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Intelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
N 15.
Mittwoch den 20. Februar
1850.
Kapitän Po ſitif.
Ein eisgrauer franzöſiſcher Invalide mit nur Einem Arm ſaß an einem ſchönen Juliabend vor ſeinem freundlichen Häuschen im Schatten eines mächtigen Nußbaumes, und um ihn her einige Jungen des Dorfes, welche mit Ungeſtüm in den Alten drangen, er ſolle ihnen eine Geſchichte erzählen. Der Alte ließ ſich endlich gewinnen, nahm die Pfeife aus dem Munde, wiſchte ſich die Lippen mit dem Rücken der einen Hand, ſtrich den Schnurrbart und hub an:
„Zu meiner Zeit, Jungens, hätten ſich die Franzoſen dawider empört, hätten ſie mit Franzoſen ſich in den Straßen ſchlagen müſſen, wie heutzutage geſchieht. Nein, wenn wir nns ſchlugen, geſchah's für die Ehre Frankreichs und gegen auswärtige Feinde. Seht, Kinder, meine Geſchichte beginnt am 6. November 1812, kurz nach der Schlacht von Wiäzma. Wir waren auf dem Rückzug, aber nicht vor den Ruſſen, denn die blieben immer in ſicherer Ent— fernung von unſeren Cantonnirungen, ſondern vor der ſchneidenden Kälte jenes eiſigen Landes, die uns furcht— barer zuſetzte als die fuͤnffache Zahl der Feinde gethan haben würde. Die letzten paar Tage hatten unſere Offiziere uns immer verſprochen, wir würden bald nach Smolensko kommen, wo es übergenug zu eſſen und zu trinken, und Branntwein, Feuerung und Schuhe die Fülle gäbe. Aber mittlerweile gingen wir im Schnee und Eis zu Grunde, und wurden unaufhörlich von den Koſacken mit ihren ver— dammten Spießen geneckt.
Sechs Stunden lang waren wir marſchirt, ohne nur einen Augenblick auszuſchnauben, denn wir wußten, daß jede Raſt ſicherer Tod ſei. Ein ſchneidender Wind trieb uns die Schneeflocken in's Geſicht, und wir ſtolperten bis— weilen über die ſtarren Leichname unſerer erfrorenen Ka— meraden. Nirgends Singen oder Geplauder, ja nicht ein— mal Murren, und das war ein böſes Zeichen. Ich ging hinter meinem Kapitän, einem ſtämmigen kurzen Burſchen, rauh und derb, aber ſo treu und ſtark wie der Stahl
ſeiner Degenklinge. Wir nannten ihn nur Capitaine Positif, denn er ſprach nicht viel, aber wenn er einmal etwas geſagt hatte, ſo blieb's dabei— da half keine Gegenrede, er ließ ſich nie von ſeinem Entſchluß abbringen. Bei Wiäzma war er bleſſirt worden, ſein ſonſt ſo rothes Geſicht war nun ganz bleich, und das weiße Taſcheutuch, das er um ſein verwundetes Bein gebunden, war durch und durch blutig. Ich ſah ihn erſt immer langſamer gehen, dann ſtraucheln und wanken, als wär' er betrunken,— und am Ende ſtürzte er wie ein Block nieder.
„Morbleu, Kapitän!“ rief ich und beugte mich über ihn,„hier konnen ſie nicht liegen bleiben!“
„Bah, Du ſiehſt, daß ich es kann! hier lieg' ich ja ſchon!“ verſetzte er und deutete auf ſein Bein.
„Kapitän!“ ſagt' ich,„Sie dürfen nicht ſo ſterben!“ damit nahm ich ihn in den Arm, hob ihn auf und ſtellte ihn auf die Füße. Er ſtützte ſich auf mich und verſuchte zu gehen, aber vergebens; er ſtuͤrzte noch einmal nieder und zog mich mit an den Boden.
„Jobin, ſagte er,„'s iſt aus mit mir. Laß mich deßhalb hier liegen und ſtoße ſo ſchnell wie möglich wieder zu Deiner Colonne. Doch halt,— noch ein Wort, ehe Du gehſt: zu Vorreppe bei Grenoble wohnt ein altes Mütterchen, jetzt 82 Jahre alt;'s iſt...'s iſt meine Mutter. Zu der gehe, bring' ihr einen Kuß, und... ſag' ihr, ich... ſag' ihr.., ſag' ihr was Du willſt, aber bring' ihr dieſe Börſe und mein Kreuz!“
„Iſt das Alles, Kapitän?“ ſag' ich.
„Ja, Alles! Nun Gott- befohlen! Spute Dich, daß Du fortkommſt!“
Jungens, ſeht'mal, ich wußte nicht wie mir geſchah, aber mir gefroren zwei Thränen auf den Wangen.— „Nein, Kapitän! ruf' ich;„ich verlaſſe Sie nicht; ent— weder kommen Sie mit mir, oder ich bleibe bei Ihnen!“
„Und ich verbiete Dir das Dableiben!“ ſagte er.
„Na, da mögen Sie ebenſo gut einem Weiben das Schwatzen verbieten, Kapitän,“ ſag' ich und bleibe da.


