Ausgabe 
2.11.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 44.

Die hessischen Landtagswahlen.

Sieg in Offenbach Stadt und Land, Sieg in Mainz. Die Genossen Ulrich, Orb, David und Haas gewählt.

Das waren die für uns hocherfreulichen Nachrichten, die aufden Drahtwege am Mittwo h

Abend zu uns gelaugten und von den im Lokale Orbig versammelten Genossen mit

stürmischen Beifall aufgenommen wurden. In der That bedeutet die Wahl Ulrichs in Offen⸗ bach⸗Stadt einen glänzenden Erfolg der Sozial⸗ demokratie und wir haben ein Recht, uns dessen zu freuen. Was hat dort die gesamte Gegnerschaft, der bürgerliche Kuddelmuddel nicht alles aufgeboten, um unserm bewährten Genossen das Mandat zu entreißen! Mit den schäbigsten Mitteln, den schofelsten Wahllügen wurde dort gearbeitet, mit aller Gewalt sollte der Millionär Feistmann zum Vertreter der Arbeiterstadt Offenbach gemacht werden. Vergebens, der Mischmasch unterlag. Der sozialdemokratische Zettel siegte mit 2729 Stimmen über den Feistmanns, der nur 2514 erhielt. Ein Bravo unsern Offenbacher Genossen!

Aber auch die Mainzer haben tüchtig gearbeitet. Gewiß unser Sieg war dort so ziemlich sicher, nachdem sich die Freisinnigen und Demokraten für unsern Wahlzettel erklärt hatten. Aber trotzdem muß die für ihn abgegebene Stimmenzahl als eine sehr hohe bezeichnet werden. Für den sozialdemo⸗ kratischen Zettel wurden 2982 Stimmen ab⸗ gegeben; der Zentrumszettel erhielt 1379 und der nationalliberale 690 Stimmen. Vor sechs Jahren zählten wir nur 1635 Stimmen, die Demokraten und Freisinnigen hatten damals 652 aufgebracht. Rechnet man diesen auch hundert oder zweihundert Stimmen Zunahme zu, sie dürfte kaum soviel betragen, so ergiebt sich für unsere Partei ein außerordentlich er⸗ freulicher Zuwachs. Das sind für die Reichs⸗ tagswahl sehr günstige Aussichten. Unsere Mainzer Genossen werden sich durch diesen schönen Sieg nicht in Sicherheit wiegen lassen, sondern das Nötige thun, um das Mainzer Reichstagsmandat, das unsvon Rechtswegen gehört, zurückzuerobern. Die Nationalliberalen haben 100 Stimmen weniger als 1896; hingegen das Zentrum 100 mehr erhalten.

Die Wahl in Gießen ging aus, wie erwartet werden mußte. Hier haben unsere Geuossen das ersre Mal sich durch eine eigene Kandidatur an der Wahl beteiligt und wir können mit diesem Anfang recht zufrieden sein. Mau war in Parteikreisen sich schon früher dahin einig, daß, falls etwa eine selbständige nattonalliberale Kandidatur aufgestellt werden würde, wir wiederum, wie vor sechs Jahren die Freisinnigen unterstützen müßten, um die Wahl eines Abgeordneten zu verhüten, der in der Wahlrechtsfrage unzuverlässig ist. Der Ausfall zeigt, daß wir ganz getrost auch eine eigene Wahlliste aufstellen konnten, wenn die beiden liberalen Parteien nicht zusammen gingen. Wir hätten dabei sogar die beste Aussicht gehabt. Denn in der Voraussicht, daß unsererseits ein Sieg unmöglich ist, entfaltete die Partei leitung nur geringe Agitation. Wir halten das nicht für richtig, hätten vielmehr gewünscht, daß die Agitation etwas energischer und früher in Angriff genommen worden wäre. Auch uuser Offenbacher Parteiorgan tadelt unseres Erachtens ganz mit Recht, daß das allgemeine Flugblatt, der Bericht der Landtagsfraktion, nicht früher zur Verteilung gelagte. Damit wollen wir gegen die leitenden Personen, von denen wir wissen, daß sie angestrengt und eifrig arbeiten, durchaus keinen Vorwurf erheben; wir wollen damit nur aussprechen, daß die Ge⸗ samtheit der organisierten Genossen etwas mehr Initiative entwickeln müßte und sich namentlich be. Flugblattverteilung und sonstiger Partei⸗ arbeit zahlreicher zur Verfügung stellen gollte. Wenn wir bei den nächsten Reichstagswahlen etwas erreichen wollen, benötigen wir der thä⸗ tigen Mithilfe eines jeden Genossen, und der Winter muß zur Vorarbeit gut ausgenutzt werden. Hinzufügen wollen wir noch, daß

uns durch die ungünstig gelegte Wahlzeit noch

viel Stimmen verloren gingen. Vielen Arbei⸗ tern, die länger als bis 6 Uhr arbeiten und auch in der Mittagsstunde keine Zeit haben, mußten der Urne fernbleiben.

