Aus dem Leben eines Vogelsbergers in Krieg und Frieden. Erzählung von W. O. v. Horn. (Fortſetzung.)

Ja, angeſchafft! rief ich; wie du's verſtehſt. In unſerm Dorfe ſind nur noch anderthalb Burſche, nämlich der ſcheele Jörg, der ein Kerl iſt, ſo lang wie unſer Ca⸗ pitän, der Kaſſeler, und der Hannes, der iſt ſo dünn, wie ein Nähfaden, und wenn er drei Schuh hoch iſt, ſo iſt er ein Rieſe. Das waͤr' denn doch ein hundsſchlechter Ge ſchmack!. i 5

Bleib' mir mit den Mädchen vom Leibe! rief der Fulder. Aus den Augen, aus dem Sinn, heißt's da, und iſt ſonſt keiner da, nehmen ſie auch den Ausſchuß. Trau! ſchau, wem. 0

Aber es war ſo einer, der überall Unrath ſah, ſonſt nicht übel. Ich dachte: machſt mir meinen Gaul nicht ſcheu, wenn ich auch einen hätte. Das Bärbelchen wird kein Narr ſein und den ſcheelen Jörg nehmen, der als Spatzenſcheuche in einem Erbſenlande dienen konnte, oder den kleinen Hannes, der ihm bis an den Ellenbogen reicht! Fehlgeſchoſſen, guter Bruder Fulder! das muß ich doch beſſer wiſſen! Und mir die Treue brechen? Nein, da muß etwas anders im Spiele ſein!.

Zu ſolcherlei Reden und Gedanken war nicht mehr lange Zeit, denn bald hörten wir den Kanonendonner bei Leipzig. Wir kamen mitten in die Schlacht, die den Fran⸗ zoſen den Garaus machte. Da pochte das Herz! So ein Kanonendonner, Herr das iſt ein Gekrach! Die Erde bebt einem unter den Beinen und man könnte ſchwören, der jüngſte Tag ſei da- Und wie ging's zu? Herr meines Lebens! da kamen Wagen voll Verwundeter, daß einem das Herz blutete, die jammerten, heulten aber fort ging's ohne Erbarmen. 5

Als wir näher kamen, wurde Halt gemacht. Die Adjutanten ſprengten da herum wie Irrwiſche im Moor. Da dachte ich nicht mehr heim, ſondern wie ich mich ſal viren und zu den Deutſchen kommen könnte. Jetzt erſt war ich feſt entſchloſſen, mich für die Franzoſen nicht todt ſchießen zu laſſen. Als wir uns ein bischen erholt hatten, kam der Befehl, vorzurücken. Wir marſchirten durch ein Dorf, wo in den Häuſern keine Seele mehr war. Jen ſeits des Dorfes war ein Bach, und über dieſen führte eine Brücke.

Halt! dachte ich, könnteſt du unter die Brücke ſchlüp⸗ fen, ſo wärſt du geborgen. Ich that, als ob ich vor Schmerz am Beine nicht weiter könnte, und blieb zurück. Niemand kümmerte ſich um mich und das Regiment mar⸗ ſchirte hinüber. Kaum waren die letzten über der Brücke, flugs war ich drunter. Nun erſt ſah ich, daß es eine Holzbrücke war. Ein Weidenbaum war drunter heraus gewachſen, recht buſchig und dick. Der Stamm bog ſich unter der Brücke heraus, daß man ſich darauf ſetzen konnte. Das Waſſer war wild. Fiel ich hinein, ſo war's aus, denn ich konnte ſchwimmen wie ein eiſerner Keil. Um das zu verhüten, ſteckte ich das Bajonett in den Boden und ſtemmte den Kolben gegen die Bruſt. So wär's gegan gen, aber ſchlief ich ein(und ich war müde genug dazu), ſo purzelte ich doch herunter. Da nahm ich denn den Riemen, womit ich den Mantel aufſchnallte und band mich feſt an den Stamm der Weide, und betete herzlich, daß mich Gott ſchützen möge in ſolcher bedenklichen Lage.

Noch nicht lange hatte ich geſeſſen, da kam Caval lerie und eine Batterie. Das ging über die Brücke weg, daß ſie ächzte und krachte. Wenn ſie einbräche! dachte ich. Die Angſt des Todes legte ſich auf meine Seele.

