Ausgabe 
1.6.1902
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 22.

A 5 7 b Unterhaltungs-Ceil.

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Am Ziel.

Von J. Greie-Cramer.

Das schmale, weißgetünchte, üppig mit wildem Wein umrankte Häuschen stand am Ende der kleinen Stadt, inmitten eines ziemlich großen, wohlgepflegten Gartens. Vor dem Hause blühten auf einigen Beeten Geranien, Stief⸗ mütterchen, Veilchen und Reseda. Hinter dem Hause stand eine uralte, breitästige Linde in voller Blüte. Der liebliche Lindenduft mischte sich mit dem starken, süßen des Flieders, der, weiß und blau, mit vollen, schweren Blüten⸗ dolden eine kleine Laube umgab.

Die Fenster des Hauses waren geöffnet. Ein schier festlicher Odem durchwehte seine Räumlichkeiten. Es waren nur vier Zimmer im Erdgeschoß, aber ziemlich hoch und groß. In dem Vorderzimmer, um dessen Thür sich eine Guirlande aus Tannenzweigen mit bunten Papierblumen wand, war der Frühstückstisch hergerichtet. Das sah so einladend aus! Da stand frische Milch, Butter, Weißbrod und ein großer, goldbraun gebackener Napfkuchen. Auch ein Blumenstrauß fehlte nicht. Die Möbel des Zimmers waren äußerst einfach, aber Alles sah sauber und frisch aus. Der sanfte, leichte Morgenwind blähte hin und wieder die tadel⸗ los weißen Vorhänge auf und zu den geöffneten Fenstern schwankten ein paar wilde, zart⸗ grüne Weinranken herein. Der goldgelbe Kanarien⸗ vogel in dem kleinen, blitzenden Messingkäfig zwitscherte und jubelte mit dem lärmenden Spatzen⸗ und Sperlingsvolk draußen im Garten um die Wette.

Durch die wundersame Morgenstille klangen Glockentöne. Vom Kirchturm des Städtchens schlug es sechs Uhr. Im selben Augenblicke öffnete sich die Thür des Vorderzimmers und herein trat eine junge Frau, frisch und blühend, im hellen Kalikokleide. Prüfend überflog ihr Blick den sauberen, bescheidenen Raum, und man konte es ihrem Antlitz ansehen, daß sie hochbefriedigt war. Sie ging im Zimmer um⸗ her, zupfte ein wenig an den zierlichen, gehä⸗ kelten Haltern der schneeweißen Gardinen, rückte hier und da einen Stuhl zurecht und verließ dann wieder das Zimmer, da es für ihre Hand augenscheinlich nichts mehr zu thun gab. Sie trat unter die Hausthür. Ihr Auge ruhte sinnend auf dem Blühen und Grünen ringsum. Innige Freude ergoß sich über ihr gesundes, frisches Gesicht. Ihr Blick schweifte weit hin über die vollen, hell⸗ und zartgrünenden Felder und Wiesen, die sich von dem Häuschen aus bis zu den etwa eine halbe Stunde entfernten Bergen hinzog. Wolkenlos blaute der Himmel über der Erde. Die Sonne tauchte mit ihren Strahlen Alles in wundersamen Glanz. Ueber den dunklen Fichten⸗ und Tannenwald, welcher den Bergrücken bedeckte, lag ein bläulich⸗ weißer, durchsichtiger Duftschleier.

Ringsum wunderbare, feierliche Stille, nur unterbrochen von dem Gesang der Vögel.

Das junge Weib stand da und schaute und schaute, und konnte sich nicht satt sehen an dem zauberhaften Bilde des schönen Matenmorgens, bis das Kuirschen des Kieses sie in ihrer Andacht störte. Sie blickte sich um. Auf der Chaussee, die durch das Städtchen führte, kam ein großer, blonder Mann geschritten, vor sich einen Roll⸗ stuhl herschiebend, in welchem ein altes, grau⸗ haariges Mütterchen Platz genommen.

Die Augen des jungen Weibes verdunkelten sich. Sie eilte durch das Vorgärtchen hinaus auf die Straße, den Kommenden entgegen.

Dann stand sie still vor dem Rollstuhl.

Sie beugte fich nieder und sah in ein ein⸗ gefallenes, altes, liebes, ach gar so liebes

aber aus ihres Herzens Tiefe murmelte sie ein paarmal leise:

Mutter, meine liebe, liebe Mutter!

