Ausgabe 
15.11.1851
 
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n unterzeichnet in Enpfa

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a ntelligenz-Blatt

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg

im Beſonderen.

Sonnabend den 15. November

1851.

Der Sieben te.,

un n Büdi 1 Eine Geſchichte von W. O. v. Horn. Im Sommer des Jahres 1849 beſuchte den, der die Spinnſtube ſchreibt, ein alter Freund, den er in faſt dreißig Jahren nicht wiedergeſehen hatte. Ihr mögt wohl denken, liebe Leſer, daß es da Viel zu erzählen gab und Viel zu fragen. Unter Anderm erzählte mir der Freund die nachfolgende Geſchichte, die er in einer der größeren . Städte des Rheinlandes erlebt hatte. and 1 Alles in der Welt hat ſeine zwei Seiten, ſprach der en Freund, ſo iſt's auch mit der Gewerbefreiheit. Da löst Friedberg jeder Bub, der kümmerlich ausgelernt hat, ſeinen Gewer⸗ beſchein und ſetzt ſich als Meiſter und da er doch keiner ill iſt und auch keiner wird, ſo drückt er durch wohlfeile Preise . und Pfuſcherei das Handwerk herunter und wird doch ein plisthel Lump, macht aber auch andere ehrliche Meiſter zu Lumpen. N Das hab' ich einmal recht bitterlich erfahren, als ich noch Dub, Proz. in C. wohnte. Da hatte ich einen Schuſter, einen recht 7 verſtändigen und braven Mann, der tüchtige Arbeit lie⸗ ferte, aber dennoch ſehr arm war. Meine Hausleute, die mir ihn empfohlen hatten, erzählten mir, daß er eine benen, ebenſo brave und wackere Frau habe, aber, bei ſechs Kin⸗ gallen, fl dern dennoch nicht ſo viel zu verdienen um Stande ſei, eta daß er ſich einmal einen ordentlichen Ledervorrath anſchaf⸗ c fen könne. Die ſechs Buben machten ihm viele Koſten, 1 za und doch ſei keiner derſelben noch ſo weit, daß er Hülfe en a leiſten könne. Ich nahm an der Familie einen um ſo

ſoß deren a0 größeren Antheil, je mehr Gutes ich von ihr hörte. Meine won in 9% a

Atliche

1. 479 kr. U

abgelegten Kleidungsſtücke erhielt Meiſter Dörfler, ſo hieß der Schuſter, und ſeine Frau wußte mit großem Geſchick daraus die ſtattlichſten Kleider für ihre Buben zu machen. Dafür verrichtete mir der Aelteſte, wenn er aus der Schule t kam, allerlei kleine Dienſte und bei dem Vater und der Mutter ſtand ich in hohen Ehren. Eines Tages trat, nachdem ich ihn hatte rufen laſ⸗ 1851 ſen, Meiſter Doͤrfler in meine Stube, um mir ein Paar Stiefeln anzumeſſen. Der Mann war heute nicht ſo fröh⸗ lich und freundlich, wie ſonſt, und manchmal hörte ich einen 0 tiefen Seufzer, den er vor mir zu verbergen ſuchte. Als b das Anmeſſen beendet war, reichte er mit großer Verle genheit eine kleine Rechnung. Es waren etwa nur acht bis zehn Groſchen, die ich ihm für Kleinigkeiten noch I ſchuldete. 3 9 6 Vergeben Sie, ſagte der arme Mann, daß ich die

Kleinigkeit jetzt fordere; ich brauche das Geld gar zu noth wendig, denn denn

Ei, fiel ich ihm in die Rede, warum wollen Sie da entſchuldigen? Ich bin es Ihnen ſchuldig und Sie hätten mir längſt ſagen ſollen, wie viel es betrüge, denn ich wußte es ja nicht. Als ich ihm das Geld reichte und in ſeine Augen blickte, ſah ich Thränen darin. Das ergriff mein Herz.

Es ſtehen Thränen in Ihren Augen, Meiſter Dörfler, ſagte ich. Was iſt Ihnen? Laſſen Sie mich Ihr Leid wiſſen! Setzen Sie ſich und erzaͤhlen Sie mir.

Ich nöthigte ihn, ſich niederzuſetzen, und nun hob er, nachdem er ſich die Thränen getrocknet, an und ſagte: Ach, was unter andern Umſtänden uns recht glücklich machen würde, müſſen wir bei unſrer Armuth als ein Unglück be⸗ klagen. Kaum vermögen wir, meine brave Frau und ich, durch Fleiß und Sparſamkeit unſere ſechs Kinder und uns zu ernähren, den ſchweren Hauszins zu bezahlen und uns ehrlich durchzuſchlagen. Nun hat uns Gott abermals mit einem Knaben dieſe Nacht geſegnet. Das iſt der Siebente. Nun kann lange meine Frau nicht arbeiten und ich bin auch gehemmt. Und es iſt als wieder Einer mehr, der

ernährt, erzogen und gekleidet ſein will.

Ich ſah mit aufrichtigem Mitleid den armen Hand⸗ werksmann an und ſuchte ihn zu tröſten. Anfänglich that ich das in einem heitern, ermuthigenden Tone, indem ich ihn an das Sprüchwort erinnerte:Wenn Gott läßt wachſen ein Häschen, läßt er auch wachſen ein Gräschen. Auch er lächelte wehmüthig. Ja, ſagte er, wenn es mit dem Gräschen gethan wäre!

Nun aber erinnerte ich den Mann daran, daß Luther einſt ſagte: Wo viele Kinder ſind, da iſt viel Segen Gottes; deun wo ſo viele Kinder ſind, ſind Viele, die beten, und wo viel gebetet wird, da iſt eitel Segen Gottes.

Da wurde der Mann ernſt. Eine gewiſſe Heiterkeit überglänzte ſein Angeſicht und er ſagte: Ja, das iſt ein Wort, welches tröſtet. Wir haben Alle im Gebete ſchon oft die Kraft zum Dulden, aber auch die helfende Gnade Gottes erfahren!

Nun, ſo faſſen Sie Muth und Vertrauen zu Gott. Wer weiß ob nicht der Siebente noch ein rechter Segen am Hauſe wird. So ſagte ich zu dem Manne, der herz lich für den Troſt dankte und wirklich heiterer von dannen gehen wollte. Ich rief ihn zurück. b

Haben ſie denn ſchon einen Pathen und Gevatter mann für Ihren Kleinen? fragte ich.