Ausgabe 
15.1.1851
 
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Intelligenz-Blatt

für die Provinz Oberheſſen im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg

im Beſonderen.

M 5.

Mittwoch den 15. Jauuar

1851.

Amtlicher Theil.

Die Großherzoglich Heſſiſche 18, Regierungscommiſſion des Regierungsbezirks Friedberg an die Gr. Buͤrgermeiſter resp. Beigeordneten und Polizei⸗Commiſſäre des Regierungsbezirks.

Betreffend: Die von der Großbritanniſchen Regierung beabſfichtigte, und bis zum 31. März d. J. vollendet ſein ſollende neue Aufſtellung einer Bevölkerungsliſte Großbritanniens.

Diejenigen von Ihnen, in deren Gemeinden ſich Königlich Großbritanniſche Unterthanen aufhalten ſollten, haben dies, unter Ang abe der Zahl derſelben, als bald und längſtens bis zum 10. Februar d. J. an uns zu berichten. Friedberg den 9. Januar 1851. Ou vr fer,

Das Mühlchen in der Morgenbach. Eine Begebenheit aus dem Jahre 1716. (Fortſetzung.)

Da ſaß ſie nun und ſimulirte, aber ſie ſimulirt nichts heraus. Sollte der Jakob vornehmer Leute Kind ſein? dachte ſie. Er ſagt doch auch ſein Lebtag nichts über ſeine Herkunft! In Schwaben will er daheim ſein, aber die Schwaben reden eine ganz andere Sprach' als er. Sie konnte zu nichts kommen.

Abends wollte ſie ihn einmal auslunken, aber der Burſch war glatt wie ein Aal. Er wich aus und ſagte endlich: Werthe Frau, ich bin verteufelt ſchläfrig. Und ging in ſeine Kammer. Damit war's am Ende. Das ſtel ihr jetzt ein. Sollte Marie drum wiſſen, wie's in der Kiſte ausſah? Sie ſchüttelte den Kopf. So junges Gelichter hat das Herz auf der Zunge, dachte ſie. Hätt' ſie was gewußt, ſo hätt' ſie gepappelt. Auf einmal ſchüt⸗ telte ſie ſich, weil ein Schauder durch ihre Gebeine rieſelte. Den Gedanken aber, der ihn hervorgebracht, unterdrückte ſie mit aller Macht.

Nicht weit von dem ſtolzen Felſen auf welchem die neue Burg Rheinſtein thront, mündet gegen den Rhein hin ein ſchmales, aber tiefes Thal, das in ſeinem Hinter grund allmählig anſteigend, ſich oben in demjenigen Theile

des Soonwaldes verliert, derBinger- Wald, genannt wird, weil er ſeit alten Zeiten ein Eigenthum der Stadt Bingen iſt. In dieſem hohen Forſte liegen die Quellen, welche einen Bach bilden, der das Thal durchrinnt und unter einem Bogen hindurch, über den die Heerſtraße weg geht, ſich in den Rhein ergießt. Wenn der im Walde ſich lange erhaltende Schnee abgeht, oder ſtarke Regen und Gewittergüſſe fallen, dann wird er wild und unbändig, ſtürzt ſich über das Mühlwehr wie ein Strom und fällt unter weithin hörbarem Rauſchen in den Rhein; aber in den heißen Sommertagen ſchleicht er ſo leiſe murmelnd dahin, daß man denken ſollte, Friede ſei ſein Wiegenlied und ſein Schwanengeſang für immer.

Der Bach heißt:der Morgenbach und das Thal trägt denſelben Namen. Die Maler von Düſſeldorf ken⸗ nen's wohl und es vergeht kaum ein Sommer, daß nicht etliche hier Studien machen und ſie wiſſen ſchon warum. Wildere, groteskere Felsparthien ſind weit und breit nicht. Jede Windung des engen Thales bietet ein neues eigen thümliches, immer aber wunderſam maleriſches Bild, daß das Auge nicht müde wird, ſich d'ran zu laben und der Pinſel zu malen.

Gerade am Eingange dieſes ſtillen friedlichen Thales liegt die Mühle, die freilich nicht mehr die von 17156 iſt, wie deun auch die Müllersfamilien ſeit dem Zeitraume von mehr denn hundertunddreißig Jahren vielfach gewech ſelt habeu.

Damals war das Mühlchen höchſt unſcheinbar. Ein Strohdach, faſt bis zur Erde reichend, deckte die Wände von Fachwerk. Neben dem Mühlwerke, das ein kleines Waſſerrad trieb, war im untern Geſchoſſe nur ein Stüb chen und eine kleine Küche. Im zweiten Geſchoſſe zwei Kammern und drüber das Speicherchen. Zwei Eſel reichten hin, die Kunden zu verſorgen. Aus zwei kleinen Fenſtern ſah man in's Thal, denn die breite Heerſtraße, die jetzt vorüberführt, war nicht gebaut und der ſchmale Weg, war zugleich die Landſtraße und lief unmittelbar am Ufer des Rheines tief unter dem Mühlchen hin.

Damals war die Gegend eine ſehr verrufene, be ſonders bei der nahen Clemenskirche. Selten zog abends ein Reiſender die Straße. Nur Noth und Muth mochten dazu antreiben, das Wagniß zu beſtehenz denn gar man cher kam nicht weiter und ſein Stöhnen verhallte erſt, wenn die Wellen des Rheines ihn in ſeinen Fluthen be gruben. Drüben in Aßmannshauſen vernahm man oft den Kampf auf Leben und Tod, den hier der frechen