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gelobt, auf Erbſen nach Nothgottes gegangen und Marie— chen neben ihr auf ihren Strümpfen. Das war ein Zu- ſammenfluß von Menſchen! Fünftauſend iſt zu wenig! In der Kirche war an's Knieen nicht mehr zu denken und als all' die Leute: mea culpa, mea maxima culpa riefen und an ihre Bruſt ſchlagen ſollten, als der Paſtor von Eibingen die heilige Monſtranz in die Höhe hob, da war kaum ſo viel Raum, daß ſie ſich an die eigne Bruſt ſchlagen konnten. Es war hoher Sommer, backofenheiß, und ſo gepreßt zu ſtehen, das war eine fatale Geſchichte. Da wurd's dem Mariechen auf einmal blitzblau vor den Augen und ehe einer ein halbes Ave gebetet, ſank's zuſammen—
Jeſus, Maria, mein Kind! ſchrie die alte Mutter,
die ſah, wie die rothen Röſelein auf Mariechens Wangen
auf einmal zu ſchneeweißen umgewandelt wurden.
Wie der Blitz faßten ein paar kräftige Arme das liebliche Mädchen. Die Leute machten Platz und bald war das Mädchen draußen in des lieben Herrgotts friſcher Luft. Die Mutter hatte auch nachgewollt, aber die Gaſſe, die man der Ohnmächtigen machte, ſchloß ſich für die Ge— ſunde und die Arme des Mütterleins vermochten die Men— ſchenmauern nicht zu durchbrechen, die ſie umgaben. Als Mariechen die Augen aufſchlug, ſah ſie in zwei große, ſchöne Augen und in ein gar ſchönes Jünglingsgeſicht und bald merkte ſie, daß ſie von den Armen recht innig um⸗ ſchlungen war und an dem Herzen lag, die alle drei zu den zwei ſchönen Augen gehörten. Sie wollte ſich loswinden, aber ſie war noch zu matt. Eine Glut, zum Brennen heiß, ſtieg wieder auf die bleichen Wangen und ſie ſagte: Laßt mich los, mir iſt wieder gut! Gottlob, ſagte auf— richtig der junge Menſch; aber mit dem Loslaſſen ſchien's ihm kein Ernſt. Feſter drückte er das ſchöne Mädchen an ſich und nachdem blitzſchnell ſeine Augen umhergeſchweift waren und ſie ſich die Gewißheit verſchafft, daß niemand nach dem alten Nußbaum ſehe, wo er mit der ſchönen Bürde auf einer Bank ſaß, drückte er einen heißen Kuß auf des Mädchens Lippe. Mariechen hätte recht bös werden ſollen— aber ſie kam gar nicht dazu und konnte die Kehr nicht finden. Sie ſtellte ſich ſo bös, als ſie konnte, und war im Nu auf den Beinen.
Das war recht abſcheulich! grollte ſie mit flammen—⸗ dem Geſichte. Er aber ſah ſie an und ſagte: Grolle mir nicht, du holdſelig Kind', ich habe nicht anders gekonnt! War's unrecht, ſo bitte ich, vergib! dich vergeß ich nun und nimmermehr!
Sie hatte ſich gewendet und ordnete ihr Haar und ihr Nebelkäppchen, das verſchoben worden war.
Ach, ſei mir doch nicht bös, Kind, bat der Jüngling wieder ſo weich! Ich hab' dich ja aus der Kirche getragen, als dir's weh wurde. Denk, es ſei mein Tragerlohn!
Sie wollte ihm keine Antwort geben, aber wollte ihn doch noch einmal anſehen. Daher wandte ſie ſich und fragte: Wo iſt meine Mutter?
Und nun ſah ſie, daß es ein vornehm gekleideter junger Menſch war, ſo etwa ein Student von der Mainzer hohen Schule oder dergleichen und bildhübſch dazu. Sie erröthete wieder und flog dann wie das geſcheuchte Reh zur Kirche. Die Mutter fand ſie. Der Prieſter hatte
ſie abſolvirt. Nun konnte ſie gehen und ſchritt denn auch, ſorglich forſchend, wie dem lieben Kinde ſei, an Mariechens Hand aus der Kirche. Sie ſagte kurz, es ſei alles vor— über, und ließ dann ihre Augen nach der Bank ſchweifen — aber alles war leer und nichts von dem Jüngling zu ſehen, wohl aber zu fühlen, denn der Kuß brannte noch auf ihren Lippen.
