— 9 C
5 418 ⏑⏑
lesen mag, mir entsprechen diese feinen Züge. Sie war klug, nicht wahr, und energisch?“
„Sie war klug und gut.“
Er hatte das Medaillon wieder in die Hand genommen, und in brennender Sehnsucht ruhte sein Blick darauf.
„Meine Schuld, meine Schuld!“ flüsterte er, minutenlang unbeweglich niederstarrend auf den blonden Mädchenkopf.
Da legte sich die Hand der Matrone sanft auf die seine.
„Sie sagten mir oft genug, ich sei Ihnen wie eine Mutter, lieber Hans. Nun denn, vertrauen Sie mir ein wenia, erzählen Sie von ihr, es wird Ihnen besser sein, als diese finstere Ver⸗ schlossenbeit. Wie lernten Sie sich kennen?“
Er strich sich über die Augen, aber seine Finger krampften ch noch immer um das Bild.
„Sie entsinnen sich noch unserer letzten Unterredung auf Ihrem Gute?“ fragte er nach einer Pause.„Es müssen nun vier Jahre sein.“
„Ich drängte Sie zu einer Heirath, meinen Sie das?“
„Ja, ich versprach, Ihrem Rathe zu folgen und mischte mich bei meiner Heimkehr denn auch sofort in eine lebhafte Geselligkeit. Ich lernte manches junge Mädchen kennen und fand überall freundliche Aufnahme; doch so sehr ich auch suchte, keine, die ich mir als Gattin hätte denken mögen. So war es Hochsommer geworden, als ich wieder einmal an einer Partie Theil nahm. Dann weiß ich nicht mehr, wie es kam, die unglücklichen Herren hatten ihre Damen irgendwie beleidigt und Heddy Norbert, die hübscheste und gefeiertste, aber auch die schnippischste unter ihnen, stiftete es an, daß man unser ganzes Geschlecht in den Bann that. Eine exemplarische Strafe sollte ausgesonnen werden, aber soviel sie auch flüsterten und berathschlagten, sie wurden nicht einig. Schon triumphirten die Schuldigen, da entstand plötzlich eine Bewegung unter den Mädchen und„Grete! Grete!“ schrie es im Chor.
Grete Norbert war die Schwester der reizenden Heddy, aber ihr wenig ähnlich, und mir hatte sie bis dahin einzig den Eindruck gemacht, herzlich unbedeutend zu sein. Wie sie jetzt gemächlich zu den andern trat, fand ich meine Ansicht nur bestätiat. Aber ich hatte mich getäuscht, denn sie brachte wirklich Hülfe. Die ganze Schaar stob auf einmal auseinander und war im Nu ver⸗ schwunden. Wir folgten ihnen natürlich, aber es dauerte ein Weilchen, bis wir sie fanden, und als das endlich geschah, war ihre Stellung bereits uneinnebmbar. Sie hatten sich die beiden vorhandenen Boote gemiethet und hielten mitten auf dem Teiche, ohne sich um die Drohungen und Bitten ihrer Ritter auch nur einen Deut zu kümmern.
„Wir schicken einen Parlamentär!“ schlug endlich jemand vor.
Das fand Anklang, ein Taschentuch wurde an einen Spazier⸗ stock gebunden, und mit dieser improvisirten Flagge ausgerüstet, sandte man mich, den Aeltesten und Unschuldigsten, an's Ufer.
Die jungen Damen besannen sich erst, ob sie uns überhaupt anhören sollten, schließlich stimmte die Mehrzahl dafür. Die Boote wurden näher gerudert, und in dem vorderen erhob sich Grete Norbert.
„Darf ich Sie als bevollmächtigt ansehen?“ fragte ich feierlich.
Sie nickte nur.
„Was haben Sie zu sagen?“
„Ich überbringe Ihnen die Reue sämmtlicher Herren, ihr Gelübde, sich zu bessern und endlich die Bitte, ihnen verzeihen zu wollen.“
Sie verschränkte leicht die Arme, und wie sie mir auf dem
„Ergeben sich die Herren auf Gnade und Ungnade?“ fragte sie aufs Neue. f 1 Ich bestätigte es. 43 ö „Erklären sie sich auch bereit, uns Kriegs⸗Entschädigung zu zahlen?“ Auch das wurde gewährt. 3 „Nun wohl, so geben Sie Acht!“ Einer der größten Hüte flog zu uns an's Ufer.* „Sobald Sie uns den voller Erdbeeren bringen, erhalten Sie Pardon.“ 1 Es war eine harte Forderung, aber alle Versuche, sie herab⸗ zustimmen, scheiterten, und so machten wir uns daran, im Schw a
schwanken Boden so nachlässig sicher gegenüber lehnte, begann ich allmählich zu begreifen, warum gerade sie zur Wortführerin erwählt worden war. i Ihre Antwort war denn auch genau so wie die Haltung. „An die Reue jener Herren glauben wir nicht, für ihre Besse⸗ rung sorgen wir eben, und Verzeihung giebt's nicht.“
8
Da hatte ich's, doch ließ ich mich nicht abschrecken.
