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Die Wahl war eine engbegrenzte, die Stelle eines gemeinen Polizeidieners mir die liebſte; ich erlangte ſie durch das Fürwort eines Mannes, welcher an meiner Beſſerung nicht verzweifelte. Nachdem ich ungefähr ein Jahr gedient, gewann der Scharfſinn und Muth, welchen ich bei Ent⸗ deckung einer kleinen Diebsbande bewieſen haben ſollte, mir die Beachtung meines höchſten Vorgeſetzten. Er ließ mich rufen, drückte mir in jener Beziehung ſeine Zufriedenheit aus, lobte meinen auch ſonſt an den Tag gelegten Dienſt— eifer, ermahnte mich darin fortzufahren und endigte mit der Andeutung eines Auftrags, welcher einen klugen und entſchloſſenen Mann erheiſche, ſein Gefährliches, aber auch meine Beförderung zur Folge haben könne.„Mir iſt«,
ſagte er mit bedeutſamem Lächeln, indem er mich entließ,
„als habe ich Sie ſchon fruher geſehen— in einer andern Lebensſtellung meine ich. Das darf Sie nicht erſchrecken.
Was gehen mich anderer Leute Geheimniſſe an! Robert
iſt ein Name in allen Klaſſen der Geſellſchaft, und ich kann mich irren. Doch habe ich, ſeit Ihr gutes Benehmen mir gemeldet worden, das Zeugniß des Herrn eingeſehen welcher Sie empfohlen, und das bürgt, daß Ihnen kaum mehr als jugendlicher Leichtſinn beigemeſſen werden kann. Alſo frage und forſche ich weiter nicht und werde es Ihnen zu wiſſen thun, wenn ich Sie brauche.“
Auf dem Heimwege ſann ich vergebens nach, wo der Obercommiſſär mich ehemals geſehen haben könne. In den Tagen meines Wohlſtaͤndes war ich ſelten und immer nur kurze Zeit in London geweſen. Aber von der Vermuthung, daß er auf den Buſch geklopft haben werde, brachte mich meine Frau ab, welcher ich natürlich unſer Geſpräch er— zählte. Sie erinnerte mich, daß wir beim Pferderennen in Doncaſter mit ihm zuſammengetroffen, und ich erwähne dies als Beweis, daß der Herr Obercommiſſärs mindeſtens eins der Hauptbedürfniſſe eines Polizeimannes beſaß, ein eiſenfeſtes Gedächtniß. Drei oder vier Tage vergingen, ehe ich zu ihm beſchieden wurde, und es freute mich dann, daß ſein Auftrag einer war, wie er dem älteſten und ge— prüfteſten Polizeidiener geſchmeichelt haben müßte.„Hier, ſagte er zum Schluſſe,»iſt eine Perſonbeſchreibung dieſer Bande Spieler, Gauner und Fälſcher. Ihre Aufgabe iſt es, die Höhlen derſelben zu entdecken und rechtsgültige Be— weiſe ihres Handwerks zu erlangen. Bisher ſind alle da— hin zielende Verſuche geſcheitert, ſowohl an der zu großen Haſt der Beamten— ein Fehler, vor welchem Sie ſich ſehr hüten müſſen— als weil es abgefeimte Schurken ſind, welche nur durch Ausdauer und Pfiffigkeit in ihren Schlupfwinkeln belauſcht und der Gerechtigkeit überliefert werden können. Eins ihrer letzten Opfer iſt ein junger Merton, Sohn der verwittweten Lady Everton aus erſter Ehe. Sie hat unſere Hülfe nachgeſucht, ihn aus dem Netze zu befreien, in welchem er verſtrickt liegt. Heute Nachmittag fünf Uhr werden Sie bei ihr ſein— in Civil— kleidung verſteht ſich— und weitere Auskunft erhalten. Ihre Berichte erſtatten Sie unmittelbar an mich, und allen Beiſtand deſſen Sie bedürfen, ſichere ich Ihnen zu.“
So lautete im Weſentlichen meine Inſtruction für ein Unternehmen deſſen Schwierigkeiten und muthmaßliche Gefahr ich mir keineswegs verbarg, das aber ſchon wegen der Erlöſung von einem langweiligen Einerlei mir in hohem Grade erwünſcht war. Ich eilte nach Hauſe, machte ſorg⸗ fältigſte Toilette und begab mich zu Lady Everton, die mit ihrer Tochter, einem jungen bildſchönen Mädchen, mich bereits erwartete. Dennoch war ich für die gute Lady offenbar eine Ueberraſchung. Sie mochte unter einem Polizeidiener in Civilkleidung ſich ein ganz anderes Ge— ſchöpf gedacht haben, und erſt nachdem ich ihr mein Be⸗ glaubigungsſchreiben behändigt, gewann ihr ſtolzer zweifeln—
N. —.
der Blick den mildern Ausdruck vornehmer Herablaſſung.
