Ausgabe 
2.1.1850
 
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in's offene Gefilde, aber alle ſeine Bemuhungen, ihn hei⸗ terer zu ſtimmen, waren vergeblich. f

An jenem Abend ſchlich ſich Freeman krank und miß⸗ muthig in ſeine Wohnung und eilte dann, dort angekom⸗ men, die Treppen hinauf, wo er wie gewöhnlich ſeinen Thee bereit fand, ein alter Mann, mit grauem Haar, ſaß dabei. f 1

Mein Sohn ſprach er aufſtehend,iſt Dir nicht wohl?

O, mein Vater, rief Freeman, ihm um den Hals fallend um ſich ganz ſeinen Gefühlen des Kummers hingebend.

Rede, Wilhelm, was fehlt Dir? fragte der alte Mann. 7

Bettle nicht mehr für mich, Vater, es bricht mir das Herz. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß ich ruhig meinen Studien obliegen darf, während Du an den Straßenecken bettelſt, und o Himmel, heute erhielteſt Du ein Almoſen von meinem Freunde!

Schämſt Du Dich meiner, o Sohn? ſo will ich in eine andre Stadt gehen.

Vater, rede nicht ſo; ich will in Deiner Geſellſchaft arm ſein, ich will ſchlechte Kleider tragen, gleich Dir, und werde ſtolz darauf ſein, an der Seite deſſen zu ſtehen, welcher mir das Leben gab, aber

Rede nicht mehr, ich bin ja zufrieden.

Nicht doch, ſagte Freemann mit Ernſt;»ich habe häufig nachgegeben, aber das darf nicht länger ſein. Du biſt alt, Vater, und es iſt an mir für Dich zu arbeiten, ich will ruhig in meinem Stande bleiben, und eher Alles thun, als Dich betteln ſehen.

Iſt das nicht für mich das Leben? William, könnte ich auf andere Weiſe glücklich ſein?

So ſprichſt Du immer, mein theurer Vater.

Und wie willſt Du Deine Studien fortſetzen?

Meine Studien ſollen aufhören, wenn ſie auf ſolche Weiſe erkauft werden. Heute Abend will ich ruhig über die Zukunft nachdenken und wo möglich einen beſtimmten Plan faſſen.

Gut, mein Sohn, ſagte der alte Mann,ſo ſoll es ſein, jetzt aber wollen wir Thee trinken.

Es lag eine große Hingebung in der Liebe des Va ters zu ſeinem eignen Kinde, welche ihn, obgleich er Bett ler war, veredelte. Er verdiente beträchtlich viel. Seine Frau war geſtorben und auf dem Kirchhof eines fernen Dorfes begraben worden. Er ſelbſt hatte den Fleck durch einen Stein bezeichnet, um nicht zu vergeſſen, wo die Gefährtin ſeines Lebens lag. Der alte Mann hatte ein Herz, uud dem Andenken an ſeine verſtorbene Frau pflegte er viele ſtille Stunden zu widmen. Wie er auf den Plan gekommen, ſeinen Sohn für die Univerſität bilden zu laſſen, iſt ſchwer zu ſagen. Es war ein Beweis jener aufſtreben den Richtung, welche in allen Ständen bemerkbar iſt und ſie lehrt, nach Bildung und Kenntniſſen zu ringen. Nach dem er einiges Geld zurückgelegt, hatte es nur den Zweck, die Bildung ſeines Sohnes zu vervollkommnen, denn er ſelbſt hatte kein Streben. Er ging durch's Leben mit einem leeren Raum an ſeiner Seite, den keiner ausfüllen konnte. Des Bettlers Lebensweiſe blieb daher immer dieſelbe, und es gelang dem Sohn nicht, ihn davon ab zubringen, da er nicht wußte, wie auf andre Weiſe das zum Leben Nöthige herbeigeſchafft werden ſollte.

