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taatsverfaſſung feindſelige Beſtrebungen an den Tag legen, trägt 5 aufſteckt, 110 inſoßeit nicht der Thatbeſtand eines nach den beſtehenden Strafgeſetzen zu beſtrafenden Verbrechens oder Vergehens vorliegt, mit einer Polizeiſtrafe von drei bis fieben Gulden oder Gefängniß bis zu fünf Tagen beſtraft.— Art. 2. Wer an offentlichen Orten aufrühreriſches Geſchrei erhebt oder aufrühreriſche Lieder ab⸗ ſingt, ſoll, inſofern Form und Inhalt nicht eine ſchwere Strafe nach den beſtehenden Strafgeſetzen begründen, mit einer Polizeiſtrafe von drei bis ſieben Gulden oder Gefängniß bis zu fünf Tagen beſtraft werden.— Art. 3. Inſoweit eine auf den Grund der gegenwärtigen Verordnung erkannte Geldbuße ſich als uneinbringlich darſtellt, ist dieſelbe im Gefängniß und zwar mit vier und zwanzig Stunden für jeden Gulden zu verbüßen.— Art. 4. Gegenwärtige Verordnung tritt mit dem Tage e in Wirk⸗ i ich ꝛc. armſtadt, 11. Septe 50. ſamkeit. Urkundlich An v. Oelvigt. 2) Verordnung, die Diseciplinar-Gewalt der Oberſtudien⸗ Direction betr. Ludwig III. von Gottes Gnaden Großherzog von Heſſen und bei Rhein ꝛc. ꝛc. In Betracht, daß in dem Edicte vom 6. Juni 1832, das Volksſchulweſen betreffend, dem Oberſchulrathe nur in Bezug auf die bei den derſelben untergebenen Lehranſtalten angeſtellten Lehrer und Diener eine Disciplinargewalt zugetheilt iſt; um der nun als Oberſtudien⸗Direction vereinigten Collegial⸗Behörde die ihr gebührenden Befugniſſe hinſichtlich ſammtlicher ihr üntergebenen Beamten zu gewähren,— haben Wir verordnet und verordnen, wie folgt: Einziger Artikel. Unſere Oberſtudien⸗Oireetion hat außer den, dem früheren Oberſtudienrathe zugetheilten Befugniſſen die Disciplinargewalt auch hinſichtlich der Angeſtellten bet der höheren Gewerbſchule, den Realſchulen, Schullehrer-Seminarien, Taubſtummen⸗ und allen ſonſtigen ihr untergebenen Lehranſtalten, ſowie hinſichtlich der an dieſem College ſelbſt angeſtellten Beamten, und zwar in den Grenzen, innerhalb welcher dieſelbe nach der Dienſtpragmatik dem vorgeſetzten Colleg zuſteht, auszuüben. Urkundlich 1c. Da mſtadt, am 24. Auguſt 1850. Ludwig. v. Dalwigk. 3) Bekanntmachung, den Ausſchlag zur Bezahlung der Unter⸗ förſtersbeſoldungen im Forſte Reinheim fur 1850 betr.— 4) Sum⸗ mariſche Ueberſicht der zur Bezahlung der vorſtehend angegebenen Beſoldungen in den Gemarkungen nachſtehender Gemeinden des Re⸗ gierungsbezirks Dieburg zu erhebenden Beiträge.— 5) Verzeichniß rechtskräftig gewordener Straferkenntniſſe in der Provinz Oberheſſen und zwar 19 vom Aſſiſenhofe, 26 vom Hofgerichte zu Gießen, 1 vom Landgericht Ulrichſtein, 5 vom Landgericht Lauterbach. Darunter a. Zuchthausſtrafen; von 10, 8, 7¼, 5 Jahren wegen wiederholter, ausgezeichneter Diebſtähle, mit Entweichung ꝛc.; von 5 Jahren wegen Nothzucht; von 4½ J. eine wegen Diebſtahls, eine wegen Verun · treuung im Dienſte; von 3½ J. wegen Korperverletzung; von 3 J. wegen Veruntreuung und Falſchungen; von 2%— 2 J., 19 Falle, wegen Betrugs, Schriftfälſchung, Meineid, Eigenthumsbeſchadigung, Diebſtählen, Landſtreicherei; b. Correctionshausſtrafen: von 2— 2J., 8 Fälle, wegen Schriftfälſchung, Bettel, Unterſchlagung, Betrug, Bankerott, Eigenthumsbeſchädigung.— 6) Ertheilung eines Patents vom 4. September 1850 an Hofhutfabrikanten Heinrich Schuchard und Lederhändler J. P. Wambold zu Darmſtadt auf Verfertigung von Militärhelmen aus ungeſpaltenem Leder in einem Stück ohne Naht.— 7) Dienſt nachrichten. Am 6. Auguſt Bahnmeiſter Querner zum Materialverwalter und Bahnaufſeher dahier; am 10. Aſſiſtent Walz, zum Aſſiſtenten bei dem Hauptzollamte Offenbach, und Gehülfe Netz zum Gehülfen bei dem Hauptzollamte Offenbach; am 17. der Lehrer am Gymnaſium zu Mainz, Grieſer, zum Director und 1. Lehrer daſelbſt ernannt; am 20. wurde Heineck II. das Patent als Geometer der 3. Kl. für den Reg ⸗Bez. Nidda ertheiltz am 22. dem Pfarrer Seitz zu Alzey die lath. Pfarrſtelle zu Fürth, Reg.-Bez. Heppenheim, übertragen. Am 28. der Reg.⸗Seer. Jäger zu Mainz zum Geh. Regiſtrator bei den Miniſterien des Innern und der Juſtiz, unter Verl. des Char. als Archivrath, ernannt und dem Pfarrer Schlör zu Dalsheim die 2. evang. Pfarrſtelle zu Breiden⸗ bach, Reg.-Bez. Biedenkopf, übertragen; am 29. der Calculator Greiner zum Obereinnehmer für den O.-E.⸗B. Nidda— der Cal⸗ culator Schuſter zum Obereinnehmer für den O.-E.