—
— 222—
dt. Der Junge, welcher die Fiſche hingebracht, er⸗ 1 er habe 500 fremden jungen Herrn durch die halb⸗ geöffnete Thüre in einem der Empfangszimmer des Erd—⸗ geſchoſſes bemerkt. Am folgenden Morgen entdeckte man, daß in Five Oaks Houſe nicht ein- ſondern aus ge⸗ brochen worden ſei, wie aus dem Zuſtand der Thürangeln und Riegeln zu ſehen war, und die Schaffnerin grauſam ermordet gefunden wurde. Die Nachbarn fanden ſie todt und eiskalt am Fuß der großen Haupttreppe, nur mit Strümpfeu und Nachtgewand bekleidet, einen flachen Nacht- leuchter mit der Hand krampfhaft umſchloſſen. Man ver⸗ muthete, ſie ſeie durch irgend ein Geräuſch im Erdgeſchoſſe geweckt, herabgekommen um nach der Urſache deſſelben zu ſehen, und bei dieſer Gelegenheit von den Räubern erbar⸗ mungslos erſchlagen worden. Mr. Bagſhawe kam den Tag darauf an, und nun ergab ſich's, daß die eingebrochenen Diebe nicht allein eine große Menge Silbergeſchirr, ſondern auch zwiſchen 3 4000 Pfd. Sterling in Gold und Banknoten mit⸗ genommen hatten. Die einzige Perſon, welche, außer ſei⸗ ner bei ihm wehnenden Nichte, um das Vorhandenſein dieſer Summe im Hauſe wußte, war ſein Neffe Robert Briſtowe, dem er nach London, in Hummum's Hotel ge⸗ ſchrieben hatte: die Summe für den ſchon längſt in Aus⸗ ſicht ſtehenden Ankauf des Gutes Ryland liege ſchon ſeit einiger Zeit in Five Oaks parat, da er noch mit ihm Rückſprache nehmen möchte, bevor er den Handel definitiv abſchließe. Dieſer Mr. Robert Briſtowe ſchien nun ſpur⸗ los verſchwunden, und zu noch größerer Beſtätigung des Verdachts gegen ihn, der freilich Mr. Bagſhawe und ſei⸗ ner Nichte unſäglich peinlich ſein mußte, daß er nämlich der Dieb und Mörder ſei, war ein Fetzen von eben dieſem Briefe des Oheims an ihn in einem der Zunmer von Five Oaks gefunden worden. Da er in der Nachbarſchaft von Kendal ſpurlos verſchwunden war, ſo vermuthete man, er müſſe mit ſeiner Beute nach London zurückgekehrt ſein, und eine möglichſt genaue Beſchreibung ſeiner Perſon und der Kleidung, die er nach der Ausſage des Laufburſchen vom Fiſchhändler trug, ward von den Behörden nach Lon⸗ don geſandt. Ebenſo ſtellten ſie zu unſerer Verfügung einen gewiſſen Joſiah Barnes, einen ſchlauen, ge⸗ ſcheidten Burſchen von Thunichtgut, der anfangs feſtge— nommen worden war, weil er früher mit der erſchlagenen Sarah King Umgang gehabt, die aber, wie es ſchien, wegen ſeiner unverbeſſerlichen Trägheit und ſeiner auch in anderer Beziehung minder löblichen Aufführung, längſt mit ihm gebrochen hatte; allein er hatte nicht nur ein Alibi auf's Bündigſte nachgewieſen, ſo daß man ihn ſchon nach einer Haft von wenigen Stunden hatte entlaſſen müſſen, ſondern auch einen ſo großen Eifer für die Auf⸗ findung des Mörders ſeines wirklich innig geliebten Mäd— chens an den Tag gelegt, daß ſeine Hülfe bei ſeiner um— faſſenden Perſonen- und Ortskenntniß am Schauplatz des Verbrechens gar nicht zu verachten war. Joſiah Barnes war ſeines Gewerbes eigentlich Zimmermann, wie ſein Vater, und in ſeinem Fache nicht ungeſchickt; aber er zog es vor, das unſtäte Leben eines Muſikanten zu führen, und bei den kleinen Feſten und Vergnügungen der ärmeren Kendaler zu ſingen, die Violine zu ſpielen oder den Bauch⸗ redner, Taſchenſpieler und Buffo zu machen. Sein größter Vorzug für uns war, daß er Mr. Robert Briſtowe von Geſicht kannte; ſobald ich daher meinen Auftrag und In— ſtructionen empfangen hatte, begab ich mich mit ihm nach Hummum's Hotel, in Covent-Garten; dort erhielt ich auf meine Fragen die Antwort, daß Mr. Robert Briſtowe ſchon vor einer Woche das Hotel verlaſſen habe; ohne ſeine übrigens ganz geringe Zeche zu bezahlen, und daß man ſeither Nichts mehr von ihm wiſſe, er auch ſein Ge—
päck nicht mitgenommen habe. Dies war ſeltſam, obwohl die genannte Friſt ihm Zeit genug gegeben haben würde, Weſtmoreland an demjenigen Tage zu erreichen, wo er laut Bericht dort angekommen war.
