Ausgabe 
27.12.1851
 
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O du Hartherzige! rief Eleonore aus und nahete ſich wieder der Kranken. Stiller und ſtiller ward dieſe. Ihr erſt hochrothes Antlitz nahm eine bleichere Färbung an und der Athem ſtockte von Zeit zu Zeit. 5

Sie ſtirbt! jammerte Eleonore und ſuchte Troſt bei Camilla, welche ſich wieder niedergelegt hatte.

Camilla! mein Jeſus! Camilla! ſo habe doch Er barmen mit mir und Emilien. Sie iſt ja dein

Nun höre ſogleich auf! unterbrach ſie Camilla

ärgerlich. Soll man nicht einmal des Nachts Ruhe haben dürfen? Sie wendete ihr Geſicht nach der Wand und ſchloß die Augen.

Stirb, ja ſtirb, armes Kind! ſprach Eleonore außer ſich zu der Kranken. Du haſt ja weder Vater, noch Mutter mehr. Darum geh' du lieber zu deinem himmli⸗ ſchen Vater. Doch nein! ſtirb nicht Milchen! höre nicht auf meine Worte. Ich will dir Vater und Mutter zugleich ſein. Darum lebe ferner und werde wieder geſund. Ach, Herrgott! merk auf mein Wort! Vernimm mein Schreien, mein Flehen, denn ich will vor dir beten. Und die Jung⸗ frau betete mit Andacht, mit Inbrunſt, unter heißen Thrä⸗ nen. Sie bettete ihr Haupt neben die Kranke und weinte ſich ſatt.

Endlich kam der heiß erſehnte Morgen. Cleonore lief zu ihrem Arzte und beſchwor ihn mit dick verweinten Augen um des Kindes Rettung. Als ſie wieder heim kam, fand ſie ihre Schweſter aufgeſtanden und des Kaffee's harrend. Da derſelbe noch nicht gekocht war, ſo brach Camilla in laute, bittre Klagen aus:

Um Alles in der Welt möchte ich noch eine ſolche Nacht, wie die vergangene nicht erleben. Was zu arg iſt, das iſt zu arg. Eine Mutter kann es nicht ſchlimmer um ihr Kind treiben als du um Emelie. Und du biſt auch ihre Mutter; leugne es nur nicht. Sieht ſie dir nicht zum Sprechen ähnlich? Geht ſie dir nicht über Alles? Sagen nicht alle Leute, daß du die Mutter ſeieſt? Für mich haſt du keinen Bettſchirm gegen die kalte Zugluft vor die Stubenthüre geſtellt, wie du wegen Emilie ge than. Für mich haſt du noch nicht gewacht, geweint, ge betet, den Arzt herbeigeholt; für mich,/

Jetzt riß auch Eleonorens Engelsgeduld.Mir ſagſt du das, Camilla?, unterbrach ſie ihre Schweſter im auflo⸗ dernden Zorne.Auf mich wirfſt du den Stein, der dir gebührte? So wäre wirklich dein Kaltſinn gegen Emilie nicht bloß eine kluge Verſtellung geweſen? Ha! ich will dich tief beſchämen!

Aus ihrer Schublade holte ſie ein verſchloſſenes Sei dentüchlein herbei, welches ſie vor Camilla ausbreitete. Kennſt du das 2, fragte ſie dabeiEs iſt daſſelbe Tuch, was ich dir einſt leihen mußte und welches du auf deiner eiligen Flucht mitgenommen hatteſt.

Was ſoll mit dem Tuche ſein?, fragte Camilla betroffen.

In dieſes Tuch fuhr Eleonore mit erhobener Stimme fortwar Emilie eingehüllt, als ſie uns vor drei Jahren in einem Hebekorbe überbracht worden war. Und drei Tage zuvor war bei der Hebeamme Heberlein in der Badergaſſe eine fremde junge Dame von einem Mädchen entbunden worden, welche eine Sängerin war

und Camilla Niedner hieß. Das Letztere habe ich erſt vor einem Jahre erfahren und es unſrer Mutter bisher verſchwiegen. 1

Beide überhörten in ihrer gewaltigen Aufregung ein ſchwaches Geräuſch hinter dem Bettſchirme, welches von einer dritten zwar fremden Perſon herrührte.