Recht erfreulich ist auch das Friedberger Resultat. Abgeordneter für Friedberg war bisher der nationalliberale Rechtsanwalt ckel, der sich bei den Kammerverhandlungen über die Wahlrechtsvorlage durch seinen Aus⸗ spruch:Dem abhängigen Manne gebührt kein Wahlrecht, ein Denkmal gesetzt hat. Aller⸗ dings kein schönes. Er wurde denn auch aus dem Landtage hinausgewählt Er erhielt nur 346 Stimmen, während es der Freisinnige Damm auf 382 brachte. Unsere Genossen traten für den Freisinn ein.

Ebenso in Alsfeld, wo von freisinniger Seite Rechtsanwalt Reh aufgestellt war. Dieser erhielt 256 Stimmen, sein Gegenkandidat, der parteilose Lehrer Rudolf, der offenbar von antisemitischer Seite aufgestellt war und unter un⸗ parteiischer Flagge in den Landtag zu steuern hoffte, erhielt nur 149 Stimmen. Rudolf war übrigens ebenfalls für das direkte Wahlrecht: was in unserer letzten Nummer in der Alsfelder Notiz über seine Stellung dazu gesagt wurde, beruhte auf einem Irrtum. Im Uebrigen ver⸗ rieten die öffentlichen Kundgebungen des viel⸗ leicht vom besten Wollen erfüllten Mannes eine heillose politische Konfusion. Unsere Genossen konnten in diesem Falle gar nicht anders, als die freisinnige Kandidatur zu unterstützen.

Im Offenbacher Landkreise brachte unsere Partei 32 Wahlmänner durch, für den Kandidaten der vereinigten Bürgerlichen, den zum Zentrum gehörigen Bürgermeister Lammert von Bürgel wurden nur 22 gewählt. In diesem Kreise wird Genosse Orb zum Abgeordneten gewählt werden.

In Dar mstadt siegten die Freisinnigen ebenfalls mit Unterstützung der Sozialdemokratie. Ihre Mehrheit soll aber nur sechs Stimmen betragen. Einen guten Erfolg haben wir in Darmstadt⸗Land(13. Bezirk) aufzuweisen. Dort haben wir von 41 Wahlmännern 20.

Bingen und Finthen⸗Ingelheim verblieb dem Zentrum, das noch Waldmichel⸗ bach dazu gewann.

Grünberg dürfte den Antisemiten Hirschel als Abgeordneten entsenden, der mit Ach und Krach bei äußerst geringer Wahlbeteiligung in fast allen Orten durchgekommen sein mag.

Im Ganzen haben die Wahlen mit aller Deutlichkeit gezeigt, daß das hessische Volk für das allgemeine und direkte Wahlrecht ist. Und dieser Wille wäre noch mehr und besser zum Ausdruck gekommen, wenn das gesamte Volk bei diesen Wahlen mitzureden gehabt hätte. Der agrarisch verseuchte Nationallibe⸗ ralismus hat die Wahlkosten bezahlt. Während früher etwa 40 von der Drehscheiben-Partei im Landtage saßen, wird diese jetzt nur noch über 16 Sitze verfügen.Des Volkes Stimme ist Gottes Stimme!

Von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Das Protokoll vom Münchener Parteitag ist dieser Tage 312 Seiten stark er⸗ schienen. Für jeden Parteigenossen ist es interessant und belehrend, die Verhandlungen über die wichtigen Fragen, die den Parteitag beschäftigt haben, nachzulesen und wir empfehlen deshalb die Anschaffung des Buches, das wie im Vorjahre 60 Pfg. kostet.

In den Arbeiter⸗Turnverein haben sich bis jetzt bereits 50 Mitglieder zum Beitritt gemeldet. Sonntag über acht Tage(9. Nov.) findet im Lokale Zum Pfau, Neustadt 52, Nachmittags 3 Uhr, die erste Generalversammlung statt, in welcher die Statutenberatung und die Wahl des Vorstandes vorge⸗ nommen werden soll. Alle bis jetzt Eingezeichneten werden darauf schon jetzt aufmerksam gemacht und zu zahlreichem Erscheinen aufgefordert.

Familienabend. Der Arbeitergesangverein Eintracht veranstaltet diesen Sonntag(2. Novbr.) einen Familienabend im LokaleZum Gambrinus in der Kirchstraße. Für gute Unterhaltung durch Ge⸗ sangsvorträge und Deklamationen ist bestens gesorgt, weshalb wir unsere Freunde und Leser darauf empfeh⸗ lend hinweisen.

