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ung.
Intelligenz-Blatt
fuͤr die Provinz Oberheſſen im Allgemeinen, den Uegierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
Sonnabend den 4. October
1851.
ider Gröde 2 78.
Enggäßchen.
1 g. 2 2 2 2 n Hag Aus dem Leben eines Vogelsbergers in Krieg und Kreden. U une len Erzählung von W. O. v. Horn.
much meſtdieten CFortſetzung.) u 1851.„Als ich aber ſah, wie das Ding ſtand, dacht ich, gders Bum Kaspar, es iſt deine Pflicht, daß du von der Leber redeſt,
. wie's ein ehrlicher Vogelsberger thun muß, der die Leute ng gebrauch nicht am Narrenſeil herumführen will. Sag's rund heraus en fit zu und öffne ihnen die Augen, daß ſie wiſſen, woran ſie ſind. * f„Eines Sonntagabends, wo ich aufgeſchüttet, die —— im pferde verſorgt, des Chriſtinchen's Kühe gefüttert hatte, 2 ſaßen wir ſo allein um den warmen Ofen. Da ging mir A das Herz auf und ich erzählte von meiner Mutter und Boche meiner Braut, die daheim harre, und was ich geträumt und wie ich keine Ruhe mehr habe.
„Ach, liebſter Herr, heute noch, und es ſind nun ſchon ſchier vier und dreißig Jahre ins Land gegangen, blutet mir das Herz. Chriſtinchen ſaß bleich wie ein Todtes da und der alte Mann ſah ſein armes Kind an, das mit Mühe die Thränen zurückhielt. Als ich geendet, ging ſie, ohne gute Nacht zu ſagen, fort und kam nicht wieder.
„Der Müller und ich ſaßen ſtill einander gegenüber.
„Kaspar, ſagte er endlich, du haſt als ein ehrlicher Menſch an uns gehandelt, das Zeugniß geb' ich dir mit Freuden; auch heute haſt du's gethan und ich habe Reſpect
gefunden. De
caelben gegen
eren dei L. Ki?
Empfang nehmen, ——
Inzeige.
n be, Jahr 1864
don
zorn. 1 5 5 b — auh! vor deinem treuen Sinn; aber nun müſſen wir uns tren⸗ ben Aich nen.— Siehſt du, fuhr er dann nach einer Weile, wo
er ſtill und betäubt dageſeſſen, fort, ich meinte es ſehr gut mit dir. Meine Mühle iſt frei und Chriſtinchen's Erbe. Daß ſie dich lieb hat, hab' ich ſchon lang wegge⸗ habt. Du haſt nichts gethan, dem Mädchen den Kopf uu verrücken, das iſt wahr, aber es iſt ſchlimm, wie es eben iſt. Du ſollteſt mein Schwiegerſohn werden, Kas⸗ par, ſo wahr Gott über uns iſt und hört, was ich dir ſage. Nun iſt's vorbei. Geh' morgen ſchon fort, Kaspar. Je eher, je beſſer. Findeſt du dein Annebärbelchen treu, ſo heirathe es in Gottes Namen. Iſt's anders, ſo komm wieder und wir nehmen dich mit Freuden auf.
„Wieder eine Weile ſaß der Müller ſtille da, und ich auch, und die Thränen ſtanden mir in den Augen, Se, Drauf ſagte er: Kaspar, laß uns rechnen! Dann geh Fritten, Ind packe dein Bündel und geh' in Gottes Namen vor
„Lag noch. Es iſt beſſer für mein Kind; ich hab's eben b, überlegt. f 5 p 680„Was ſollte, was konnte ich ſagen? Weinend drückte
— it des braven Mannes Hand und ging, mein kleines Bün⸗
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del zu packen. Er hatte mir Kleider gegeben, und nun beſchenkte er mich reichlich, und ehe der Tag graute, ging ich ſchweren Herzens weg von der Mühle, wo mir das Glück entgegengekommen war. Aber dennoch wurde mein Herz bald wieder leicht, denn ich that meine Pflicht, ich blieb meinem Worte, meinem Schwure treu. Dort würde ich doch kein Glück gehabt haben, denn ein Treuloſer iſt nie von Gott geſegnet! Nicht wahr, liebſter Herr?“
„Gewiß, ſagte ich, innig bewegt von der kernhaften Aechtheit ſeiner Geſinnung und Grundſätze.“
„Ach Gott,“ ſeufzte er, wie ſollte es kommen!— Doch— ich will forterzählen.„Ich wanderte dann in raſtloſer Eile der Heimath zu. Lieber Gott, überall herrſchte Elend, Krankheit, Mangel, wo die Armeen hergezogen waren. Ueberall begegnete ich jetzt noch ganzen Regimen⸗ tern Ruſſen, Preußen und Gott weiß von was für Völ⸗ kern, die alle dem Rheine zuzogen, wo der alte Blücher hinüber wollte, wie mir ein Preuße erzählte, und wollte das Babel, wie er Paris nannte, in die Erde hinein ver— brennen. Auf der Mühle hatte ich von den Welthändeln nichts gehört, und den alten Müller kümmerten ſie nicht. Von dem Preußen, der eine Strecke mit mir wanderte, hörte ich von der Schlacht bei Hanau, wo er dabei ge⸗ weſen und bleſirt, und dann zurück ins Lazareth geſchickt worden war, aus dem er nun wieder zu ſeinem Regimente zog, deſſen Standquartiere bei Frankfurt waren.
„Mir bebte das Herz in der Bruſt, wenn ich an die guten Menſchen dachte, die ich verlaſſen hatte, und die mich ſo lieb gehabt hatten, und es bebte mir, wenn ich dachte, die Kriegsereigniſſe könnten mein armes Dorf auch berührt, und vielleicht ſo getroffen haben, wie das, wo ich zuerſt ein Obdach gefunden. Sonſt hab' ich immer gehört, das Herz würde einem leichter, wenn man ſich der Hei⸗ math nähere. Mir wurde es ſchwerer. Es war die Vor⸗ ahnung deſſen, was mir bevorſtand. Kein guter Stern führte mich nach Caſſel. Dort war Alles geſäubert von den Franzoſen und ihren Speichelleckern. Der alte Herr war wieder da. Darüber jubelten Viele; Andere machten ſauere Geſichter. Ich weiß ſelber nicht, wie es kam, daß ich ſo arglos, mir nichts, dir nichts, in das Caſſel hinein⸗ lief! Ich ſollte es bereuen lernen. Man hatte mir ge— ſagt, der alte Herr ſei ſo in die alte Zeit hinein verliebt, daß ſeine Soldaten alle wieder müßten Haarzöpfe tragen, und da ſie die Haare kurz geſchnitten gehabt hätten, ſo ſeien die Zöpfe alle hinten angebunden.