Der junge Dalton lud jetzt ſeinen Freund ein, die Ferien mit ihm auf ſeines Vaters glänzendem Landgute zu verbringen. Das war eine gefährliche Klippe fuͤr den jungen Studenten. Er ſah ſich mit einem Male in die Sphäre hineinverſetzt, nach welcher er ſich ſo ſehr geſehnt hatte. Die Großartigkeit und Pracht der herrlichen Land

ſitze machte einen lebhaften Eindruck auf ſeine jugendliche Einbildung. Lord Dalton war ein Mann der feinſten Bildung; er empfing Freeman als den Freund und Ge fährten ſeines Sohnes, auch ſeine Gemahlin, die einſt ſo geſuchte Erbin von Lyncombe, nahm den jungen Mann freundlich auf. Die Familie beſtand aus vielen Mitgliedern. Die jüngeren derſelben waren ſelten zu Hauſe, aber Lady Grace, hochgewachſen, majeſtätiſch und ſchön, fiel dem jungen Mann ſogleich auf. Bezaubert durch ihre Anmuth und durch ihr liebliches Weſen, bemerkte William nicht den etwas ſtolzen Ausdruck, welchen einige bei der Tochter einer langen Reihe von Vorfahren zu entdecken glaubten. Stolz war der Familie eigenthümlich und nicht wiſſend, welche unglückliche Folgen derſelbe auf das gefühlvolle Gemüth des jungen Mannes, der in ihren Zirkel einge führt ward, ausüben ſollte, gaben ſie ſich demſelben ganz hin. Der junge Dalton wußte recht gut, daß Freemann nichts weniger als reich war, aber nach der Abſtammung hatte er ihn nie gefragt. Er fuhr zuſammen, als ſein Vater ſich darnach erkundigte, und bekannte offen, daß er nicht wiſſe, wer er ſei, daß er ihn aber leiden möge und ihm in wiſſenſchaftlicher Beziehung Manches verdanke.

Das war ein Verſehen, mein Sohn, doch ein leicht verzeihliches, erwiderte der Vater.Ich möchte indeſſen wünſchen, daß Du die Wahl Deiner Freunde mehr nach den Verbindungen derſelben regelteſt. Wenn auch jetzt dieß nicht von Wichtigkeit iſt, da das Univerſitätsleben eine gewiſſe Gleichheit herbeiführt, ſo könnte doch ſpäter Die mehr daran gelegen ſein.

Die Behandlung indeſſen, welche William Freeman in dem Hauſe Lord Dalton's zu Theil wurde, war äußer lich ganz dieſelbe, wie man ſie dem ausgezeichnetſten Gaſte erwieſen haben würde, deßhalb war er glücklich und zu frieden, ausgenommen, wenn ſeine Gedanken zu ſeinem Vater zurückkehrten. Dann pflegte die frühere Melancholie ſich ſeiner zu bemeiſtern, welche nur der Geſang der Lady Grace zu verſcheuchen vermochte. Ihr liebenswürdiges Weſen, ihre herrliche Stimme, die majeſtätiſche Schönheit ihrer Geſtalt, machten einen tiefen Eindruck auf ſein Herz, und noch befand er ſich nicht vierzehn Tage in dem Hauſe, als er ſchon in ſie verliebt war. Er beſchloß in ſeinem Innern, tüchtig fortzuarbeiten, um wo möglich ihre Liebe zu gewinnen und den Preis davon zu tragen, nach welchem ſo Viele ſtrebten. Es war dieß eine kühne Hoffnung für den jungen Studenten, aber wer ſich kein hohes Ziel ſteckt, wird gar nichts erlangen.

Deßhalb verließ er Woodland mit einem Gefühl freudiger Hoffnung, etwas verwundert vielleicht über die Gleichgültigkeit, welche Lady Grace ihm bei'm Abſchiede bewies, indem ſie ſich zu Lord Canopy wandte, einem jungen Manne, der einmal den Herzogstitel zu erwarten hatte.

Nun, Freeman, fragte Dalton,haſt Du Dich wirklich amüſirt?/

Mehr als je,, erwiderte der Freund lächelnd.

Sag' das nicht. Du ſiehſt indeſſen wohler aus. Die Luft iſt herrlich hier und der Vergnügungen giebt es auch viele.

Freilich, erwiederte Freeman,ich erfreute mich vorzüglich an der Geſellſchaft. Nie noch gefiel mir Jemand ſo, wie Dein Vater.

Ein lieber alter Mann, nicht wahr?

So ganz ohne Stolz,, fuhr Freeman unſchuldig fort.

O ja, erwiederte Dalton, etwas über die Einfalt ſeines Freundes lächelnd,Du mußt zur Weihnachtszeit wiederkommen, dann werden wir noch munterer ſein.