Der Konsum⸗Verein für Gießen und Um⸗ gegend hält diesen Sonntag im Postkeller seine General⸗ versammlung ab. Dieser liegt es unter anderem ob, den Geschäftsbericht, der vor einiger Zeit veröffent⸗

licht wurde und sich auf die ersten dreiviertel Jahre

erstreckt, zu genehmigen. Wie immer bei solchen Or⸗ ganisationen, weist das erste Geschäftsjahr nur einen kaum nennenswerten Gewinn auf, was infolge der be⸗ deutenden notwendigen Anschaffungen von Inventarien usw. ganz erklärlich ist. Wenn aber, was mit Sicher⸗ heit anzunehmen ist, das nächste Jahr weiteren Mit⸗ gliederzuwachs bringt und die Mitglieder auch ihren Bedarf wenigstens in der Hauptsache dort decken, so dürfte der nächste Jahresabschluß ein ganz anderes, für alle Mitglieder erfreuliches Ergebnis zeitigen.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Heber die Arbeitsverhältnisse in der Lahnmühle(Besitzer Herr Amend) sind uns schon früher wiederholt Klagen von Seiten dort beschäftigter Arbeiter zugegangen, denen wir auch mehrmals in unserem Blatte Ausdruck gaben. Es findet in diesem Betriebe ein so häufiger Wechsel der Arbeiter statt, daß er von letzteren alsTaubenschlag bezeichnet wird. Kürzlich geriet der Obermüller, ein schon älterer Mann, der von allen Seiten als ein ruhiger und anständiger Mensch geschildert wird, mit seinem Chef in Konflikt, der in ernstliche Thätlichkeiten ausartete, so daß Frau A. auf der Straße um Hilfe rief. Dem Obermüller scheint so zugesetzt worden zu sein, daß er in hochgradige Erregung und Wut geriet. Möglicherweise kommt es deswegen noch zu einer Gerichtsverhandlung, bei der man dann wohl den Hergang der Sache genauer er⸗ fahren wird.

Eine Kreiskonferenz für den Wahlkreis Wetzlar findet diesen Sonntag, den 2. November im Wiener Hof(Löb) in Gießen statt. Unter deu zu erledigenden Tagesordnungspunkten befindet sich außer der nächsten Reichstagswahl der Bericht über den Partei⸗ tag, den Genosse Vetters erstatten wird. Die Genossen aller Parteiorte werden um zahlreiches Erscheinen ersucht.

Kontroll⸗Versammlungen finden im Kreise Wetzlar statt:

Für Wetzlar⸗Stadt am 6. November 9 Uhr vorm.

im Schützengarten;

für Wetzlar⸗Land und zwar für die Orte: Hof⸗ Altenberg, Bahnhof Wetzlar, Garbenheim, Nauborn, Niedergirmes, Oberbiel, Steindorf am 4. November, vorm. 9 Uhr im Schützengarten in Wetzlar; ferner in: lar(Bahnhof), 6. November, 1 Uhr 15 Minuten Nachmittags für Aßlar, Berghausen, Blasbach, Klein⸗ Altenstädten, Werdorf.

Dutenhofeu GBahnhof), 10. November, 8 Uhr Vormittags für Atzbach, Dorlar, Dutenhofen, Kinzenbach, Münchholzhausen.

Krofdorf Stiel), 10. November, 11 Uhr 45 Min. Vormittags für Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Oden⸗ hausen, Salzböͤden, Vetzberg, Wißmar. b

In Rehe bei Dierdorf im Westerwald finde diesen Sonntag die erste sozialdemokratische Versamm⸗ lung statt. Genosse E. Krumm ⸗Gießen wird über: Politische und wirtschaftliche Fragen der Gegenwart sprechen. Hoffentlich können wir in der nächsten Nummer über gute Erfolge berichten,

Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain.

St. Die Parteiversammlung am ver⸗ flossenen Samstag abend im Jesberg'schen Lokale war leider nicht so gut besucht, wie es in anbetracht der wichtigen und reichhaltigen Tagesordnung zu erwarten gewesen wäre. Gen. Vetters ⸗Gießen erstattete in nahezu zweistündigem, fesselnden Referate über die Ver⸗ handlungen und Beschlüsse des Münchener Parteitages Bericht, nachdem er uns zuvor die Grüße und den Dank unseres Delegierten und Reichstagskandidaten, Gen. Paul Bader⸗ München, für das ihm erwiesene Vertrauen übermittelt hatte. Am Schlusse seines Referates verlas Redner die bekannte Resolution betr. die Haltung der Parteigenossen bei Stichwahlen und empfahl dieselbe zur Annahme, was auch geschah. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen Ausführungen. Eine Dis⸗ kussion fand nicht statt. Nach kurzer Pause erstattete der Vertrauensmann seinen Kassen⸗ bericht, welcher genehmigt wurde. Die darauf folgende Abrechnung der Kolportage ergab eine Gesamt⸗Einnahme von 360.32 Mk., der eine Ausgabe von 173.72 Mk. gegenübersteht, so⸗ daß ein Ueberschuß von 186.60 Mk. verbleibt. Als Vertrauensmann wurde Gen. Härtling einstimmig wiedergewählt. In der Preß⸗ kommission wurde hierauf Gen. Rößler mit

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