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Rr. 44. Gießen, Sonntag, den 2. November 1902. 9 Ieihr.. Redaktion: Redaktionsschluß irchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uh 555——
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Das Reich der Reichen.
Als das Deutsche Reich begründet wurde, hieß es in der offtiziellen Proklamation des neuen Bundesstaates, derselbe bedeute für das deutsche Volk einen eminenten Fortschritt in Bezug auf„Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung“. Das waren große Worte aber sie entsprechen leider nicht der Wirklichkeit. Der neue Militärstaat ließ von der„bürger⸗ lichen Freiheit“ nicht sonderlich viel übrig; er vernichtete sogar manches alte Stück Freiheit und legte seine Zwangsjacke da an, wo früher noch eine weniger gehemmte Bewegung möglich war. Die„Gesittung“ blieb dieselbe, denn die Auswüchse der Klassenherrschaft waren genau so schlimm wie zuvor. Und was die„Wohl⸗ fahrt“ anbetrifft, so stiegen die öffentlichen Ab⸗ gaben ununterbrochen, und die wenigen sozial⸗ politischen Errungenschaften mußten in längeren Kämpfen ertrotzt werden.
Die herrschenden Klassen freilich thaten, als ob ihnen die äußere Form der endlich zum Teil hergestellten Einheit das Wesentliche sei. Für ihre„Wohlfahrt“ wurde aber auch gesorgt. Sofort nach der Gründung des Reichs flutete der„Milliardensegen“ aus Frankreich herüber, der für uns schließlich ein„Milliardenfluch“ ward. Die fünf Milliarden, welche die Fran⸗ zosen als Kriegsentschädigung zahlen mußten, riefen anfangs einen unerhörten„Auf⸗ schwung“ in Handel, Gewerbe und Industrie hervor; sie entfesselten aber auch die tollste Spekulation und„Gründerei“, und die Folge war ein jäher Absturz. Ein„Krach“ und eine Geschäftskrisis folgten, die Hunderttausende in's Elend stürzten. Die Arbeitslosigkeit griff um sich, die Löhne sanken und das Volk mußte lange und schwer leiden, bis endlich die allge⸗ meinen Verhältnisse sich wieder etwas besserten. „Nachdem so die Bourgeoisie sich ihr Teil an der neuen„Wohlfahrt“ erheischt— jene Zeit brachte eine Menge Emporkömmlinge hervor — erwachte auch die Begehrlichkeit des konser⸗ vativen Teils der herrschenden Klassen, der Junker. Diese Kaste, die von der deutschen Einheit, getreu ihren feudalen Ueberlieferungen, niemals hatte etwas wissen wollen, wurde von ihrem Vorkämpfer und Idol Bismarck nun⸗ mehr auf den Gedanken gebracht, die Reichs⸗ maschine für ihre„Wohlfahrt“ auszunutzen. Bisher hatten die Junker nur einzelne Provinzen ausgepowert, jetzt wollten sie die Einheit benutzen, um ganz Deutschland auspowern zu können. Es bildete sich, nachdem Bismarck seine neue Steuer⸗ und Wirtschaftspolitik angekündigt, die Partei der Agrarier, die an sich nicht groß, doch einen mächtigen Einfluß hatte, weil in fast allen bürgerlichen Parteien agrarische Strömungen vorhanden sind. Sie machten die„Notlage der Landwirtschaft“ zur Parole und ergatterten mit derselben eine Reihe von Zöllen, Steuern und„Liebesgaben“ zum Vorteil der Großgrundbesitzer. Zur Zeit wollen sie ihre„Wohlfahrt“ mit dem Zoll⸗ tarif fördern, was ihnen hoffentlich nicht in dem Maße gelingt, wie ste es sich vorstellen.
Sonach hat also das Reich für die Wohlfahrt der herrschenden Klassen sein vollgerüttelt Maß beigetragen, während diese sich nicht entblöden,
häufig ein lautes Jammergeschrei zu erheben
über die angeblich so schweren Lasten, die ihnen durch das bischen sozialpolitische Gesetzgebung, die wir haben, auferlegt werden. Es nimmt sich das so kläglich aus, daß man im Auslande ganz gewiß nicht ohne äußerste Geringschätzung dieses Jammergeschrei mit anhören wird.
Wie es aber mit der Sorge des Reichs für die Wohlfahrt der Arbeiter beschaffen ist, das konnte man aus der letzten Debatte über die Arbeitslosigkeit im Reiche ent⸗ nehmen. Nicht die Sozialdemokraten allein— auch die Vertreter bürgerlicher Gruppen forder— ten, daß das Reich hier helfend eingreife. Und was der Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Graf Posadowsky, antwortete, bewies, daß man nichts thun will, und vielleicht auch nur sehr wenig thun kann.
Wahr ist es schon— der Klassenstaat von heute kann das wirtschaftliche Elend nicht aus der Welt schaffen. Für den Staatssekretär war es bequem, sich darauf zu berufen, daß der Klassenstaat in seiner gegenwärtigen Lage nicht viel thun kann. Er meinte, er habe nicht die Macht, die Produktion zu regeln und die Ar⸗ beitslosigkeit zu beseitigen, sonst würde er sehr glücklich sein. Nun, wir wissen wohl, daß die Macht des Staatssekretärs nicht sehr weit reicht, wir wissen aber auch, daß er nicht ohne national⸗ ökonomische Kenntnisse ist. Er wird wohl be⸗ griffen haben, daß die„industrielle Reservearmee“ die Löhne drückt, und er würde seinen Bourgeois, denen zu Liebe er die Arbeiter mit dem Zucht⸗ hausgesetz beglücken wollte, diese„Reservearmee“ nicht rauben, wenn er auch könnte. Aber er sagte auch, das Reich habe keine Mittel, um„der Arbeitslosigkeit zu steuern“. Das Reich kann in seiner gegenwärtigen Verfassung keine geschäftliche Krisis aus der Welt schaffen, aber es könnte viel thun, wenn es seine Mittel nicht für das Heer, für die Flotte, für die Kolonien und ähnliche Zwecke aufbrauchen würde. Den herrschenden Klassen kann das Reich Vorteile verschaffen auf Kosten der Ge⸗ samtheit; den Arbeitern aber erklärt man ein⸗ fach, daß man kein Geld habe, und glaubt da⸗ mit die Sache abgethan.