„Was für eine Kleidung trug er, als er zuletzt im Hotel geſehen wurde?“ fragte ich.
„Dieſelbe, die er gewöhnlich trug: nämlich eine militäriſche Interimsmütze mit goldener Borte, einen mili— täriſchen blauen Ueberrock, leichte Beinkleider und Welling— tonſtiefeln!“ war die Antwort.
Genau daſſelbe Koſtüm hatte auch des Fiſchhändlers Laufburſche beſchrieben. Hierauf begaben wir uns nach der Bank von England, um zu erfahren, ob einige der entwendeten Noten umgewechſelt worden ſeien; ich über⸗ gab eine mir von Mr. Bagſhawe eingehändigte Liſte und erhielt artig zur Antwort, daß ſie alleſammt ziemlich früh am Tage zuvor von einem Herrn in halbmilitäriſcher Tracht und einer Interimsmütze eingeloͤſt worden ſeien. Das In— doſſament auf der Rückſeite lautete auf einen Lieutenant James, und die Adreſſe:„Harley Street, Cavendiſh Square,“ war natürlich eine erdichtete. Der Kaſſier be— zweifelte ſehr, die Identität der Perſon des Herrn beſchwören zu können, der die Noten eingewechſelt, aber ſeinen Anzug hatte er ſich ganz beſonders gemerkt. Ich kehrte auf das Polizeibureau zurück, um zu berichten, daß ich Nichts aus— gerichtet habe; es ward nun befohlen, genaue Steckbriefe von Robert Briſtowe auszugeben und eine bedeutende Prämie auf ſeine Beifahung oder genügende Nachweiſe über ihn zu ſetzen. Allein kaum war der Befehl gegeben, ſo ſahen wir zu unſerem nicht geringen Erſtaunen Mr. Robert Briſtowe in eigener Perſon unbefangen über Scot— land Yard herüberkommen und auf das Polizeibureau zu— ſchreiten, noch immer in der alten Kleidung. Kaum hatte ich noch Zeit gehabt, den Juſpector zu bitten, er ſolle ja kein Arb wohn verrathen, ſondern ruhig ſein Vorbringen anhören und ihn wieder in Frieden ziehen laſſen,(ja kaum war ich ſelbſt mit Joſiah Barnes hinter eine ſpaniſche Wand ge⸗ treten, ſo trat Robert Briſtowe ſelber herein und brachte eine förmliche aber äußerſt confuſe Ausſage vor, er ſei vor ungefähr einer Woche ſelbſt beſtohlen worden, er wiſſe nicht von wem oder wo,— er ſei dann bei dem Bemühen, die Diebe zu entdecken, mehrere Tage lang von einer Perſon, die er jetzt für einen Spießgeſellen der Räuber halten müſſe, myſtiftcirt, und in der Irre herumgeführt worden. Aber ſelbſt von dieſer letzteren Perſon konnte er keine ge— nügende Beſchreibung geben, und nachdem der Juſpector ruhig ſeine Angabe angehört, welche ohne Zweifel eben— falls eine Myſtification beabſichtigte, ſagte er ihm, die Polizei werde Nachforſchungen anſtellen, und wünſchte ihm guten Morgen. Sobald er aus Scotland Yard in die Straße eingebogen, welche zum Strand führt, machte ich mich hinter ihm her. Er wandelte gemächlich zu, doch ohne anzuhalten, bis er den„Sarazenenkopf,“ ein Gaſt— haus in Snowhill, erreichte, wo er ſich zu meinem größten Erſtaunen für den Nachtwagen nach Weſtmoreland ein— ſchreiben ließ. Er trat dann in das Gaſthaus, ſetzte ſich in's Kaffeezimmer und beſtellte eine Flaſche Sherry und Zwieback. Da er nun jedenfalls ſich hier einige Zekk auf— halten mußte, wollt' ich eben ein wenig in der Straße auf- und abgehen und mich über die zweckmäßigſten Schritte beſinnen, die ich nun zu thun hatte, als ich drei ſchmuck⸗ gekleidete Burſchen mit frechen Geſichtern, in deren Einem ich trotz der eleganten Kleidung einen gefährlichen Kerl zu erkennen wähnte, ebenfalls in das Bureau des Stellwagens treten ſah. In meiner Lage natärlich mißtrauiſch, trat ich ſo nahe an die Thuͤre, als ich ohne Aufſehen und ohne bemerkt zu werden, konnte, und hörte den Einen