Camilla war zur Leiche geworden.

Die Mutter, fuhr Eleonore fortwollte das Kind dem Findelhauſe übergeben und auch ich er⸗ kannte dieß als eine Nothwendigkeit, die ich meinem Rufe ſchuldig ſei. Als ich aber das verſtoßene, hilfloſe Weſen aus ſeiner Hülle nahm und dieſes Tuch erkannte, da errieth ich in dem Kinde dein Fleiſch und Blut und dieſes Blutes Stimme ſchrie ſo unwiderſtehlich zu mir um Er

barmen, daß ich, meinen guten Namen preisgebend und

eine ſchwere Sorge übernehmend, die Mutter bewog, Emilie zu behalten. Und für dieſe Liebe und Aufopferung belohnſt du mich nun mit den bitterſten Vorwürfen?! Wehe! wehel

Während dieſes Weherufs ward die Stubenthüre leiſe aufgeklinkt und, von dem Bettſchirm verdeckt, ſchlüpfte ein Mann hinaus.

Camilla verharrte ſtumm und vernichtet. Auch Eleo⸗ nore ſchwieg. Sie nahm ihren Sitz am Krankenbette wieder ein und lauſchte bang den ſchweren Athemzügen des Kindes.

Nach einer halben Stunde klopfte es vernehmbar an die Thüre und herein traten zwei Herren.

Sie wieder zurück, Herr Martin? rief Eleonore überraſcht aus, indem ſie in dem einen Herrn ihren einſti gen Gläubiger erkannte.

Jal, verſetzte Martin bewegt.Doch davon ein andermal. Mit Bedauern habe ich die Gefahr vernommen, in welcher Ihr kleiner Pflegling ſchwebt, und mir daher erlaubt, hier den Herrn Midicinalrath Baumgarten mitzu⸗ bringen, damit er des Kindes Zuſtand und die von ihrem Arzte angewendeten Heilmittel prüfe.

Sie ſind unſer Schutzengel! ſprach Eleonore in ihrer dankbaren Aufwallung.

Still! ſagte Martinmachen Sie mich nicht erroͤthen.

Der Medicinalrath unterſuchte nun die Kranke und gab dann die beſten Hoffnungen. Das waren Worte des Troſtes, die nicht mit Gold aufzuwiegen waren.

Beim Weggehen ſagte Martin heimlich zu Eleonore: Betrachten Sie meine Hand als die eines Freundes. Darum gehen Sie nicht an demſelben vorüber, ſollten Sie irgend eines Beiſtandes benöthigt ſein.

Noch einmal erwachte Camilla's Stolz.

Die Herren ſprach ſieſchienen mich gar nicht zu bemerken. Du hätteſt mich ihnen auch vorſtellen können, Lore! Mein Name iſt in ganz Deutſchland ge kannt und hoch berühmt. Dabei hätte ich die Gelegen heit benutzt, um den Medicinalrath über meinen Geſund heitszuſtand zu befragen. Noch Eins! Lorchen verſprich mir heilig, der Mutter nichts zu entdecken. Hörſt du? nichts und Niemandem!

(Schluß folgt.)

Bekanntmachungen von Be⸗ hoͤrden.

Fruchtverſteigerung.

(2047) Montag den 29. Dezember l. J., Nachmittags um 2 Uhr, werden in hieſigem Rathhauſe 50 Malter Korn von dem Frucht⸗

Vorrathe des Auguſtiner⸗Schulfonds dahier, zwei⸗ malterweis an den Meiſtbietenden verſteigert.

Friedberg den 17. Dezember 1851. Der Großh. Heſſ. Bürgermeiſter

Haferverſteigerung zu Friedgerg.

(2066) Mittwoch den 31. d. M., Vormit⸗ tags 10 Uhr, werden in dem Gaſthauſe zum

Maulbeerbaum dahier circa 20 Malter Hafer, welche zu Stammheim lagern und daſelbſt in Empfang zu nehmen ſind, öffentlich verſteigert. Friedberg den 12. Dezember 1851. Der Gr. Rentamtmann des Rentamts Friedberg Domänenrath Beau ß.

Edietalladung. (1989) Ueber das Vermögen des Johann Philipp Jung von Friedberg iſt der förmliche

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Bender.

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