„Ich habe ſchon daran gedacht, Herr Actuar,“ ent⸗ gegnete der Gefangene mild;„allein ich muß bekennen, daß ich in Anbetracht der Art und Weiſe, wie ich ange— kleidet und beinahe vermummt war, und wie ich nur mit wenigen Perſonen und ſelbſt mit dieſen nur kurz und in unbedeuteten Anläſſen in Berührung kam, ſehr ſtark daran zweifle, ob mir dies möglich ſein wird!“ a
„Das iſt vielleicht um ſo mehr zu beklagen,“ meinte der Gerichtsſchreiber höhniſch,„als der Beſitz dieſer Ar⸗ tikel: der Goldmünze und des Kreuzes hier, eine andere gleich wahrſcheinliche, wenn auch weſentlich verſchiedene Geſchichte bedingen würde!“
„Was dieſe Gegenſtände anbelangt,“ verſetzte der Gefangene in demſelben ruhigen Tone wie zuvor,„ſo kann ich mir dieſen Umſtand nicht im Mindeſten erklären!“
Damit war die Verhandlung zu Ende, und dem Ge— richtsſchreiber der Befehl gegeben, den Gefangenen als des Mordes mit böſer Abſicht verdächtigt, in das Grafſchafts— gefängniß zu Appleby abführen zu laſſen. In dieſem Augen⸗ blicke ward mir ein haſtig hingekritzeltes Billet von Barnes übergeben, nach deſſen flüchtiger Ueberleſung ich an die Behörde das Erſuchen ſtellte, die Abführung des Gefan— genen noch bis morgen zu vertagen, weil ich bis dahin einen wichtigen Zeugen werde ſtellen können, von deſſen Aus ſage man ſich für den Prozeß nothwendig verſichern müſſe. Dies ward natürlich gewährt, der Gefangene für den nächſten Tag wieder vorgerufen, und die Sitzung auf⸗ gehoben und vertagt.— Als ich Mr. Briſtowe zu dem Gefährt begleitete, das ihn nach dem Gefängniſſe zurückbrin⸗ gen ſollte, konnte ich mich nicht enthalten, ihm zuzuflüſtern: „Seien Sie gutes Muths, Sir; ich hoffe den Schleier dieſes Geheimniſſes bald zu lüften; verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf!“ Er ſah mir forſchend in's Geſicht, drückte mir dann warm die Hand, und ſtieg in den Wagen.
„Nun, Barnes,“ fragte ich, ſobald wir mit einander in einem Zimmer waren und die Thüre hinter uns abge— ſchloſſen hatten;„was habt Ihr ausgeſpürt?“
„Daß die Mörder von Sarah King drunten in der Talbotſchenke ſind, wo ſie mich verlaſſen haben!“
„Nun ja, das entnehme ich aus Eurem Billet, Barnes; aber was für Beweiſe habt Ihr für die Unter⸗ ſtützung Eurer Behauptung?“
„Beweis genug: im Vertrauen auf meine anſchei⸗ nend blödſinnige Betrunkenheit ließen ſie in meiner An⸗ weſenheit gelegentlich Worte fallen, welche mich überzeug— ten, daß ſie nicht allein die eigentlichen Schuldigen, ſondern daß ſie auch hieher gekommen ſind, um das Silberzeug zu holen, welches ſie irgendwo hierherum verſteckt haben muͤſſen. Dies wollen ſie nun heute Nacht fortführen!“
„Sonſt nichts Neues?“
„O ja; Sie wiſſen, ich verſteh' mich auch ein wenig auf's Bauchreden, wie auf die Mimik: Nun ſehen Sie, ich nahm die Gelegenheit wahr, als der jüngſte der Spitz⸗ buben— wiſſen Sie, derſelbe, der neben Mr. Briſtowe ſaß und am zweiten Abend trotz der Grimmkälte auf dem Verdeck des Wagens Platz nahm, weil's ihm, wie er ſagte, drinnen zu heiß und enge ſei....“
„Ja ja, ich erinnere mich. Dummkopf, der ich war, daß mir dies nicht vorher beifiel. Aber fahrt nur fort!“
„Jenun ich nahm die Gelegenheit wahr, als er und ich, vor ungefähr drei Stunden mit einander allein im Gaſtzimmer ſaſſen— ich natürlich ſternhagelvoll betrunken wie immer— da ließ ich plötzlich hart neben ſeinem Ell—⸗ bogen die Stimme Sahra King's ausrufen:„Wer iſt da drinnen in der Silberkammer?“— Sie hätten das Ent⸗ ſetzen ſehen ſollen, mit welchem der Kerl zuſammenfuhr, daß beinahe die Beine unter ihm brachen,— es wäre
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Ihnen nicht der mindeſte Zweifel mehr geblieben, daß die Burſchen die Räuber ſind.“ 5
„Jenun, das iſt aber kaum ein juridiſcher Beweis, Barnes; doch denk' ich, können wir einigen Nutzen daraus ziehen. Kehrt Ihr jetzt ſogleich nach der Schenke zurück; mit Einbruch der Nacht ſtoße ich in meiner früheren Ver— kleidung zu Euch!“—
Noch früh am Abend betrat ich die Talbotſchenke und ſetzte mich in's Gaſtzimmer, wo unſre drei Bekannten und Barnes anweſend waren.—„Iſt denn der Schlingel da noch nicht nüchtern?“ fragte ich Jene.
