Ausgabe 
27.11.1850
 
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Wie der Tabak zu uns kam, und das Cabakranchen dazu.

Wenn es mir erlaubt iſt, liebe Freunde in der Spinn⸗ ſtube, einmal von mir zu reden, ſo will ich es gerne be⸗ kennen, daß mir mein Pfeifchen über die Maaßen lieb iſt und von Morgens bis Abends koöſtlich ſchmeckt, Notabene, wenn ich keinen Landsmann oder Pfälzer oder ſonſt einen Kneller oder Skaferlatti rauchen muß. So geht mir's gerade, ſagt der Schmiedjacob, und dahinten am Ofen ſitzt der Gevatter, dampft wacker, lacht mit dem ganzen Geſichte und nickt. Der iſt Meiſter in der Zunft. Wollte man Umfrage halten im lieben Vaterlande, ſo würde es ſich herausſtellen, daß eine ungeheure Mehrheit auf unſerer Seite iſt. Glaub's auch. Es iſt aber das Rauchen doch auch etwas ganz Anderes, als wenn ſo ein Schnupfer den Tabak in die Naſe ſtopft oder gar ein Anderer ein Prümchen in den Backen ſchiebt und kaut. Das Denken daran könnte Einem den Appetit verderben auf acht Tage! i

Wie behaglich ſitzt der Raucher da, bläſt ſeine blauen Ringelwölkchen in die Luft und ſtellt friedliche Betrach⸗ tungen an! Kein feindſeliger Gedanke hat in ſeiner Seele Raum, des Lebens Leid und Weh' trägt er ſtille und leicht, und die Zufriedenheit ſpiegelt ſich in ſeinen Zügen.

Die Weiber knurren wohl einmal darüber, allein das iſt ungerecht. Man muß Jedem ſeine Pläſir laſſen.

Wie nur die Leute die Zeit herumbrachten, ehe der Tabak da war?

Was? ruft der Gevatter, war der nicht immer da? Das will ich meinem Gevatter, dem Spinnſtubenſchreiber, ſagen, der ſoll entſcheiden, dann aber auch, wie er's Anno 1848 verſprochen hat, erzählen, wie es mit dem Tabak zugegangen.

Da mußte ich freilich daran denken und dem Ge⸗ vatter den Gefallen thun.

Es iſt wahr, lieber Gevatter, der Tabak iſt bei uns nicht daheim, auch das Rauchen nicht, und es hat eine gar curioſe Geſchichte, die ich Euch jetzt erzählen will. Ehe der Columbus, von dem ich Euch Anno 1847 in der Spinnſtube erzählt habe, Amerika entdeckte und eine gute Zeit nachher, wußte kein Menſch in Europa etwas vom Tabak, und wenn das Kathrinchen damals gelebt hätte, wär's nicht nöthig geweſen, daß es alle Abend das Ober⸗ fenſter aufmacht, um den Dampf hinaus zu laſſen, den die Pfeifen machen.

Ueber den Urſprung des Rauchens iſt's ſchwer, etwas zu ſagen, ſelbſt über ſein Vaterland iſt man nicht ganz ſicher; denn die Wilden in Amerika haben geraucht, als die Europäer mit ihnen bekannt wurden, und die Chineſen und andere Völker in Aſien haben auch ſeit unvordenklichen Zeiten Tabak geraucht, und daß ſie es von den Europäern, namentlich von den mit ihnen han⸗ deltreibenden Portugieſen, gelernt, iſt abſolut gelogen. Ich, meines Ortes, möchte mich dafur erklären, daß die Tabakspflanze in Amerika und Aſien zu Hauſe iſt, und daß in uralter Zeit beider Welttheile Bewohner, ohne etwas von einander zu wiſſen, an's Rauchen gekommen ſind, Gott weiß wie.

Die wilden Bewohner von Nord-Amerika haben ein Mährlein, das ſagt: Einſt ſeien Leute ihres Stammes auf der Jagd geweſen und hätten ſich einen gebratenen Rehſchlaͤgel ſchmecken laſſen, da ſei vom Himmel eine wunderſchöne Jungfrau herabgekommen und habe ſich nicht ferne von ihnen auf einen Hügel niedergeſetzt. Gleich hätten ſie ihr ein ſaftiges Stück vom Schlägel angeboten, und ſie hätte es mit dem größten Appetit verſpeiſt. Darauf habe ſie geſagt, die Männer ſollten nach einem

Jahre wieder an die Stelle kommen, dann würden ſie auf dem Hügel das Köſtlichſte finden, was ſie ihnen geben könne. Die Wilden hätten ſich darauf das Plätzlein ge⸗ merkt und wären richtig nach einem Jahre wieder gekom men. Da hätten ſie dann auf dem Hügel drei herrliche Pflanzen gefunden, nämlich Mais oder Welſchkorn, Bohnen und Tabak.