Es war gegen Abend. Immer neue Regimenter

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zogen über die Brücke weg. Wenn ich meinen Ohren trauen könnte, ſo entfernte ſich der Kanonendonner. Mit der Nacht hörte er auf. Jetzt hätte ich ruhig ſein können, aber ich war durchnäßt und der Abendwind pfiff eiſig mit dem Zuge des Waſſers durch die Brücke. Ich zitterte, dle nic f, Zum Glücke hatt' ich noch ein wenig Branntwein in mei, n ich nich, ner Weidenflaſche. Der erwärmte und erquickte mich, fire, wie aber bald darauf ging Alles wüſt im Kopfe herum und amn kamen an ich ſchlief ein. Denken Sie ſich, lieber Herr, bei ſolchem dnagoner, 51 Wetter, in dem man im Vogelsberg keinen Hund vor der iin dir order Thüre herumgeführt hätte, mußte ich ſechszehn bis acht aner schwieg zehn Stunden machen. Die Nahrungsmittel waren ſchlecht Das w und ihrer wenig. Die Mundportion war für einen hoh⸗ nicht U len Zahn. Kein Wunder, wenn da Uebermüdung, c in mei Schwäche und Schlaf einen um den Gebrauch der Sinne Hose er bringen. Hätt' ich da die Kriegsliſt mit dem Anbinden Wag nicht gebraucht, ſo war ich ſchnurſtracks ein Kind des To 0 lh 1 des, und wie ging's dann meiner Braut und Mutter? ile 0 Das waren ſchwarze Gedanken! Aber, ach! wie ſchmerz⸗ e ten mich Bruſt und Rippen, als ich gegen Tag erwachte. Als die Es hummerte und knallte ſchon wieder und dießmal hörte Da fel mir n ich mit Schrecken, daß mir der Schall näher kam. Es erſterben und wurde mit jeder Viertelſtunde ärger. Bald jagten Ein⸗ 1 ich. K ae über die Brücke; dann ganze Haufen. Endlich kamen fen Zeit, und Wagen, dann Kanonen. Ich hörte die Franzoſen fluchen ſchon zeitweis und läſtern, und ſchloß daraus, ohne daß ich etwas ver⸗ Len das Hei ſtand, daß ſie flohen, denn ſonſt hätten ſie jubilirt. peſaß von de Näher und näher kam das Schlachttoben. Immer geugende Kra wilder und regelloſer flohen die Franzoſen über die. das T

Kugeln ſchlugen hier und da ein; andere platzten mit ſchauer⸗ lichem Krachen. Ich empfahl meine Seele 0 1 70 2 in Todesangſt. Wie? wenn ſie auf den Einfall kämen, 1 5 Lebens, die Brücke abzubrechen oder in Brand zu ſchießen? ſo war ich verloren. Da mögen ſie ſich wohl denken, wie mir's 7 zu Muthe war; ich dachte an das Lied, das ich hundert⸗ Vekanntm. mal geſungen: g 1 Muß ich denn ſterben? g 15 5 Bin noch ſo jung, ſo jung; 1 ain und zweifelte keine Minute mehr dran, daß nun mein 8 Stündlein würde ſchlagen und ich von Annebärbelchen ge⸗ 413800 5 ſchieden würde vor der Copulation. 1 de f. 195 91 Todesgedanken beſchaftigt, vernahm ich nun, Hazen den F anzoſen wieder vorrückten. Ich vernahm Deutſch Der G und noch eine vermaledeite Sprache, die ich für ruſſiſch 1 oder koſackiſch hielt. Bei dem Gedanken an dieſe Unholde, 1 Oeffent von denen man im Vogelsberg erzählt hatte, ſie ſpießten 1837) Cre die Säuglinge auf ihre Lanzen und nähmen ſie ſo mit ſich e Georg an hinweg, viel mir das Herz vollends in die Schuhe. Jetzt ſhöugen, Güt % un

4 kam's in meiner Nähe zum Gefecht. Au i ide J% und 8. 1Auf meiner Weide e und a war ich nicht mehr ſicher. Ich kroch daher in die Höß, en N

lung unter dem Stamme, die das Waſſer wenn' 0 i ſtand, ausgewaſchen haben mußte. N 900 e 2 5 15Das war mein Glück! ſie verbarg mich auch diikdberg ig. Sie haben, lieber Herr, fuhr Kaspar nach einer Pauſe fort, gar keine Vorſtellung, was ſo eine Schlacht bs heißt. Dieſes Donnern, Hummern, Trommeln, Blaſen,(530) Non Schreien, Aechzen und Wimmern unter einander iſt ent⸗ ſetzlich. Ueber eine Stunde hatte die Geſchichte da herum

. caumanlagen ö

gedauert, da ſchlug eine Kugel in die Brücke; dann eine Vuſag wat,

zweite, dritte, vierte ſie krachte und brach zuſammen. ache gema

Ein Tragbalken fiel gerade auf den ſattelarti von da 1 a ebogenen in d Weidenſtamm, wo ich geſeſſen. Der hätte 07 bischen 1 Mir Habe lachenden Erben zugeführt. Bald darauf hörte in n ich's patſcheln im Waſſer. Es ſetzten, das konnte ich(bm d lugend erſpähen, entſetzliche Kerle hinüber. Es waren Donne

wilde Geſichter mit langen Bärten, kunterbunt gekleidet,