„Wenn wir es aber nun aufrichtig meinen? Fordern Sie
Beweise dafür, wir liefern sie.“
„Wir liefern sie!“ brüllte der ganze Chorus, der sich hinter
mir angesunden hatte.
Sie wandte f eine lebhafte Berathung, die mit einem hellen Gelächter schloß.
ich ihren Gefährtinnen zu, und es gab wieder
unsres Angesichts die Kontribution aufzubringen. 2 i550 Wir schafften's schließlich, und einer der Kühne kam, die süße Au Steuer zu holen. Dann wurde getheilt, und vor unsern Augen Ve vertilgte die gottlose Schaar die Früchte, ohne auch nur eine übrig Get zu lassen. baß Das war das erste Mal, daß ich mit Grete Norbert mehr ig Worte wechselte, als einen Gruß, und ich begann, mich für f don zu interessiren. Nicht, daß ich geglaubt hätte, sie zu lieben; behüte, sie war ja weder hübsch noch lebhaft, aber ich war überzeugt, daß sie eine gute Hausfrau würde. Was sie für mich em⸗ ale pfand, machte mir keine Skrupel weiter, genug, daß ich ihr Ja⸗ eig wort erhielt. 1 N Schon im Spätherbst wurde sie mein Weib, und, ich hatt zur richtig geurtheilt, sie schuf mir eine angenehme Häuslichkeit. Von all dem kleinlichen, alltäglichen Aerger blieb ich vollkommen un⸗ 22 berührt, was ich brauchte, war stets vorhanden, ich kam eigentlich ö nicht dazu, einen Wunsch zu äußern. Und doch—— ich war der ein zu eingefleischter Junggeselle, um alle ihre Sorge zu würdigen. 2 Wenn ich nicht Gäste bei mir sah, war ich eigentlich nur zu den ö Mahlzeiten daheim, am Tage fesselte mich die Fabrik, Abend an die Kneipe. 5 8 Zuerst ertrug sie es geduldig, dann bat sie mich, bei ihr zu bleiben, endlich zürnte sie,— es war umsonst. Ließ ich ihr doc Et volle Freiheit, zu thun und zu lassen, was ihr gefiel, und dasselb verlangte ich für mich. Ich erreichte es auch, weder Thrauen e a noch Scenen belästigten mich mehr, nachdem ich ihr das gesag 1 Ein Knabe wurde uns geboren, doch er starb nach wen Tagen, und als Grete genesen war, begann das alte Lied. Je der weiß, daß ich mich in dieser Zeit oft unheimlich berührt füh 0 g von dem merkwürdig leeren Ausdruck ihrer Augen, es verleß K mich auch, daß sie mir auswich, wo es nur anging, aber' + war ein Thor, der nicht in dieser Seele zu lesen verstand. e Ich will kurz sein. Als ich eines Abends von einem mehr⸗* tägigen Ausflug zurückkehrte, fand ich sie nicht mehr, sie wan von mir gegangen.“ Er starrte wieder auf das Bild und zog dann ein Blatt aut 9 seiner Brieftasche. a d „Das schrieb sie mir. Niemand außer mir hat es bis hen 5 gelesen, nehmen Sie.“ a Die alte Frau griff mechanisch danach, und ebenso flog ih 0 Blick über die ausdrucksvollen Schriftzüge. 2 „Mein lieber Hans!“ e Zum letzten Mal will ich Dich so nennen, zum letzten Me. Dich an ein Weib erinnern, das Dir nur eine Last war,— n ich verlasse Dich, Du bist srei. Pflichten zwingen mich nicht 5 an Deine Seite, eine Haushälterin wird meinen Platz sehr gut 0 ausfüllen, und unser Kind ist todt. 5 1 Was ich in diesen beiden Jahren gelitten habe, weiß Got allein, aber nun versagen meine Kräfte, ich trag's nicht mehr 1 Glaube nicht, daß ich Dich anklagen will. gewiß nicht, die 8 Schuld ist mein; denn als wir an den Altar traten, w ißt U ich, daß Du mich nicht liebtest. Thörichte Hoffnung, zu glaube 10 daß meine heiße Leidenschaft auch Dein Herz entzünden wi Ich bin mein Lebtag übersehen und mißachtet worden, w 0 hob ich die Augen so hoch und unterlag der Versuchung! Es 1 war wohl sehr vermessen, aber ich denke, ich habe es abgebüßt. Um meine Zukunft sorge nicht. Du kennst mich wohl f 1 weit, um zu wissen, daß ich nicht in's Blaue hinein handle, 14 und ich bin ja dazu erzogen worden, mir mein Brod selb 8
zu verdienen.


