selbständige Handwerker oder
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 22.
Brecher, 277 Pflastersteinarbeiter c. Nach dem Kassenbericht betrug die Einnahme im Jahre 1901 einschließlich eines Kassenbestandes von 42 859 Mk. im Ganzen 172 410 Mk. Die Gesamtaus gaben betrugen 129391 Mk., so daß ein Kassenbestand am 31. Dez. 1901 von 43019 Mk. verbleibt. Die haupt⸗ sächlichsten Ausgaben sind: 7316 Mark für schriftliche und mündliche Agitation, 14966 Mk. Reiseunterstützung, 64229 Mk. Streikunterstützung, 2052 Mk. Unter⸗ stützung Gemaßregelter, 368 Mk. Umzugskosten, 1032 Mk. Gerichtskosten und Rechtsschutz, 21 300 Mk. zurückge⸗ zahlte Darlehen ec.
Der Kongreß beschäftigte sich dann weiter mit der Erweiterung der Unterstützungseinrichtungen; es wird Einführung einer Krankenunterstützung beschlossen, die Arbeitslosenunterstützung hingegen abgelehnt. Nach einer längeren Diskussion über die Form der Organisation beschloß der Kongreß die Errichtung eines Zentralverbandes.
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Von Nah und Fern.
Hessisches.
Die zweite Kammer tritt bereits an diesem Freitag, nicht erst am Moutag zu einer jedenfalls nur kurzen Tagung zusammen. Auf der Tagesordnung steht u. a. die Regie⸗ rungsvorlage betr. die Errichtung von Irren⸗ anstalten, deren eine nach Gießen gelegt wer⸗ den soll. Ferner kommt der Staatsvertrag mit Preußen und Baden betr. die Main-Neckar⸗ Bahn zur Beratung.
Gießener Angelegenheiten.
— Im soz.⸗dem. Wahlverein sprach in der letzten am 25. Mai stattgefundenen Versammlung Gen. Vetters über die bedeutenderen politischen Vorkommnisse der letzten Wochen. Bei Behandlung anderer Angelegen⸗ heiten wurde über die von Seiten der Stadtverordneten⸗ Versammlung erfolgte Bewilligung der 4000 Mk. zum Zwecke eines Festes anläßlich der Immatrikulation des 1000. Studenten bemängelt und gefragt, warum unsere Genossen sich nicht dagegen gewandt hätten. Dem gegen⸗ über bemerkten Gen. Krumm und Andere, daß erstens einmal der Einspruch unserer Genossen in der Stadtverord⸗ netenversammlung die Bewilligung nicht verhindert haben würde, dann biete aber auch diese Angelegenheit weniger als andere Dinge Angriffspunkte. Zweifellos werde das ganze Erwerbsleben in Gießen nicht unbedeutend von der Universität beeinflußt; feiere die Stadt die Ent⸗ wickelung der Hochschule durch ein Fest wie das geplante, so sei das begreiflich und nicht viel dagegen einzuwen⸗ den. Dieser Ansicht war die große Mehrheit der Ver⸗ sam nlung.
— Ortskrankenkasse. Nach dem jüngst er⸗ schienenen Gesch äfts⸗Bericht betrug die durchschnitt⸗ liche Mitgliederzahl im letzten Jahre 4418. Es kamen 2081 Erkrankungsfälle vor mit zusammen 38422 Krankheitstagen. Auf den einzelnen Krankheitsfall entfällt durchschnittlich 22.99 Mk. Krankengeld. Sterbe⸗ fälle kamen 32 voc, gegen 30 im Vorjahre. Die Ein⸗ nahmen betrugen einschließlich des Kassenbestandes von 7401,68 Mk. 125 754,34 Mk., die Ausgaben 117331.68 Mk., so daß ein Kassenbestand von 8422.66 Mk. verbleibt. Einschließlich des Reservefonds von 63457 Mk. beträgt das Vermögen der Kasse 125780 Mk. Ueber die freie Arztwahl sagt der Bericht, daß sie sich gut bewährt habe. Die Einführung der vollständig freien Arztwahl dürfte nicht mehr fern liegen.„Aber gleichzeitig mit diesem Schritte das Verlangen der Herren Aerzte auf Einführung der Honorirung nach der sog. Minimaltaxe zu erfüllen, ist ein Unding, wie über⸗ haupt ein derartiger Honorirungsmodus von den Krankenkassen kaum zu erfüllen sein dürfte.“
— Der Jahresbericht der hessischen Gewerbeinspektion ist kürzlich erschienen und enthält eine Menge interessanten Materials. Wir werden in den nächsten Nummern unseres Blattes uns eingehender damit beschäftigen.