Und dann schritt sie, gebeugt, den einen Arm um den gekrümmten Nücken der Mutter gelegt, neben den Rollstuhl her.

Im Gärtchen angekommen, schaute die alte Frau verklärten Blickes umher. Sie sah das kleine Haus, über dessen Schindeldach die Linde ihr Geäst breitete, den blühenden Garten und dann legte sich ein tiefer Schatten über das gute, alte Gesicht. Die dünnen, welken Lippen zuckten. Ihre Stimme zitterte, als ste, emporblickend in das junge Gesicht der Tochter, leise sagte:

Der Vater, Toni, o, daß der Vater das noch hätte erleben dürfen!

Die Tochter küßte den Mund der Mutter.

Herzensmutter! Du sollst es gut haben auf deine alten Tage!

Die alte Frau nickte ein paarmal bedächtig.

Ja, ja, Toni, die Tage sind gezählt!

O Mutter!

Zum Kaffee! erscholl da die Stimme des Hausherrn, der inzwischen ins Haus gegangen und aus der Küche vom Herde die Kaffeekanne gefüllt mit dem braunen, duftenden Trank der Levante, geholt hatte und nun im Flur stand.

So sei willkommen liebe, teure Mutter! Im neuen Heim.

Die Glocken begannen zur Frühmesse zu läuten.

Es war am Nachmittag. Mütterchen saß in ihrem Rollstuhl unter der Linde in Erin⸗ nerungen versunken. Das junge Paar saß im kühlen Zimmer und plauderte und koste leise. Mütterchen konnte ungestört Gedanken spinnen.

Ja just so hatten sie sich es ihr ganzes Leben lang gewünscht sie uud ihr Anders, den man schon seit vier Jahren zum letzten Schlaf im kühlen Schoß der Muttererde gebettet! Und trotz allen Mühen und Ringens war ihnen die Erfüllung ihres Herzenswunsches versagt geblieben. Und sie hatten es sich doch so sehn⸗ lich gewünscht: ein kleines Haus, einen kleinen Garten, ein eigenes Heim!

Ach, sie hatten es sich so schön gedacht, Hand in Hand, des Abends nach gethaner Arbeit zusammenzusitzen vor dem Hause und zu plaudern. Wie hatten sie sich so schön aus⸗ gemalt! Das Häuschen und der Garten in ihrer Phantasie fix und fertig da, und sie konnten gar manchmal schon ordentlich in Eifer geraten über eine zweifelhafte Frage bis sie sich lächelnd in die Augen schauten, und sie dann sagte, halb vorwurfsvoll, halb verschämt:

Aber Anders wir habens ja auch noch gar nicht! Sie hatten keinen Sinn für etwas Anderes. Sie arbeiteten, sparten, darbten aber ihr Wunsch blieb unerfüllt!

Sie mühten sich Beide ab und arbeiteten rastlos, unermüdlich.

Als sie sich verheirateten, zählte sie dreißig Jahre, ihr Anders deren fünf mehr.

Und sie hatten sich lieb, so lieb, wie sich nur zwei Menschen haben können, die einzig und allein auf sich angewiesen find.

Er war fleißtg, arbeitssam und nüchtern. Sie wußte das Verdiente zusammenzuhalten und war eine gar flinke wirtschaftliche Frau.

Aber trotzdem, die Sorgen, die bitteren, schweren Sorgen, sie blieben nicht aus.

Ein Kind kam nach dem andern, bis es deren neun waren, und sie alle starben wieder, jung, rasch hintereinander. Nur das Jüngste, ein Mädchen, war ihnen geblieben. Das war Toni, ihr Trost, die Augenweide der beiden Alten. Ja, das Leben war hart und warf kalte, düstere Schatten. Aber sie verloren den Mut nicht. Gegenseitig richteten sie sich auf. Die Krankheiten und Todesfälle hatten den so mühsam erworbenen Sparpfennig aufgezehrt, sie machten noch Schulden dazu, sie brauchten lange Jahre dazu, um dieselben abzutragen, und dann fingen sie wieder von vorn an. Aber es ging nicht mehr so recht vorwärts. Es war flaue Geschäftszeit. Anders war auch nicht mehr der Jüngsten einer, und schätzte sich glück⸗ lich, wenn er das erwarb, was sie zum Leben

Gesicht, zwei Arme, die sich ihr entgegen⸗ streckten, sie vermochte nicht viel zu sprechen,

bedurften. Sie selbst konnte nichts mit ver⸗

dienen. Mit den Jahren hatte sich bei ihr der Rheumatismus eingestellt. Sie konnte kaum ihre kleine Wirtschaft besorgen.

