man möchte fast sagen, großkapitalistischem Sinne das Kleine zusammengelegt und zu Gunsten des Größeren aufgesaugt.

Aber nicht die politische Seite der Sache, auch nicht der schmähliche Bruderkrieg von 1866 soll uns heute beschäftigen, einer viel harm loseren Erinnerung sollen diese Zeilen dienen. Es ist nichts geringeres als eine kleine lustige Zollgeschichte.

Lagen da mitten in der Wetterau bis zum Jahre 1866 die beiden herzoglich nassauischen Orte Reichelsheim und Dornassenheim, ringsum umgeben von großherzoglich hessischem Gebiet. Der größere der beiden Orte, das protestantische Reichelsheim, beherbergte in seinen Mauern neben einem Amtsgericht, in dem der jeweilige Amtsrichter getrennte Sachen in der Weise er⸗ ledigte, daß er die Parteien nach Erledigung einer Sache, von dem Zimmer diesseits des Ganges nach einem Zimmer jenseits des Ganges verwies und dann durch eine andere Thüre ebenfalls erschien, um nun mit denselben Per- sonen eine andere Amtshandlung vorzunehmen; neben diesem Amtsgericht und sonstigen wichtigen Einrichtungen beherbergte Reichelsheim auch einen herzoglich nassauischen Zoll- oder Steuer⸗ beamten. In welchem Rang er stand und welchen Titel er führte, das haben wir in zwischen vergessen, aber er hatte einen Degen und trug grüne Uniform. Der Inhaber dieser wichtigen Stelle zu Anfang der sechsziger Jahre war ein sehr schneidiger Herr und nahm seine Pflichterfüllung sehr ernst. Die Bauern von Reichelsheim waren ihm nicht sehr grün und böse Streiche wurden ihm bisweilen gespielt. Hauptsächlich richtete er sein Augenmerk darauf, daß kein Alkohol oder alkoholhaltige Getränke unbesehen über die Grenze gingen. Irgendwo an der Gebietsgrenze stand eine Anzahl alter, teilweise hohler Weidenbäume. Sie boten unserem Zöllner ein gutes Beobachtungsversteck, aber man hatte das bald ausgewittert und es soll vorgekommen sein, daß der Zöllner um

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