— Arbeiter“⸗Vereine. Nach einer Statistik des Vorstandes des mittelrheinischen Verbandes evangelischer Arbeitervereine zählt der evangelische Arbeiterverein in Gießen 314 Mitglieder. Darunter sind 110, also ein nur reichliches Drittel, Arbeiter, die übrigen sind
ö f Pastoren, Wirte, Krämer ꝛc. Bei einer derartigen Zufammen⸗ setzung einer Organisation muß sich jeder von selbst sagen, daß dort von einer Vertretung der Arbeiterinteressen keine Rede sein kann. Wenn ihr trotzdem 110 Arbeiter angehören sollten, so ist das ebenso bedauerlich, wie die betreffenden Arbeiter ob ihrer Einsichtslosigkeit zu bemit⸗ leiden sind. Uebrigens zeigt der evangelische
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„Arbeiter“ Verein seine Arbeiterfeindlichkeit auch dadurch, daß er fast regelmäßig bei festlichen Veranstaltungen der Gewerkschaften oder der Partei ebenfalls ein Fest abhält, um seine Schäfchen vor der Zusammenkunft mit den bösen Sozialdemokraten zu bewahren.
— Ein Delegiertentag des Gastwirte⸗Verbandes fand am 26., 27. und 28. Mai hier in Gießen statt. Das sind zwar drei Tage;„getagt“ wurde aber nur am Dienstag wenige Stunden. Bei dieser Hauptversammlung griff Herr Reinemer aus Darmstadt besonders die Bundesratsverordnung betreffend die Ruhezeit des Gastwirts⸗ personals zum größten Teil mit höchst faden⸗ scheinigen Gründen an. Viel berechtigter waren schon die Beschwerden über die Klaviersteuer, Stempelgebühren bei Konzessions⸗Uebertragung etc. Weiter wurde die Bildung von Kranken⸗ kassen erörtert. Damit sind solche für die Ange⸗ stellten gemeint; man möchte diese nicht gerne in den Ortskassen versichern, wegen angeblich zu hoher Beiträge. In das Krankenkassenwesen sollten die Gastwirte wirklich nicht auch noch hineinpfuschen. Je größer auf diesem Gebiete der Zusammenschluß, um so besser für alle Beteiligten.
— Ueber die sozialen Aufgaben der Städte sprach am Montag A. Damaschke aus Berlin in einer im Café Ebel stattgefundenen Versammlung des nationalsozialen Vereins. Der Vortragende, der auf dem Gebiete der Gemeindepolitik als sehr bewandert gilt, be⸗ leuchtete besonders die Wohnungsfrage und führte erschreckende Beispiele der herrschenden Wohnungsnot an, durch die das Volk mehr Kraft, als durch verlorene Schlachten einbüße. Hier müßte eine vernünftige Kom⸗ munalpolitik einsetzen. Den Terrainspekulationen müsse man durch zweckmäßige Besteuerung auf den Leib rücken; noch besser wäre es, wenn die Gemeinde selbst Grund und Boden erwerbe und im Erbbaurecht abgebe. In der Diskussion erklärte Bürgermeister Mecum, daß er beabsichtige, größere Gelände im Erbbaurecht zu vergeben und Einrichtungen zu treffen, daß unter Umständen auch das Baukapital vorgeschossen werden könne. Schließlich wurde eine Kommission gewählt, welche die Gründung einer Ortsgruppe der Bodenreformer in die Wege leiten soll. 6
— Der Antisemit Reuther aus Offen⸗ bach war vor einiger Zeit vom hiesigen Schöffen⸗ gerichte zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden, weil er in seinem Blatte einem israelitischen Einwohner in Großenbuseck nachgesagt hatte, daß dieser einen Einbruch bei sich fälschlich behauptet habe, um Entschädigung von der Versicherung zu erlangen. Reuther legte gegen das Urteil Berufung ein, diese wurde jedoch am Freitag von der Strafkammer verworfen.
