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Nittel dentsche Kountags⸗ Zeitung.
Nr. 44.
keinen Preis in die Nähe eines anständigen Menschen kommen durfte, nachdem er in einem solchen Baum gestanden, denn es waren Dinge hineingeschüttet worden, die man gewöhnlich nur mit einem Fremdwort bezeichnet.— Wieder ist ein trüber und nasser Spätherbsttag zur Neige gegangen und die dunkle Nacht ist bereits hereingebrochen, da kommt auf der Landstraße von Friedberg ein Wagen gefahren und hält neben der Wohnung des Zöllners bei dem Kaufmann Schwarz an. Von seinem Fenster aus glaubt der aufmerksame Zöllner beobachten zu können, was da vorgeht, aber das Dunkel des Abends verhindert ihn daran. Zu seinem Glück hört er auf der Straße Schritte und ruft hinunter: Was ist das für ein Wagen? Hätte er lieber nicht gefragt, denn der Gefragte war ein Spaßvogel und Herr der Situation. Von dem Dunkel vor dem Erkennen geschützt, antwortet er: Ei, das war dem Herrn Gatzert von Heuchelheim sein Wagen, die haben ein Fässi abgeladen. Damit ging er und harrte an der nächsten Hausecke der Dinge, die da kamen. Rasch flog das Fenster des Zöllners zu und nach einiger Zeit erschien er selber in Uniform und Wasserstiefel. Inzwischen war der Wagen weiter gefahren und das nächste war, sich in dem Laden zu erkundigen, was da Steuerbares abgeladen worden.
„Bei Ihnen ist ein Fäßchen abgeladen worden,“ so herrscht er die Ladnerin an.
„Bewahre, bei uns ist kein Fäßchen abge⸗ laden worden“.—
„Freilich ist ein Fäßchen abgeladen worden, wo ist der Herr Schwarz?“— Sein Nachtessen unterbrechend, kommt Herr Schwarz und ver⸗ sichert ebenfalls, daß kein Fäßchen abgeladen sei. O weh! Nun muß der Zöllner dem Wagen nach, denn er muß der Sache sofort auf den Grund kommen. Das wäre doch noch schöner, ihm womöglich vor der Nase eine Steuerhinterziehung zu begehen, und im Geiste schon an dem Bericht arbeitend, macht er sich auf den Weg nach Heuchelheim, auf diesen Weg im Dunkel, ohne Laterne! Anhaltender Herbstregen hatte ihn recht hübsch aufgeweicht, denn damals verband diese beiden nahegelegenen Orte nur ein Feldweg. Und die Feldwege in der Wetterau, wie werden sie bei regnerischem Wetter ihrer lehmigen Beschaffenheit wegen so schön weich und schmierig. Doch, das darf den Zöllner nicht schrecken, er muß durch, möglichst rasch durch, und so langt er denn schweißtriefend in der Wohnung von Gatzert an. Das Fuhr⸗ werk war inzwischen auch eingetroffen, sein Verfolger hatte es nicht mehr einholen können, nur das Knarren der Räder auf der Dorfstraße hatte er noch gehört. Herein! Und mit einem kurzen, Guten Abend! rückt er der Sache direkt auf den Leib. Säumen gilt nicht und lange entschuldigende Einleitung kann zur Verdunke⸗ lung des Thatbestandes führen.„Ihr Fuhrwerk hat beim Herrn Schwarz ein Fäßchen abgeladen“, so redet er die erstaunt und verblüfft ob des späten Besuchs drein schauende Frau Gatzert, die nach dem Abendessen sich noch mit ihren Kindern unterhält, an.„Unser Fuhrwerk hat ein Fäßchen abgeladen? Davon weiß ich ja gar nichts.“
„Ja, ja es ist ein Fäßchen abgeladen worden.“ „Nun, ich will den Heinrich, so hieß der Knecht, hereinrufen lassen“. Bald erschien denn auch derselbe und sah mit großen Augen den vor ihm stehenden Zöllner an.„Sie haben beim Herrn Schwarz ein Fäßchen abgeladen, was war da drin und von wo haben Sie's mitgebracht?“
„Ich habe kein Fäßchen abgeladen, ich habe gar keins auf dem Wagen gehabt.“
„Freilich haben Sie ein Fäßchen abgeladen, es hat's einer gesehen.“
„Ach was, ich habe kein Fäßchen abgeladen, sage ich Ihnen noch einmal“.
„Hören Sie, Heinrich, was haben Sie denn in des Schwarze Laden gemacht?“ fragte Frau Gatzert besänftigend.
