Taxe
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argent
5 12 61— 1902 — 417
9.4 Heidelberg, der nahe am
e— 1 er Stadtkirz twald n.
*— e Stadtlirch
Dat.
ntelligenz-Blat
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den UNegierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
Mittwoch den 15. October
1851.
Das Origin a l. Ein Stücklein. Erzählung von W. O. v. Horn.
Wir ſaßen guten Muths im Garten des Oberamt⸗ manns zu E., denn die Drangſalszeiten der proviſoriſchen Regierung waren vorüber und der alte Herr hatte ſeine - vollſte Roſenlaune wiedergewonnen. Das Geſpräch drehte 0 ſich begreiflicherweiſe um die jungſten Ereigniſſe, um Per⸗ ſonen und Zuſtände, die in dieſen gehandelt.
und Butzbach Ein Freund des Oberamtmanns, ein enragirter Lob⸗ Dachek, tedner der guten alten Zeit, rief plötzlich aus:„Es iſt eine armſelige verflachte Zeit, in der wir leben! Es gibt keine Charaktere mehr! Alles wird nivellirt und grund⸗ miſerabel!“
N„Halt!“ fiel ihm der alte Oberamtmann ins Wort, „da haſt du ein wahres Wort geredet!“ Und nun ergoß ſich der ganze Strom ſeiner ungewöhnlichen Redegabe über dieſen Gegenſtand aus. 5
trat aber die Neigung des alten
Nach und nach g 5 a ſeine Bemerkungen mit Bei⸗
Herrn in ihre vollen Rechte, ſein l b ſpielen zu belegen. Das war immer höchſt intereſſant; denn der Mann beſaß eine ungemein reiche Lebenserfah⸗ rung und Perſonenkenntniß, erzählte gut und blieb, was hier viel werth iſt, bei der Wahrheit. 1„In den Anfang dieſes Jahrhunderts,“ ſagte er, Hyragten noch hin und wieder Originale aus dem vorigen, 7 und es tritt eins vor allen jetzt wieder leibhaftig vor meine — Seele, aus deſſen ſeltſamem Thun und Treiben ich Ihnen — ene luſtige Geſchichte erzählen muß. Mein Original war — ein Pfarrer in unſerer Oberpfalz. Er hieß Müller und fſammte aus der„Kümmeltürkei,“ wie wir zur Zeit meiner Studienjahre die Umgegend von Heidelberg nannten, und daher denn die, welche dort zu Hauſe waren,„Kümmel⸗ türken“ hießen.. „Urſprünglich waren es drei Brüder, von denen nur tiner verheirathet war, nämlich der Kirchenrathsdiener zu Klingenthore wohnte. Ich kann 0 mir das ſaubere Männlein im lederbraunen Leibrocke, ſchwarzen Wollſtrümpfen, ſchwarzen Mancheſterhoſen mit „ fllbernen Knieſchnallen und breiten ſilbernen Schnallen auf —„ den Sabots noch recht gut denken. Das dünne Zoͤpfchen ſtand, einem Zahnſtocher ähnlich, vom Hinterkopfe wage⸗ 1 recht in die Welt hinaus. Auf dem weißgepuderten Haare
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ſaß das Hütlein. So ſteuerte er, Actenſtöße unter den
Armen, von einem der Kirchenräthe zum andern, und zeich⸗
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nete ſich durch eine ungemeine Höflichkeit aus. Der zweite Bruder war ein verdorbener Maler, der ſich von dem ehr— lichen Alten ruhig ernähren ließ. Statt Palette und Pin— ſel handhabte er Pfeife und Bierglas, ſo lange er Geld hatte, and las alle Romane der vorhandenen Leihbibliotheken, wer weiß zum wievielten Male, durch. Er war das ab⸗ ſolute Gegentheil ſeines Bruders. Unordentlich und un⸗ reinlich, war ihm das Nichtsthun ſüßeſter Lebensgenuß. Konnte er dabei irgend einen luſtigen Streich ausführen, ſo war er unendlich glücklich. Ich muß indeſſen doch be⸗ merken, daß alle ſeine Streiche gutmüthiger Natur, aber eben doch Schalksſtreiche waren. Der dritte Bruder war der aͤlteſte, eben der Pfarrer, und dieſer eben war mein Original.
„Als ich ihn kennen lernte, zählte er bereits ſechzig Jahre, war aber noch rüſtig, wie ein fünfziger. Das war im Jahr 1808. Ich war damals Amtsſchreiber in ſeiner Nähe.
„Müller war ein Männchen, denn er maß kaum volle fünf Schuh. Wenn auch mager, ſo war er doch muskelkräftig und brauchte noch keine Brille. Er war unſtreitig der gelehrteſte Geiſtliche des Landes, und bis in ſein hohes Alter ſtudirte er unabläſſig. Schon ſein Aeußeres charakteriſirte das Original. Er trug eine ſchnee⸗ weiß gepuderte Perrücke mit mächtigen, um den ganzen ſtol⸗ zen Haarbau herumlaufenden, dreifach über einander ruhenden Rollen; einen Pikeſch von ſchwarzer Plüſch mit tellergro⸗ ßen überſponnenen Knöpfen, mächtigen mit eben ſolchen Knöpfen beſetzten Umſchlägen an den Unterärmeln, die bis zum Ellenbogen heraufreichten; kurze ſchneeweiße Man⸗ ſchetten; kurze ſchwarze Pluͤſchhoſen mit eiſernen Schnal⸗ len(Silber, pflegte er zu ſagen, paßt nicht für einen Pfarrer); ſchwarze Wollſtrümpfe und Schuhe mit hohen Abſätzen, die auf der oberen Reihe ebenfalls durch eiſerne Schnallen gehalten wurden. Zu dieſem Anzuge gehörte ein winziger chapeaubas unter dem linken Arm und ein ſpaniſches Rohr mit weißem Elfenbeinknopfe von wenig⸗ ſtens zwei Drittheilen ſeiner Körperlänge.
„Denken Sie ſich dies vom Alter gebeugte Männ— chen, in dieſem getreu beſchriebenen Aufzuge— hoch zu Roß— denn dies war der einzige Lurus, den er je ge⸗ trieben— und ſie werden es mir zugeſtehen, daß dieſe Erſcheinung höchſt originell war.
„Man hätte denken ſollen, die Lachluſt hatte Jeden ergreifen müſſen, wer ihn ſah; aber das war im Umkreis von mehreren Stunden, wo man ihn kannte und reiten