Aus dem Rreise Wetzlar.
* Schon wieder eine„Berichtigung.“ Die Inhaber der Firma Hensold u. Söhne scheinen durch unsere Mitteilungen über die dortigen Lohnverhältnisse sehr nervös geworden zu sein. Dazu haben die Herren gar keine Veranlassung. Unsere erste Notiz hat sich doch eigentlich gar nicht gegen die Firmeninhaber, sondern vielmehr gegen die Interesselosigkeit der Arbeiter gerichtet. Jetzt bestreitet die Firma wieder die Richtigkeit unserer Bemerkung in der letzten Nummer; es hätten auch Akkordabzüge nicht stattgefunden. Wir bewundern die außer⸗ gewöhnliche Kühnheit der Herren, die höchstens dadurch erklärlich wird, daß sie meinen, wir hätten eine allgemeine und etwa erst dieser Tage erfolgte Reduktion der Akkordsätze be⸗ hauptet. Um keine Mißverständnisse uufkommen zu lassen wiederholen wir, daß die früher(bor etwa zwei Jahren) für einzelne Artikel gezahlten Akkordpreise nicht blos um 20-30, sondern sogar um 50—60 Prozent herabgedrückt worden sind. Diese Thatsache— und noch mehr— sind wir zu beweisen in der Lage, es läßt uns deshalb ziemlich kalt, wenn die Firma wiederholt mit gerichtlichem Vorgehen droht. Anstatt mit solchen Mitteln zu operieren und anstatt für die Veröffentlichung dieser Dinge unschuldige Leute verantwortlich zu machen, wäre es unseres Erachtens dem Berufszweige viel nützlicher und würde auch der Firma besser
anstehen, wenn ste sich die Firma Zeiß in Jena und Leitz in Wetzlar zum Muster nähme
und dadurch zur Erhaltung und Befestigung des guten Rufes, den die Branche in Bezug auf Arbeitsverhältnisse genießt, beitragen würde. Aber wir haben uns in der Hauptsache mit dem Verhalten der Arbeiter beschäftigt, die zum Teil selbst schuld sind, wenn Verschlechte⸗ rungen eintreten. Wenn sie nicht verstehen, ihr Arbeiterinteresse zu wahren, so werden sie bei der vielfach in der Branche herrschenden maß⸗ losen Lehrlingszüchteret bald auf die Lohnstufe der Zigarrenmacher und Textilarbeiter herab⸗ gedrückt sein.
h. Der polizeiwidrige Stier. In den bäuerlichen Kreisen des Wetzlarer Bezirks macht sich in letzter Zeit eine große Erregung bemerkbar. Sie richtet sich gegen die vom
der neulichen Generalversammlung des Land⸗ wirtschaftlichen Vereins zu erregten Debatten Veranlassung gab und auch zu einer gericht⸗ lichen Verhandlung führte. Letztere war von dem Landwirt Keiner in Werdorf veranlaßt worden; um ein gerichtliches Urteil über die Rechtsgiltigkeit der Körordnung zu erlangen, die er bestritt. Das Gericht erklärte jedoch die Verordnung für rechtsgiltig und verurteilte den Angeklagten wegen Uebertretung derselben. Die Verordnung schreibt vor, daß die Gemeinden nur Stiere einer bestimmten Rasse(der Vogels⸗ berger) halten dürfen; ein Stier anderer Rasse wird nicht angekört. Das erregt den Unwillen der Bauern, die die Simmenthaler Rasse wenig⸗ stens als Ma st vieh für geeigneter halten. Als besonders ungerecht wird empfunden, daß fast alle größeren Höfe im Kreise Simmenthaler Vieh produzieren— diese dürfen nämlich Stiere dieser Rasse halten— und so dem Kleinbauer gegenüber im Vorteil sind.
