Ausgabe 
9.1.1850
 
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ferne vom Treiben der Städte eine treffliche Erziehung genoſſen, war reif geworden, die Welt kennen zu lernen, ſich Selbſterfahrungen zu ſammeln; dieſe für den in die Welt eintretenden jungen Mann ſchwere Aufgabe, welche uns ſo viele Schattenſeiten des Lebens vorführt, erfüllte ihn mit ahnungsvoller Sorge und ließ ihn nur mit weh müthiger Empfindung auf die glücklichen Tage vergangener Jugendjahre zurückblicken. So ſaß er noch lange, vielleicht eben mit der Erinnerung an die Vergangenheit beſchäftigt, in tiefes Nachdenken verſunken und zog dadurch mehr und mehr die Aufmerkſamkeit der anweſenden Gäſte auf ſich. Der vor ihm ſtehende Wein war noch unberührt, und das aufgetragene Abendeſſen erkaltete allmählig. Da hörte man einen Reiſewagen näher kommen und vor dem Gaſt⸗ hofe halten. Alle Blicke wendeten ſich nach der Thuͤre, um zu ſehen, wer die ſpäten Anköͤmmlinge wären. Eine Dame, welche kaum über vierzig Jahre zählen mochte, trat mit ihrer Tochter ein. Beide waren in tiefe Trauer gehüllt, und die Bläſſe ihres Angeſichtes ließ auf eine ſchickſalreiche Vergangenheit ſchließen.

Beide nahmen dem jungen Manne gegenüber Platz. Dies ſchien ihn aus ſeinen Gedanken zu wecken. Ueber den Kummer, der ſich in dem Auge von Mutter und Toch ter ausſprach, vergaß er ſein eigenes Leid, und mit jedem Augenblicke ſtieg ſein Intereſſe, mit ihren Schickſalen näher bekannt zu werden, ſo ſehr er auch hin und wieder nachdachte.

Wie wird es meinem lieben Bruder nun gehen, gute Mutter, wenn er nicht mehr bei uns iſt? begann Lina ihre Mutter zu fragen.Und wie,, fuhr ſie fort, werden wir ihn vermiſſen? Es iſt doch wahrhaft hart, für mich Arme, die ich kaum den Vater verloren, daß ich nun auch des Bruders entbehren ſoll. Verlaſſe nur Du mich nicht, liebe Mutter!

Mit dieſen Worten ſchmiegte ſie ſich enger an die Mutter an.

Nie, liebe Lina, erwiederte dieſe,werd' ich mich von Dir trennen, bis auch für mich einſt das Ende meiner Tage kommt. Was Deinen Bruder betrifft, ſo ſei außer Sorge. Männer lernen ſich eher des Familienlebens ent wöhnen, als wir. Ihnen ſtehen alle Zerſtreuungen des Lebens offen, und die mannichfachen Abwechslungen von Vergnügen laſſen ſie bald dieſes vergeſſen. Uns dagegen bleibt bei unſerem ruhigen und ſtillen Wirken im häus lichen Kreiſe mehr Zeit, an die Entfernten zu denken.

Aufmerkſam war Auguſt Cramer, wie ſich der junge Mann nannte, ihren Worten gefolgt; ſeine Geſinnungen ſtanden mit den Worten der Mutter nicht in Harmonie.

Verzeihen Sie, begann er verlegen,daß ich Ihren Worten folgte und mir erlaube, in dieſelben einen Zwei fel zu ſetzen.

Und der wäre, mein Herr? fragte die Mutter, welche ſich jetzt nicht ohne einiges Befremden zu Auguſt wendete.

Sie geſtehen die Männerwelt, erwiderte dieſer, weniger Sinn für Familienleben zu, als ſie es in der That verdienen. Glauben Sie mir, daß in der männlichen Bruſt, mit männlicher Kraft oft ſich tiefes Gefühl und reger Sinn für das wahrhaft Gute vereinigt findet. Ich will zwar nicht abſprechen, daß die vielfachen Zerſtreuungen des Lebens dies reizvoller und angenehmer machen; allein auch der Mann ſucht ein dauerndes Glück, was er nicht in jenen vorübergehenden Freuden findet, ſondern in der Stille des häuslichen Lebens. Nur derjenige vermag dem zu widerſprechen, der dieſes Glück nie gekannt hat.