Aus dieſer Sage erkennt man übrigens, wie hoch die Wilden den Tabak hielten, daß ſie meinen konnten, er ſei ihnen unmittelbar vom Himmel herab geſendet worden. Er wächſt übrigens und wuchs in den wärmeren Theilen von Nord-, Mittel- und Süd-Amerika, und die Urein wohner hatten je nach Völkerſchaft und Sprache verſchie⸗ dene Namen dafür. Sie nannten ihn: Cohoba, Gioja, Joli, Jetl, Pycietl, Quanbyetl, Uppowork, Petum, Sagri. Den ſpäter allgemein angenommenen Namen Tabak trägt er von der amerikaniſchen Inſel Tabago, wo er beſonders häufig wuchs. Die Gelehrten nennen ihn Nicotiana von einem franzöſiſchen Geſandten in Liſſabon in Portugal, der ihn zuerſt nach Frankreich brachte und Jean Nicot hieß.

Die erſte Nachricht von dem Tabak und dem Rauchen deſſelben brachte ein ſpaniſcher Geiſtlicher nach Europa, der Ramon Pane hieß. Er machte mit Columbus 1496 die Reiſe nach Amerika, welche des Columbus zweite war, und berichtet, daß er auf der großen Juſel Hayti ein Kraut habe kennen gelernt, welches die Einwohner Cohoba und Gioja nennten; dieſes Kraut habe wenn man es trockne und den Rauch einathme, eine berauſchende Wirkung(Himmel und Erde, ich weiß noch ein Liedlein davon zu ſingen, als ich meine erſte Pfeife rauchte), und die Einwohner tränken den Rauch deſſelben durch eine zweizackige Röhre; auch ſagt er, man gebrauche die Blätter als Heilmittel bei Wunden.

Dieſelbe Nachricht beſtätigt 1511 ein anderer Geiſt⸗ licher, Petrus Martyr, der den Gebrauch des Tabaks ebenfalls auf der Inſel Hayti und 1522 in Mexico kennen lernte. Der Seefahrer Hernandez Oviedo beſchreibt zuerſt 1535 die Tabakspflanze genau, und der reiſende Lopez de Gomara erzählt 1553, daß man damals in Europa den Gebrauch des Tabaks noch nicht kannte. Es läßt ſich nicht bezweifeln, daß die vielen Spanier, welche ſich da⸗ mals ſchon in Amerika aufhielten, den Gebrauch des Rauchens bald den wilden Völkern nachahmten, und es dann nothwendig folgen mußte, daß ſie die herrliche Kunſt bei ihrer Rückkehr in's Mutterland, Spanien, auch dort bekannt machten. Dem weiteren Verbreiten des Rauchens ſtand aber die Schwierigkeit im Wege, daß man mit Amerika noch keine ſo lebhafte Handels verbindung hatte, daß man leicht und wohlfeil hätte Tabak in Spanien haben können.

Am Allergenaueſten waren die Nachrichten, welche der Franzoſe Andreas Thewet, der 1555 und 1556 ſich in Braſilien aufhielt, mittheilte. Er ſagt, daß man das Kraut dort Petum heiße. Der Portugieſe Fernando Lopez de Caſtaneda brachte höͤchſt wahrſcheinlich zwiſchen den Jahren 1553 und 1558 Tabakſamen nach Portugal, und man pflanzte ihn dort in den Gärten als eine Zierpflanze der Blüthe wegen, wie wir Roſen und Grasblumen oder Nelken pflanzen; allein bald gebrauchte man ihn auch als Heilmittel bei Wunden.

Nach Frankreich kam der Tabak durch den genannten Geiſtlichen Thewet; er war aus Angouléème in Frankreich, und dort pflanzte er ihn zuerſt, allein die Ehre wurde ihm geraubt, indem Jean Nicot, als er 1561 nach Paris zurückkehrte, der Königin Katharine den Samen der Pflanze brachte. Nun wurde der Tabak Nicotiana, auchGe⸗ ſandtenkraut,, und weil ihn die Königin(aber immer