Aus dem ANreise Marburg⸗Nirchhain.
St. Der hiesige Buchdruckerverein veranstaltet am Sonntag, den 1. Juni, einen Aus ⸗ flug. Zunächst geht es per Bahn morgens 4.49 Uhr nach Allendorf; von dort zu Fuß über Neustadt, wo⸗ selbst die Vereinigung mit den Ziegenhainer Kollegen stattfindet, mit diesen durch das herrliche Schwalmthal nach dem bekannten Malerdorf Willingshausen und dann weiter nach Ziegenhain. Dortselbst findet von 2 Uhr nachmittag ab die zweite diesjährige Bezirks⸗ versammlung stat.. Da an diesem Tage in der Schwalmgegend, wozu auch Ziegenhain gehört, die sog. „Salatkirmes“ gefeiert wird, so dürfte es nach Erledi⸗ gung des geschäftlichen Teils an Amüsement nicht fehlen. Hoffentlich wird auch der Himmel keinen Strich durch die Rechnung machen.— Zu der im Juni d. J. in München stattfindenden Generalversammlung des Ver⸗ bandes der deutschen Buchdrucker wurde u. a. auch der Kollege Hubert Weber von hier als Delegierter ge⸗ wählt.
— In Ockershausen wird gegenwärtig lebhaft für die Gründung eines Konsumvereins agitiert. Der Hauptmächer ist ein dortiger Krämer, welcher wohl befürchten mag, daß sich die dort zahlreich ansässigen Arbeiter dem hiesigen Konsumverein anschließen möchten, was allerdings in diesem Falle mit dem Ruin jenes Herrn so ziemlich gleichbedeutend sein würde. Jedenfalls spekullert der Mann dabei auf den Posten des Lager⸗ halters oder etwas ähnliches. Für die Ockershäuser Arbeiter wäre es besser, wenn sie sich möglichst zahlreich dem hiesigen, auf solider und sicherer Grundlage stehenden Verein anschließen würden; es wäre dann vielleicht die Möglichkeit gegeben, in Ockershausen selbst oder wenig⸗ stens in der Nähe eine Filiale zu errichten. Von der Gründung eines derartigen Konsumvereins, ohne Anschluß an die Großeinkaufsgenossenschaft in Hamburg, möchten wir den Arbeitern in ihrem eigenen Interesse abraten.
Prozeß Sanden.
Am Montag begann in Berlin der mit Spannung erwartete Prozeß gegen die Bank⸗ direktoren der Spielhagengruppe. Auf der Anklagebank nimmt eine„feine“ Gesellschaft Platz, nämlich: 1. der Bankdirektor Kommer⸗ zienrat Sa nden aus Potsdam; 2. der Bank⸗ direktor Heinrich Schmidt aus Charlotten⸗ burg; 3. der Bankdirektor Buchmüller aus Charlottenburg; 4. der Banquier Kommerzien⸗ rat Eduard Schmidt aus Berlin; 5. der Bankdirektor Warsinski aus Potsdam; 6. der Bankdirektor Haenschke aus Zehlen⸗
dorf. Eine Schaar Justizräte und Rechtsan⸗ wälte führen die Verteidigung. Die Vorge⸗
Landrat erlassene Körordnung, die auch bei
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