Das ist auch eine Staatskunst, aber wenn der Staatssekretär des Innern glaubt, damit auskommen zu können, dann irrt er sich. Wie weit man hinter den Anforderungen der Zeit zurückbleibt, zeigte sich auch hier. Den sozial⸗ demokratischen Anregungen, die ebenso verständig als dringend forderten, doch wenigstens das zu thun, was im Bereich der Möglichkeit liegt, wird man nicht stattgeben, denn man weiß nicht, ob man damit nicht die so zärtlich behüteten Interessen der„oberen Zehntausend“ schon zu sehr verletzt. Während man den notleidenden Agrariern einen ganzen Zolltarif ausarbeitet, hat man für die Arbeiter gar nichts.
Ein Pessimist könnte mit diesem Gang der Dinge eigentlich ganz zufrieden sein. Schneller und gründlicher kann sich doch eine Regierung kaum um das Vertrauen der Volksmassen bringen, wenn ein solches überhaupt noch vor— handen ist. Glaubt man denn an den grünen Tischen, die Arbeiter seien so unwissend und indolent, daß sie über diese Dinge gar nicht nachdenken? Jahraus, jahreli müssen sie ihre Steuern an den Staat zahlen; sie spüren, wie der Fiskus aus jeder ärmlichen Schüssel mit
ihnen speist, wenn nun da eine Epoche der Not hereinbricht, werden sie von demselben Staate kurz abgewiesen. Man giebt ihnen den Trost mit, die Notlage sei uur eine„vorüber⸗ gehende“. Wie gemütlich sich das sagen läßt! Hundert Jahre wird sie wohl nicht dauern, aber wie eng soll denn der Proletaxier seinen Riemen noch schnallen, um den Herren dort oben zu beweisen, daß eine Episode der krassen Not, welche den„oberen Zehntausend“ in ihrer Behaglichkeit„vorübergehend“ erscheint, den Armen in die schrecklichste Lage bringen kann, auch wenn es nach einiger Zeit wirklich sich bessern sollte! Das Letztere ist aber nicht ein⸗ mal der Fall, denn diese Krisis wird leider nicht so gar rasch vorübergehen.
Das Bekenntnis, daß der Klassenstaat nicht helfen will und auch ohne radikale Umkehr von der bisher betretenen Bahn nicht viel helfen kann, wird für die Arbeiter ein mächtiger An sporn sein, ihre Energie im Kampf um die, politische Macht zu verdoppeln. Die das Naturell des Klassenstaates noch nicht gekannt haben, können es nun kennen lernen.
So wirken unsere„Freunde“, die Feinde, selber eifrig mit, das Gebäude der alten Klassen⸗ herrschaft zu unterhöhlen und zu erschüttern. Die Arbeiter sind es zwar nicht allein, bet denen die„Reichsverdrossenheit“ geweckt worden, fie existiert zuch bei Anderen, wenn auch in etwas anderem Sinne. Für den Arbeiter hat seinerzeit ein Dichter die rechte Bezeichnung des Reichs gefunden, indem er es„das Reich der Reichen“ nannte.
Der Kampf um die Zölle.
Nachdem der Reichstag am Dienstag voriger Woche über die Mindestzölle für Roggen und Weizen abgestimmt hatte, trat er am Mittwoch in die Beratung des Gersten⸗ und Hafer⸗ zolles ein. Die von der Kommission für diese Getreidearten angenommenen Sätze, die noch weit über die Regierungsvorlage hinaus⸗ gehen, befriedigen besonders die süddeutschen Agrarier nicht. Unsere Genossen stellten den Antrag auf Zollfreiheit, den Dr. Südekum begründete. In vortrefflicher Weise skizzierte er die unangenehme Lage, in die die Regierung geraten ist; die eine Ohrfeige von rechts, eine andere von links empfangen habe. Dann ging Redner dazu über, die Schädlichkeit der Futter— zölle gerade für die Landwirtschaft und speztell für die kleinen Viehzüchter an der Hand un⸗ widerleglichen Zahlenmaterials zu erweisen. Der Reichsparteiler v. Kardorff wußte nur mit ein paar Allgemeinheiten darauf zu ant⸗ worten. Als ob die Linke noch nicht genug Agitationsstoff für die nächsten Wahlen hätte, bot der alte Gründer neues und recht wertvolles Material— neu allerdings nur in einem ge⸗ wissen Sinne—, indem er die alte reaktionäre Verunglimpfung der städtischen Arbeiterschaft, die einmal ein Junker als„skrophulöses Gesindel“ bezeichnet hat, auszugraben sich veranlaßt fühlte. Im Uebrigen hofft er noch auf einen Kuhhandel. Der Freisinnige Müller⸗Meiningen und der wildliberale Rösicke-Dessau geißelten trefflich
die rücksichtslose Interessenpolittk, wie sie die Mehrheit betreibt. Nach dem katholischen Pfarrer Gerstenberger, der in seiner christli
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