Ausgabe 
3.7.1850
 
Einzelbild herunterladen

Florian lobte den ſchönen Automate ſehr, ärgerte

ſich aber einigermaßen, daß er nicht ſelbſt das hübſche Thierchen nachgeahmt habe, für welches das Mädchen

4 206 8 N 3 auf die Straße hinaus und floh wie ein Verrückter in die Berge. N 1 ee 8 K 1* 4 0*

ein ſolches Intereſſe an den Tag gelegt. Roſettens Lieb⸗ lingskanarienvogel war am Tag zuvor mit Tod abgegan⸗ gen, und ſein Auge ſtreifte zufallig den leeren Käfig über dem Blumenſtänder. Ich will ihr auch ein Vergnügen machen, dachte er: Einige Wochen ſpäter ließen ſich lieb⸗ liche Tone aus dem Käfige hören, ganz ſo wie der Ka⸗ narienvogel früher geſungen, und als das Mädchen er ſtaunt hinaufblickte, ſah es den lieben Vogel ſo lebhaft als je auf ſeinem Stängchen herumhüpfen, am Zucker naſchen und ſich die Federn putzen. Florian lächelte und ſagte:Iſt er ſo lebendig wie Pierre's Eichhorn?

Der Wiederkehr des nächſten Geburtstages ſahen beide Freunde mit Spannung und Ungeduld entgegen, und ſelbſt der alte Mann fand großes Vergnügen an dem Wetteifer ſeiner Schüler, den er dem Wettlaufe zweier edlen Pferde vergleichen konnte. Pierre war von Roſettens Aeußerung, daß ſie den goldenen Apfel für Florian's Arbeit gehalten, ſo angeregt worden, daß er noch ein eleganteres und ſinnreicheres Kunſtſtück zu Wege gebracht hatte, als ſeine früheren. Es war ein Barometer, zu deſſen beiden Seiten zwei Ritter in ſilberner Rüſtung, welche in ihre Häuschen traten, wenn es regnete, und bei'm Sonnen⸗ ſchein wieder herauskamen. Oben auf dem Barometer war ein kleiner ſilberner Korb angebracht, ven überaus feiner Arbeit, und angefüllt mit Blumen, welche ſich bei feuchtem Wetter ſchließen. Wenn die Ritter in ihre Häu⸗ ſer traten, ſchloſſen dieſe Blumen ihre emaillirten Kelche, und breiteten ſie wieder aus, ſobald die Ritter wieder zum Vorſchein kamen. f

Florian brachte einen ſilbernen Streitwagen mit zwei flüchtigen ſchön gemodelten Roſſen zum Vorſchein. Ein drehbarer Kreis in einem der Rader zeigte, auf welchen Tagen der Woche jeder Monats tag das ganze Jahr hindurch fiel. Ueber jedem Monat war das ihm zukommende Zei⸗ chen des Thierkreiſes angebracht, ſehr ſchön in ſcharlach⸗ rothem, grünem goldenen Schmelz ausgeführt. Um zehn Uhr kam eine junge Mädchengeſtalt in Roſettens gewöhn⸗ licher Kleidung, und ihr an Wuchs und Zügen ähnlich, langſam hinter dem Rade herauf, und zu gleicher Zeit er⸗ hoben ſich die drei Grazien im Wagen und hielten Blu⸗ mengewinde über ſie. Aus der Achſe des Wagens aber kam ein junger Mann in Florian's Kleidung hervor, kniete vor Roſetten nieder und überreichte ihr eine Roſe. Dieſes Kunſtwerk war als ganzes ſo ſchön und in ſeinen Einzelnheiten ſo vollendet, daß Pierre die Fauſt vor Wuth ballte, bis ihm die Fingernägel tief in's Fleiſch drangen, ſo ſehr er auch ſeinen Groll über ſeine Niederlage in Be⸗ ziehung auf Geſchicklichkeit zu verbergen ſuchte. Wäre er nur eine Stunde allein geweſen, ſo wäre Alles wieder in's Geleiſe gekommen; als er aber mit Florian auf den Vor⸗ platz hinaustrat, ſah er wie dieſer Roſetten einen trium⸗ phirenden Blick und eine Kußhand zuwarf, welche ſie mit einem beſcheidenen, aber bedeutſamen Blicke erwiderte. Unglücklicherweiſe hielt er ſo eben einen mit Juwelen be⸗ ſetzten Dolch von türkiſcher Arbeit in der Hand, welchen ihm Antoine Breguet gegeben, um ihn in das dazu ge⸗ hörige Käſtchen zu legen, welches noch im Atelier ſtand. Doppelt getäuſcht in ſeinen Erwartungen des Ehrgeizes und der Liebe, durchbrachen nun bei ihm die ſo muͤhſam zurückgehaltenen Gefühle der Leidenſchaft plötzlich die Schranken, wie ein Blitz ſtürzte er ſich auf ſeinen glück- licheren Nebenbuhler, und ſtieß ihm den Dolch in die Bruſt. Nun aber erſchrack er erſt über Das, was er gethan, ſtürzte voll Schreck bei dem Gedanken an Roſettens Verzweiflung