„Setzen Sie ſich, Herr Robert, ſagte ſie und winkte mir
zu einem Stuhle,„dieſes Billet benachrichtigt mich, daß Ihnen der Auftrag geworden, meinen Sohn den Verwicke— lungen zu entziehen, in die er unglücklicher Weiſe gerathen.“
Die Antwort ſchwebte mir auf der Lippe. Ich war thöricht genug von der hochfahrenden Ausdrucksweiſe der vornehmen Frau mich verletzt zu fühlen. Ich wollte ihr erwiedern, daß die öffentliche Wohlfahrt mir die Pflicht auflege eine Gaunerbande auszufinden, mit welcher ihr Sohn ſich eingelaſſen, und daß ich zu ihr gekommen blos in der Abſicht, von ihr zu erfahren, wie weit ſie im Stande dieſen Zweck zu fördern. Mein guter Stern ließ über meiner feinen Toilette mich nicht vergeſſen, wer und was ich war. Alſo zügelte ich meine Zunge und antwortete mit einer ſtummen, ehrerbietigen Verbeugung.
Nun erhielt ich in der Hauptſache folgende Auskunft. Bald nach ſeiner Volljährigkeit war Charles Merton buch— ſtäblich unter Diebe und Räuber gefallen. Leidenſchaft zum Spiel hatte ſich ſeiner bemächtigt; Nacht für Nacht verbrachte er am Spieltiſch. Das Unglück wie er glaubte, richtiger wohl abgekarteter Betrug hatte ſich ſeit kurzem wider ihn verſchworen, ihm nicht blos ſein ganzes baar ererbtes Geld, ſondern auch beträchtliche, von der Frau Mama ihm unſinniger Weiſe gegebene Summen genom— men und er überdies Wechſel und Schuldverſchreibungen zu enormer Höhe ausgeſtellt. Anführer der Bande ſollte ein gewiſſer Sandford ſein, ein Mann von vornehmem und brillantem Aeußern, zu welchem Merton ein fabelhaftes Vertrauen hegte. Je öfter Lady Everton den Mann er— wähnte und je genauer ſie mir ihn ſchilderte und ſchildern konnte, da Merton ihn bei ihr eingeführt, deſto weniger konnte ich mich des Gedankens erwehren, daß er ein alter Freund von mir ſei und zwar einer deſſen Gefälligkeiten ich in gleicher Münze zurückzuerſtatten wünſchte. Dies behielt ich natürlich für mich, bat die Damen, von unſerem Geſprache nichts zu verlautbaren, und verabſchiedete mich, mit reichen Mitteln verſehen, meinen heimlich entworfenen Plan in's Werk zu richten.
Wenn er es wäre! ſagte ich zu mir, als ich auf der Straße ſtand, und der bloße Gedanke hetzte mir das Blut ſiedend durch die Adern. Wenn dieſer Sandford, wie ich vermuthe, der Schurke Cardon iſt, dann wäre ein gün— ſtiger Erfolg mein Sieg, mein Triumph. Dann hätte Lady Everton zu Anſtachelung meines Eifers ihre Geld— verſprechen ſparen können. Ein niedergeworfenes Daſein, ein junges liebenzwürdiges Weib, durch ihn von Reich— thum zur Dürftigkeit gebracht— den feigſten Wurm müßte das zu Kraft und Muth begeiſtern. Gebe der Himmel, daß meine Vermuthung wahr ſei! Dann, Freund Cardon, habe Acht; der Rächer ſitzt dir auf den Ferſen!
So denkend oder vor mich hin murmelnd, nahm ich den Weg nach den italieniſchen Opernhauſe. Sandford— war mir geſagt worden— ſei regelmäßig während des Ballets anweſend. Auch ſeine Loge wußte ich. Bei meinem Eintritte in's Paterre war ſie leer. Ich ſtellte mich gegen— über. In der eilften Stunde, unmittelbar nach dem An— fange des Ballets ging die Loge auf. Ich hatte ſie un— verwandt im Auge behalten, und Arm in Arm mit einem jungen, bleichen, ariſtokratiſch ausſehenden Manne, in
welchem ich nach einem Porträt in Lady Everton's Zim-
mer Merton erkannte, trat Cardon ein. Er war es, Zug fur Zug. Nur ſolange zögernd als ich brauchte, meine Bewegung zu beherrſchen, ließ ich mir die Loge öffnen. Cardon ſaß mit dem Rücken nach der Thür. Ich tippte ihn auf die Schulter. Er drehte ſich raſch um, und hatte er einem Baſiliskenauge begegnet, er könnte nicht fichtbarer