⸗B. Gießen— und die Acceſſiſten Schröder und Marloff zu Calculatoren er⸗ nannt; am 30. wurde dem Euler aus Mittelgründau das Patent als Geometer erſter Klaſſe für den Regierungsbezirk Nidda ertheilt. Am 1. Sept. wurde der Profeſſor Dr. Scharpff zu Gießen zum Rector der Landesuniverſität für die Zeit von Michaelis 1850 bis dahin 1851 ernannt.— 8) Am 7. Auguſt wurde dem Reg.⸗Seeretär bei der Reg.⸗Comm. zu Gießen, Pietſch, der Charakter als Reg.⸗ Aſſeſſor verliehen.— 9) Am 10. wurde der Steuereommiſſär des Steuerbezirks Bensheim, Heß, auf ſein Nachſuchen in den Ruheſtand verſetzt.— 10) Geſtorben ſind: am 17. Juli der kath. Pfarrer und Decan Caſtello zu Bingen; am 15. Aug. der Schullehrer Gaß zu Kirchbrombach; am 12. der Phyſicatsarzt, Medieinalrath Dr. Pil⸗ gram zu Butzbach; am 24. der Oberconſiſtoriglrath und Stadtpfarrer Keim; am 29. der Landrichter Schaum zu Ortenberg; am 9. Sept. die Penſioniſtin der Saline Theodorshalle, Hermanni.
̃ Die Ahnung. Nach einer wahren Begebenheit. Von Fr. Gerſtäcker. (Fortſetzung.)
Der Paſtor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett, und ſprang dann mit dem raſch entzündeten Lichte durch ſein Zimmer, riß die Thür auf, eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an alle Klinken, fand ſelbſt das Hausthor verſchloſſen und pochte vergebens an des Küſters Stube an; der alte Mann lag ſchon lange in tiefem Schlaf und hörte ibn nicht. Es war Alles ſo ſtill, ſo unheimlich; auf den Gängen rauſchte und flüſterte es; wie mit ſchleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab, den ſonſt unerſchrockenen Mann faßte ein Schau— der an, und mit Gewalt mußte er das Gefühl, das ihm die Bruſt zuſammen zu ſchnüren drohte, von ſich werfen.
„Der Wind, der Wind!“ murmelte er, wie um ſich ſelbſt zu beruhigen, dabei leiſe vor ſich hin und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf. Dort aber raffte er ſich gewaltſam zuſammen, betrat zuerſt das Zimmer ſeiner Frau, um dieſer beizuſtehen, ſtieg dann hinauf, wo ihre Magd ſchlief, weckte ſie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was ſie zu beſorgen habe. Dann unterſuchte er noch einmal alle Läden und Thüren, ging ſogar über den Hof, um zu ſehen, ob das Hofthor verſchloſſen wäre und that überhaupt Alles, was er nur mit ruhigſter, käl⸗ teſter Beſonnenheit hätte thun können; aber es geſchah eben nicht mit kalter Beſonnenheit, wie ein Nachtwandeln⸗ der, mit bleichem Geſicht und glanzloſem Auge ſchritt er von Ort zu Ort, und die Bewegungen ſeines Korpers glichen eher denen eines künſtlichen Automaten, als denen eines wirklichen, ſelbſtbewußten Menſchen.
Sobald der Morgen dämmerte und ſeine Frau in einen ruhigen ſtärkenden Schlaf verfallen war, ſchloß er ſich in ſein Zimmer ein, ſchrieb dort den ganzen Vormit⸗ tag und ſiegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbſt zum Mittagseſſen blieb er nicht vorn und ſah nur einmal nach der Kranken, ob ſich dieſe von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe. Nachmittags klopfte es an ſein Zimmer, und als er den Riegel zurückſchob, reichte ihm der draußen ſtehende Poſtbote einen Brief. Er riß ihn auf, ſah nach der Unterſchrift, er war von ſeiner Schwägerin Regine, und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben in ſeiner Hand zitterte und er die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile niedergeworfenen Zeilen:
„Lieber Schwager!“
„Gott hat uns geſtern Abend auf ſchwere entſetzliche Weiſe heimgeſucht. Zwiſchen zehn und halb eilf Uhr ſtarb, wahrſcheinlich an einem Blutſchlage, mein armer Vater. Theilen Sie Eliſen die Schreckenskunde vorſichtig mit; ach, ſein letzter, ſehnſüchtiger Wunſch war ja, ſie noch einmal vor ſeinem Ende zu ſehen. Wenn es möglich iſt, kommen Sie her; Eliſe wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl ſchwerlich entbehren können. Ich ſchreibe in der Nacht, und will den Brief noch vor dem Abgange des Bahnzuges an einen Conducteur zur Beförderung ſchicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Tröſten Sie meine arme Schweſter.
Ihre Regine.“ 2*
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Acht Wochen waren verfloſſen— draußen auf Fel⸗ dern und Wieſen keimte und grünte es, das Frühjahr hatte mit ſeinem warmen Hauch den ſtarren Boden geküßt, und froh auf trieb dieſer, in immer neu erſtehender Kraft und Jugend, ſaftreiche Gräſer und Halme und bunte, glänzende