„Nein, er hat ſich den ganzen Tag trinkend und ſchnarchend hier herumgetrieben,“ verſetzte der Jüngſte. „Heute Nachmittag hat er ſich zu Bett gelegt, wie ich höre; allein es hat ihm, wie es ſcheint, nicht viel geholfen.“
Bald darauf hatte ich Gelegenheit, mit Barnes allein zu reden, und vernahm, daß einer der Burſchen ein Wägel— chen mit einem Kutſchenſitze von Kendal gebracht habe, und daß alle drei in ungefähr einer Stunde wegfahren wollten, angeblich um noch eine, etwa 14 Meilen entfernte Stadt zu erreichen, wo ſie zu übernachten gedachten. So⸗ gleich war mein Plan gefaßt: ich kehrte in's Gaſtzimmer zurück, erlauerte einen günſtigen Augenblick und flüſterte dem jungen Mann, deſſen Nerven durch Barnes's Bauch⸗ redekunſt ſo ſehr erſchüttert worden waren, in's Ohr: „Dick Staples, ich möchte im Nebenzimmer ein Wörtchen unter vier Augen mit Euch reden!“ Das ſagte ich in meiner natürlichen Stimme und hob dabei meine Perücke etwas in die Höhe. Der Burſche war wie vom Donner gerührt, und ſeine Zähne klapperten vor Schreck; ſeine zwei Gefährten, in ein gemeines Kartenſpiel vertieft, be— merkten uns nicht.„Kommt,“ fuhr ich im gleichen leiſen Tone fort,„kommt, es iſt kein Augenblick zu verlierenz wenn Ihr Eure Haut vom Galgen retten wollt, ſo folgt mir!“ Das that er, und ich führte ihn in ein anſtoßendes Zimmer, verſchloß deſſen Thüre hinter mir, zog eine Piſtole aus der Rocktaſche und ſagte:„Ihr ſeht, Staples, das Spiel iſt verloren: Ihr habt Mr. Briſtowe's Rolle in ſeines Oheims Hauſe in Five Oaks geſpielt, in⸗ dem Ihr genau dieſelbe Kleidung trugt wie Er. Ihr habt das Dienſtmädchen umgebracht....“
„Nein, nein; bei Gott, ich nicht!“ ſtammelte der Burſche;„ich hab' keine Hand an ſie gelegt....“
„Jedenfalls waret Ihr dabei, und das kommt, was den Galgen aulangt, auf Eines heraus. Ihr habt ferner Mr. Briſtowe unterwegs die Börſe aus der Taſche ge⸗ nommen und eine von den geſtohlenen ſpaniſchen Gold⸗ münzen hinein practicirt; dann ſtiegt Ihr auf das Kutſch⸗ verdeck, und wußtet durch irgend einen ſinnreichen Kunſtgriff ein goldenes, mit Brillanten beſetztes Kreuz in ſeinem Mantelſack zu verſtecken...“
„Was ſoll ich thun.... was ſoll ich thun, um mein Leben zu retten.. mein Leben?“ ſtammelte der Burſche, vor Schreck und Angſt halbtodt, und ſank in einen Stuhl.
„Rafft Euch'mal auf und hört mir zu. Wenn Ihr wirklich der Mörder nicht ſeid....“
„Nein, das bin ich nicht! So wahr Gott lebt, ich hab's nicht gethan!“ fiel er mir in's Wort.
„Wenn Ihr der Mörder nicht ſeid, ſo werdet Ihr vermuthlich als Königszeuge“) zugelaſſen werden; aber merkt's Euch wohl, ich mache Euch keine Zuſagen! Nun ſagt mir zunächſt, was für Operationen habt Ihr verab⸗ redet um die Beute fortzuführen?“
„Meine beiden Gefährten gehen jetzt gleich mit dem
) D. h. als Mitſchuldiger, der die übrigen Miturheber und Com⸗ plicen eines Verbrechens ausſagt.