„Ei, ich habe die Oelkanne, die ich heute Morgen abgegeben, gefüllt wieder geholt und dann bin ich heim gefahren, aber von einem
und bei's Schwarze abpgesttegen und nach der Post gegangen, der kann bestätigen, daß ich kein Fäßchen auf dem Wagen hatte.“
„Es hat mir aber jemand ganz bestimmt gesagt, Sie hätten ein Fässi abgeladen!“
„Und ich sag' Ihnen, es ist nicht wahr.“ „Ja, welcher Herr Weber war denn das?“ fragt lächelnd, den Zusammenhang bereits ahnend, die Frau Gatzert.„Ei, der Dicke“, antwortet Heinrich. Nun aber kann Frau Gatzert nicht mehr an sich halten und mit einem raschen Blick auf die Stiefel des Zöllners, deren Aussehen ihr jetzt erst auffällt, fängt sie herzlich an zu lachen, und sie konnte herzlich lachen, die heitere Müllerstochter.
„Wissen Sie, da hat Ihnen ein Schalk einen bösen Streich gespielt, sagt sie zum Zöllner gewandt, der junge Herr Weber heißt, weil er so dick und rund ist, in der ganzen Gegend das Fässi, der ist von unserem Wagen ab⸗ gestiegen und da hat Ihnen ein böser Mensch gesagt, es wäre ein Fässi abgeladen worden. Es sst doch aber arg, Sie bei diesem Schmutz und am dunkeln Abend daherüber zu sprengen.“ — Sie muß wieder lachen und auch der Knecht Heinrich wird nun heiterer Laune und lacht respektwidrig, nur der Zöllner lacht nicht, aber die Zornader schwillt ihm. Platz zu nehmen und sich etwas zu erholen, das lehnt er dankend
schau wem? Wer bürgt dafür, daß nicht hinter einem kräftigen Aepfel⸗ oder Birnbaum ein neuer Schabernack seiner wartet? 11 8
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Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.
23)(Fortsetzung). 29. Wieder etwas Neues.
„Was hat auch der Oswald wieder?“ fragten sich die Bauern unter einander. Denn wenn alle Leute Feierabend hatten, lief er noch mit dem Schulmeister und einigen jungen Burschen in den Feldern herum. Die schleppten sich mit Ketten, steckten lange Stangen in die Erde, und Oswald sah immer uͤber einen kleinen, langbeinigen Tisch nach den Stecken, und konnte sich nicht satt daran sehen. Und der Schulmeister Heiter that es auch gern. Und an den Stecken war doch nichts zu sehen.
Es verhielt sich aber folgendermaßer: Oswald verstand das Feldmessen und hatte Bücher, die davon handelten. Und er hatte seinen Liebling, den Johannes Heiter, auch in dieser Kunst unterrichtet, nebst andern Bauernburschen, die Kopf dazu besaßen. Weil nun die Waldungen der Gemeinde sehr genau ausgemessen waren, kam er auf den Einfall, nach und nach in den Nebenstunden alle Güter, Wege und Stege des ganzen Gemeindebezirks zu vermessen und daraus eine große Karte zu machen.
Auf der Karte sah man sehr deutlich jedes Stück Land, jeden Steg, jeden Hag, jedes Haus. Eine Juchart war beinahe einen Zoll ins Geviert groß. Und die große Karte, wie sie fertig war, wurde im Gemeindshause aufge⸗ hängt. Da liefen nun tagtäglich Bauern hin und beschauten den Plan, und wunderten sich sehr. Denn sie fanden sich bald zurecht, und jeder erkannte seinen Acker, seinen Garten, seine Wiese. Und was das Beste war: in jedem Stück Feld oder Acker stand die Größe desselben,
enau bis auf einen halben Schuh, geschrieben. un erst wußte jeder recht eigentlich, wie groß seine Aecker und Wiesen waren, und er schrieb sich die Zahlen sorgfältig ab. Das war beim Kauf und Verkauf keine Kleinigkeit; denn bisher hatte man das Land nur nach Schritten geschätzt, und mancher zu wenig angegeben, mancher zu viel. Das war allerdings nun ein großer Nutzen.