So verging Jahr um Jahr; Anders beging feinen fünf und sechzigsten Geburtstag. Die Arbeit wollte ihm gar nicht mehr recht von Händen gehen. Die Augen wurden trübe und versagten oft ganz den Dienst. Das Alter machte sich mehr und mehr bemerkbar. Und eines Tages konnte er nicht vom Bett aufstehen.

Nun werde ich's wohl bekommen, Mutter, sagte er am Morgen, wehmütig lächelnd. Ein kleines Haus und ein Fleckchen grünen Rasens; arme, arme Alte!

Und am selben Abend starb er.

Das war das Ende des stets rührigen, arbeitsamen Lebens ihres Mannes gewesen!

Und nun war sie allein!

Alt, schwach, krank und arm!

Am offenen Grabe stehend, gedachte sie noch einmal ihres gemeinsamen Lieblingswunsches er wurde mit ihrem Manne begraben!

Toni war in der Residenz. Sie hatte dort eine gute Stelle und unterstützte ihr gutes, altes Mütterchen, wo sie nur konnte. Sie hatten sich jahrelang nicht gesehen. Und da kam sie eines Tages, fiel der Mutter um den Hals und erzählte ihr von einem lieben, braven Burschen, dem sie und der ihr so gut, ach! gar so gut sei. Ste wollten sich heiraten, bald, und die Mutter sollte zu ihnen ziehen und von fen Liebe und Sorgfalt ihrer Kinder umgeben ein.

Er war Schlosser und hatte von seinen Eltern eine Summe Geld geerbt, die just groß genug war, um ein kleines Haus vor dem Städtchen, das schon lange leer stand und eines Käufers harrte, zu erwerben. Arbeit fand er im Städtchen und Tonis Schatz griff ohne langes Besinnen zu. Mutter sollte erst einziehen, wenn Alles fix und fertig war im Haushalt des jungen Paares und der Garten grünte und blühte.

Und endlich war es so weit.

Der Kauf war abgeschlossen, das Haus in Stand gesetzt und eingerichtet, und an einem Samstag Vormittag schlossen Toni und ihr Liebster den Bund fürs Leben. Gleich am andern Morgen ganz frühzeitig schritt der junge Ehemann hinunter ins Städtchen, um die Mutter aus ihrem ärmlichen Dachstübchen hinaufzuholen ins neue, behagliche Heim. Der Wunsch ihres Lebens ging in Erfüllung! Nur ihren guten Alten, ihren Anders war's nicht vergönnt gewesenn

All diese Gedanken gingen der alten Frau durch den Kopf, die still, die Hände im Schooß ge⸗ faltet, in ihrem Rollstuhl saß. Und ihr Blick chweifte umher.

Sie sah weit weit hinaus, in die sonnen⸗ goldene blühende lachende Maienwelt. Ueber ihr in der Linde jubelten die Vögel. Sie saßen überall auf jedem Aste, in jedem Zweig schmetterten die gefiederten Sänger ihre Weisen n die milde, warme Mailuft.

Und der Himmel war so blau, so hoch, so fern, so weit und eine Lerche stieg tirilirend empor, erst flattertete sie leicht hin und her, ihre dunklen, zarten Schwingen gleichsam badend im lauen, unendlichen Luftmeer dann stieg sie mit einemmale kerzengrad empor, höher, immer höher, bis sie ein winziges, schwarzes Pünktchen, dem Auge der alten Frau ganz entschwand.

Es wurde ihr mit einemmale so seltsam leicht und glücklich zu Mute. Das eigene Heim! Ach, das ihr das noch beschieden!

Wohl, sie war alt und müde, sterbens⸗ müde aber es war ihr doch vergönnt gewesen unter der Linde in ihrem Gärtchen zu sitzen. Es war eigentlich nicht ihr ge bam Heim, sondern das ihrer Kinder, aber damit rechnete sie nicht. Darauf kam es schließlich nicht an. Eine nie gekannte Behaglichkeit, ein tiefer Friede und das Gefühl gänzlicher Wunschlosigkeit über⸗ kam die gute Alte.

Die Linde und der Flieder dufteten so stark, 110 und wieder brach ein grüngoldiger Sonnen⸗ trahl durch das schattige Gezweig und zitterte im hellen Reflexen auf dem grauen Scheitel

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