Ein Jahr verging, ohne daß man das Mindeſte von Pierre vernommen hätte. An Roſettens Geburtstag ſaß der hochbejahrte Großvater am offenen Fenſter und ſonnte ſich, als auf einmal Pierre Berthoud blaß und verſtört in's Zimmer trat. Er war nur noch ein Schatten ſeiner früheren Erſcheinung, ſo daß ihn ſelbſt ſein Meiſter nicht eher erkannte, als bis er ſich ihm zu Füßen geworfen und ausgerufen:Vergebt mir, Vater; ich bin Pierre!

Der Alte ſchrack heftig zufammen und barg ſein An⸗ geſicht in den zitternden Handen.Ha, Du Verbrecher! rief er ihm entgegen,wie kannſt Du wagen, dieſe Schwelle noch einmal zu betreten mit einem Mord auf Deiner Seele?

Einem Mord?, rief Pierre mit ſo gewaltig tiefer und deutlicher Stimme, daß dem Greis das Blut in den Adern zu gefrieren drohte.Iſt er alſo, tödte' hab' ich den herrlichen Jüngling erſchlagen, den ich ſo ſehr liebte 2 Er ſtürzte zu Boden auf ſein Angeſicht, und die Klage, die ſeiner breiten Bruſt entſtieg, war wie ein Erdbeben, das Bäume bei den Wurzeln ausriß. 1 N

Der alte Breguet war tief bewegt, und Thränen rannen über ſeine gefurchten Wangen.Stehe auf, mein Sohn, und entflieh' ehe die Häſcher kommen, um Dich zu verhaften! rief er. 1. l

Laßt ſie kommen! verſetzte Pierre düſter;wofür ſollte ich noch länger leben? dann erhob er das Geſicht vom Boden und fragte zögernd und furchtſam:Wo iſt denn Roſette, Vater Breguet? 1 nncdun

Der Alte verhüllte von Neuem ſein Antlitz und rief ſchluchzend:Sie iſt bei Florian! Ich werde ſie niemals wiederſehen, meine Augen werden ſich nie wieder an ihren

unſchuldigen Zügen weiden!.. So blieb er eine lange

Zeit, und der reuige Mörder hielt ſeine Kniee weinend umfaßt, und erflehte ſeine Vergebung.

Endlich trat die Wirthſchafterin herein, eine Frau, welche Pierre ſchon von Jugend auf gekannt und geliebt hatte. Als ihre erſte Betroffenheit gewichen war, ver⸗ ſprach ſie ſeine Rückkehr geheim zu halten, und beredete ihn hinaufzugehen auf den Dachboden und ſeine allzu aufgeregten Gefühle zur Ruhe zu bringen. Im Verlauf des Tages erzählte ſie ihm, wie Florian an ſeiner Wunde geſtorben, und wie ſich Roſetten in ſtillem Trübſal ver⸗

zehrt habe, wie ſie oft mit dem Faden in der Hand ge⸗

dankenlos am Spinnrädchen geſeſſen, als wüßte ſie gar nicht, wo ſie ſich befand. Die ganze Nacht hindurch konnte der Unglückliche kein Auge ſchließen: Trugbilder der Ver⸗ gangenheit umgaukelten ihn, und Gewiſſensbiſſ nagten an ſeiner Seele. In der tiefen Stille der Mitternacht wähnte er die Stimme des tiefbekümmerten Greiſes zu hören, wie er ſchmerzlich ausrief:Ich werde ſie nie wiederſehen! Er betete ernſtlich zu Gott um ſeinen Tod; allein plötzlich fuhr ihm dann ein Gedanke durch den Kopf, der ſeinen Lebensdrang wieder erweckte. Von ſeinem neuen Vorhaben erfüllt, ſtand er frühe auf und ſuchte ſeinen guten alten Meiſter auf. Vor ihm in die Kniee ſinkend rief er:O ſagt mir, daß Ihr mir vergebt, Meiſter! Ich bitt' Euch flehentlich, gebt meinem tief bekümmerten Ge⸗ müthe nur dieſen einzigen Troſtſtrahl in ſeine düſtere Nacht. Glaubt mir, ich wäre lieber ſelbſt geſtorben, als daß ich ihn erſchlagen hätte; aber die Natur gab mir ſo heftige Leidenſchaften! O vergib mir, o Gott, daß ſie ſo heftig waren, Du allein weißt ja, wie ich bereut, wie ich gebüßt habe! Ach, warum brachen ſie in jenem verhängnißvollen Augenblicke los, und tödteten jene Beiden, die mir das