Der Vorsteher Oswald sagte aber zu den Leuten, wenn sie den Plan betrachteten:„Das ist noch nicht der größte Nutzen; ich weiß noch einen bessern.“ enn sie ihn darum fragten, antwortete er:„Habt ihr's bis Lichtmeß nicht
ab, nur eine Laterne erbittet er sich, denn trau, 0
Als nun Lichtmeß kam und die Gemeinde
wegen verschiedener Angelegenheiten versammelt war, trat Oswald, nachdem man alles abge⸗ than hatte, hervor und sprach:„Ihr alle kennet sattsam den Plan von unserm Gemeinds⸗ bezirk, wie ihn der Schulmeister Johannes Heiter mit seinen Schülern genau und zierlich verfertigt hat. Ihr Männer, liebe Mitbürger, jedermann hat dabei seine besondern Gedanken gehabt, und auch ich die meinigen. Und diese will ich euch offenbaren. „Wenn ich die Felder übersah, die wir im Schweiße unseres Angesichts bauen, so that es mir oft weh im Herzen, daß die Arbeit uns so viel Mühe macht, und es that mir oft weh im Herzen, daß dabei Vieles nicht so gut angebaut ist, und folglich auch nicht so viel erträgt, als wohl sein sollte. Und ich warf meine Augen noch einmal auf den Plan, und stehe, da wurden auch die Augen meines Geistes eröffnet, und ich erkannte einen Hauptfehler in unserer Feldwirtschaft.
„Ihr Männer, liebe Mitbürger, es liegt nun sonnenklar am Tage, wenn ihr euch unter einander verstehet, so werden eure meisten Güter mit geringerem Aufwand von Zeit und Unkosten besfer besorgt werden und erträglicher sein können, als bisher.“
Da riefen viele Bauern:„Dazu wollen wir uns ohne Mühe mit einander verstehen, wenn es nicht einmal so viel kostet, als sonst!“
Oswald sprach:„Ich wünsche Glück dazu. Ich will euch sagen, was bisher viel Unkosten verursacht hat, die ihr nun sparen könnet, wenn ihr wollet. Das ist die Zeit.— Jeder von euch hat nämlich sein Land nach und nach zusammengeerbt oder zusammengekauft, wie es kam. Da hat er ein Stück am Berg liegen, ein anderes hinterm Wald, ein anderes wieder jenseits der Brücke, ein anderes neben der Landstraße, wieder ein anderes am Bach, und noch ein anderes beim Steinbruch. Da muß er nun Viertelstunden weit unnütz umherlaufen von einem Stück zum andern, eben so die Knechte und Mägde, eben so die Fuhre mit dem Dünger. Da wird ein Teil des Tages blos mit Gängen und Läufen verloren, wo man hätte arbeiten können. Da werden Magd und Knecht für Hin⸗ und Hergehen bezahlt, was doch nichts einträgt. Es wird daher um so viel weniger im Tage gearbeitet, und das Land um so weniger mit größtem Fleiß bear⸗ beitet, weil es an der nötigen Zeit gebricht. Mancher scheut sich, noch etwas Land zu kaufen, weil er das seinige kaum recht in Ordnung besorgen kann; und doch hat er nicht viel. Aber das Umherziehen von einem Stück zum andern nimmt die Zeit weg. Lägen alle seine Fel der beisammen und wären ein Ganzes, er könnte mit eben so vielen Leuten in eben so vieler Zeit noch einmal so viel Land besorgen, als er jetzt hat, und um so viel reicher sein.“
(Fortsetzung folgt.)
Humoristisches.
Reue.„Ja, Hintermeier, anders kann ich dich nicht absolvieren, außer du bereust es tief, was du Alles zusammengestohlen hast und giebst es wieder zurück!“— „Ja, Hochwürden, wenn i Alles wieder zruckgeb'n muß, nacha reut's mi scho tiaf, daß is g'stohl'n hob!“
Geschichtskalender.
2. November. 1901: Oesterreichischer Parteitag
in Wien. 2 3. 1901: Schoenlank's Beerdigung in Leipzig.
1848: Robert Blum und Fröbel in Wien verhaftet.
4. 1896: Me. Kinley zum Präsidenten der Ver⸗ einigten Staaten gewählt. 1847: Mendelsohn⸗Bartholdy, Komponist, F.
5. 1901: Frankreich besetzt die türk. Insel Lesbos. 1896: Nachwahl in Mainz und Gießen.
6. 1901: Sozial. Sieg bei den Berliner Stadt⸗ verordnetenwahlen, 1771: Senefelder, Erfinder des Steindrucks, in Prag,*.
7. 1890: Stöcker als Hofprediger entlassen. 1810: Fritz Reuter, plattdeutscher Dichter,“.
8. 1900: Eisenbahnunglück bei Offenbach. 1620:
Fäßchen weiß ich nichts, der junge Herr Weber von Echzell ist von Friedberg mit mir gefahren
erraten, so will ich es euch dann sagen.“ Sie errieten es aber nicht.
Eigentlicher Beginn des 30 jährigen Krieges. * geboren; T= gestorb.n
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