Mutter und Tochter hatten aufmerkſam zugehört. Ich ſtimme Ihnen allerdings bei, antwortete die Mut⸗ ter.Möchten alle Männer dieſelbe Geſinnung hegen. Sie haben wohl ſelbſt das väterliche Haus noch nicht lange verlaſſen?

Seit wenigen Tagen, erwiederte der Gefragte.

Und was bewog Sie, dies zu thun? fragte die Mutter weiter.

Der Wunſch meines Vaters, entgegnete er,die Univerſität Heidelberg einige Zeit zu beziehen.

Heidelberg? rief erſtaunt Lina an der Seite ihrer Mutter.

Ja, liebes Kind, erwiederte die Mutter,da haſt Du Gelegenheit, Deinem Bruder ſogleich den erſten Gruß zu ſenden.

Darf ich Sie bitten? fragte im herzlichſten Tone Lina und übergab ihm auf ſeine freundliche Erwiederung ihres Bruders Adreſſe, mit deren Hülfe er denſelben leicht erfragen könne.

Unterdeſſen waren die Pferde gewechſelt worden, wovon der Kellner ſo eben die Mutter benachrichtigte. Nach einem freundlichenGuten Abend, verließen Beide das Zimmer, und bald hörte man den Reiſewagen davon fahren.

Tags darauf traf Auguſt in Heidelberg ein. Sein erſter Gang war, Lina's Bruder aufzuſuchen, um ihm die freundlichen Grüße ſeiner Schweſter auszurichten und ihn kennen zu lernen. Dies war für ihn von um ſo größerem Intereſſe, als die liebliche Erſcheinung Lina's eine neue Welt in ihm ſchuf, voll ſchöner Hoffnungen für eine glück liche Zukunft.

Es gibt wohl kaum eine ſchönere Periode im Leben, als jene, wenn der Jüngling unbekümmert um die Sorgen kommender Tage, in die Zukunft blickt, und das Herz voll ſchoͤner Hoffnungen hat. In dieſem ſchönen Zeitpunkte eines wahrhaft beneidenswerthen Lebens ſtand Auguſt. Er war unbekannt mit den Schickſalen des Lebens in die Welt getreten, und war alsbald ſo glücklich geweſen, in Lina's Bruder einen aufrichtigen Freund zu finden. Der Sommer verging ſchneller, als er gedacht; der Herbſt kam wieder. Die Höͤrſäle ſchloſſen ſich und Heidelberg ward allmählig leerer. Das frohe Treiben einer ſorgloſen Ju gendwelt verſtummte allmählig, denn Alles kehrte in die nahe oder ferne Heimath zuruck, um im elterlichen Hauſe die Ferien zuzubringen. Um dieſe Zeit war es, als eines Abends Auguſt mit ſeinem Freunde Hermann v. Welsdorf imRheiniſchen Hofe zu Mainz abſtieg. Diesmal ſaß er, freudiger geſtimmt, mit ſeinem Freunde an der langen Tafel. Er erzählte ihm die Ereigniſſe jenes Abends und vergaß nicht, zu bemerken, wie ſehr er wünſche, ſeines Freundes Mutter und Schweſter ſpäter uoch näher kennen zu lernen.

Du biſt bei mir immer willkommen, erwiederte ihm Hermann;die Erfüllung Deines Wunſches liegt allein in Deiner Macht. Wenn dem alſo wirklich ſo iſt, wie Du geſagt, ſo verlaſſe nur um wenige Tage früher Deine Eltern und reiſe über Köln; von dort aus werden wir dann nach einigen Tagen zuſammen wieder nach Heidel berg zurückkehren.

Am folgenden Tage ſchieden die beiden Freunde und ſetzten ihre Reiſe, der Eine rheinabwärts, der Andere mainaufwärts über Frankfurt, fort. Sie nahmen Abſchied, wie wenn man ſich baldigſt wiederſieht, wo man ſchon

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