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Seitdem mußte ſie immer an den hübſchen Jüngling denken und es war ganz kurios, daß ſie ſein Bild überall vor Augen ſtehen hatte, im Wachen und im Traume. Goß ſie das Tuch auf ihrer Bleiche, ſo ſtand er vor ihr; ſchöpfte ſie das Waſſer im klaren Morgenbach, ſo ſah ſein Geſicht heraus und lächelte wie damals— kurz überall ſah ſie ihn und wenn ſie ſich auch noch ſoviel Mühe gab, es half abſolut nichts.
So war denn auch jetzt wieder die ganze Geſchichte, die ſie zu Nothgottes erlebt, aus dem Rocken herausge— ſponnen worden und ein Seufzer ſetzte das Punktum an's Ende vor das Ausrufungszeichen, das ja auch gebraucht wird, wenn man einen Wunſch ausdrückt!
Die dreiundſechzigjährigen Gedanken der Mutter waren nicht zu Nothgottes, ſondern in der Mühle; nicht bei dem hübſchen jungen Herrn, den ſie auch gar nicht beobachtet hatte, wie er während der Meſſe ihr ſchönes Kind betrachtet hatte, als wolle er das Bild in ſeine Seele prägen, daß es nicht wieder verwiſcht werde, ſondern ſie waren bei dem Jakob, den ſie gern zum Schwiegerſohn gehabt hätte.
Damit ſtands ſo: Der Müller auf der Morgenbach war ſchon ſeit fünfzehn Jahren todt. Obwohl die Wittib mit achtundvierzig Jahren noch eine hübſche Frau war, die zu heirathen kein Mahlburſch Bedenken getragen, ſo mochte ſie doch ihrem Mariechen keinen Stiefvater und keine Stiefgeſchwiſter mehr geben. Das Erbe war für Mariechen klein genug, daß ſich Gott erbarme!
Nun war ſeit den fünfzehn Jahren das Mühlchen nicht junger geworden und der Giebel nach dem Rheine neigte ſich bedenklich, ſo etwa, wie die Müllerin nach vornen, und es kam ihr manchmal ſo in den Sinn, als bedeute ihre und des Giebels Neigung die Richtung nach der Erde, wobei die ihre ſechs Schuh tiefer ging, als die des Giebels, der ja, wenn er brach, oben liegen blieb, während ſie hinabgeſenkt würde in das enge Kämmerlein. Die Mühle bedurfte eines Baues, der Bau eines Bauers und ſie, zwar nicht für ſich, wohl aber für Mariechen 0 Stütze, zumal, wenn etwa ihr Stündlein kommen ſollte.
Nun hatte ſie mit Mahlburſchen gehauſ't. Das war auch nicht ſonderlich erfreulich. Der eine hatte für ſich gemaltet, der andere war faul geweſen, der dritte ein Trinker— kurz in den fünfzehn Jahren hatte ſie nur einen, der ganz das war, was er ſein ſollte und das war der Jacob Wolfsheimer, der nun ſchon drei Jahre bei ihr war. So treu wie der, war keiner geweſen, daß es ihm d'rum zu thun war, in der Mühle zu bleiben, konnte man ſich an den fünf Fingern abzählen. Er gab der Alten zuckerſüße Wörtchen, wenn ſie auch noch ſo mißliebig war, und dem ſchönen Mariechen ging er durch Waſſer und Feuer. Jung war er zwar nicht mehr und die achtund— zwanzig und etliche Heumonate mochte er auf den ſtäm⸗ migen Schultern haben; aber was that das? Ihr Seliger war auch zwölf Jahre älter als ſie geweſen und in Ihrer Ehe iſt das Sprüchlein war geworden: Bei den Alten iſt die Frau gut gehalten! Der Jakob Wolfsheimer war dabei ein ſchöͤner Mann, wenn auch ſein Geſicht finſter und ſein Auge etwas Unſtätes, Scheues, Verſtocktes und Tückiſches hatte. Er war brav, ein tüchtiger Müller und ſo weiter.
(Jortſetzung folgt.)
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