Ausgabe 
30.9.1888
 
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blühenden Wangen und zaghaft, verlegen streckte sie dem Freunde die Hand entgegen.

Der junge Gutsbesitzer verstand denn auch, was in des Mädchens Seele vorging; mit freundlichen Worten und so unbefangen, als finde er gar nichts Außergewöhnliches in dieser unerwarteten, nächtlichen Heimkehr, begrüßte er Käthe und half damit dieser, sowie dem plötzlich aus all' seinen Himmeln gestürzten Gastwirthe über die ersten peinlichen Minuten hinweg. Dann entfernte er sich mit dem Versprechen, andern Tages wiederkommen zu wollen, in dem richtigen Gefühle, daß Vater und Kind vor allem einer ungestörten Aussprache bedürften, um sich miteinander zurecht zu finden.

Die Stunde, die nun folgte, war gewiß eine der härtesten, stürmischsten in dem bisher so angenehm beschaulich verflossenen Leben des Wirthes; die herbste auch, die sein verwöhnter Liebling bis dahin unter des Vaters Dache erlebt. Es wurde dem eitlen Manne nicht leicht, von seinen ehrgeizigen Plänen für der Tochter Zukunft abzustehen, nachdem er dieselbe im Geiste bereits als vornehme Dame und Herrin über große Reichthümer gesehen, und die wirkliche tiefe Liebe, die er für sein Kind hegte, hatte einen gar harten Kampf mit seinem Stolze und dem eigensinnigen Festhalten an seinem Glücksideale durchzufechten, bis endlich die reine väterliche Zärtlichkeit den Sieg davontrug. Im Grunde wollte er ja nur seines Kindes Glück, und was nutzte diesem aller Glanz und alle Vornehmlichkeit, wenn das Herz dabei un befriedigt blieb, und es sich fremd und einsam fühlte.

Und als unter Käthens Bitten und Vorstellungen die erste Enttäuschung einmal überwunden war, da schuf seine geschäftige Phantasie sich in aller Geschwindigkeit ein anderes Zukunftsbild, oder vielmehr, sie holte ein altes, einst beiseite geschobenes auf's Neue hervor, das zwar weniger glänzend, dafür aber um so trau licher war und für ihn, den Vater, der sein Kind doch schmerzlich vermißt haben würde, weit mehr stilles Glück verhieß.

Unter häufigem Schluchzen und Weinen hatte Käthe ihrem Vater Alles mitgetheilt, was ihr in der kurzen Zeit ihrer Ab wesenheit begegnet, und was sie innerlich durchlebt; wie sie immer mehr eingesehen, daß ihre Verlobung eine Uebereilung gewesen. Wie ihr Herz unberührt geblieben, und wie sie von Tag zu Tag mehr die Kluft gewahrt, die zwischen ihr und der Familie ihres Verlobten sich aufgethan; wie sie deren ganzen Denken, Fühlen und Reden fern gestanden, und wie manche Demüthigung, manchen herben Spott sie wehrlos habe hinnehmen müssen, bis sie zuletzt sich selbst klar geworden, und sie es mit einem Male gewußt habe, daß ihr Herz nicht Gisbert gehöre, und sie ein Glück an seiner Seite nicht finden werde.

Aber was wird er denn nun sagen er liebte Dich doch wie wird er es aufnehmen, daß Du so ohne Abschied davon ge⸗ gangen? Wenn er sich nun ein Leid anthäte? Offen gestanden, etwas überspannt ist mir der junge Mann schon immer er schienen, bemerkte Meister Steffens, bedenklich den Kopf schüttelnd.

Zürnen wird er mir gewiß gab Käthe seufzend zurück aber wenn er nur erst den ersten Schmerz überwunden hat, dann, glaube mir, Vater, sieht er selbst ein, daß es so am besten ist, und daß ich doch nie zu ihm und in seine Kreise gepaßt hätte. Habe ich doch deutlich genug gesehen, wie unangenehm es ihm war, wenn ich etwas nicht recht wußte oder eine ver kehrte Antwort gab, setzte sie erröthend hinzu.Aber schreiben, ihn um Verzeihung bitten, und daß er mir mein Wort zurück⸗ gebe, das will ich noch in dieser Nacht.

Wie sie gesagt, that sie denn auch in derselben Stunde noch, nachdem ihr Vater nach einem herzlichen Gutenachtkuß sich zur späten Ruhe begeben. Schlaf kam zwar in dieser Nacht eben so wenig in seine Augen, wie in die ihrigen und in die eines Dritten, der den größten Theil der Nacht wieder zwischen Feld und Wiese und am Rheine entlang wanderte, wie in einer andern Nacht vor wenig Wochen; nur daß seine Stimmung dieses Mal eine ganz andere war.

Käthe aber schrieb währenddessen, so wie das Herz es ihr eingab, ungekünstelt, ohne jede Bitterkeit, voll demüthiger Bitte um Verzeihung sür ein Unrecht, dessen sie sich zu spät erst be

wußt geworden und als Gisbert am nächsten Abend nach Käthens Flucht bleich und niedergeschlagen in das Zimmer seiner Mutter trat und ihr stumm den vier Seiten langen, weder ortho⸗

war ja vorüber; da brauchte weder Knecht noch Magd vor der

graphisch noch grammatikalisch mustergültigen Brief seiner wesenen Braut vorlegte, da verbarg diese wohlweislich das tri⸗ umphirende Gefühl, das ihren Busen hob, und zeigte dem wirklich tief leidenden Sohne nur die zärtlich theilnehmende Mutter, es einer späteren Zeit überlassend, die Wunde zu heilen, welche das absurde Verhältniß demselben geschlagen. Edith aber verweilte an diesem Abend noch ungewöhnlich lange in ihrer Mutter Schlaf⸗ gemach, nachdem diese sich bereits zur Ruhe begeben.Du be⸗ hältst doch immer recht, Du bist die beste und klügste Mama von der Welt, sagte sie, der Mutter Hand zärtlich an die stolz⸗ geschwungenen Lippen drückend;blindlings will ich mich in Zu. kunft Deinen Anordnungen fügen, das verspreche ich Dir, Du einzige Mama.

Leuchtenden Auges suchte sie dann ihr eigenes Zimmer auf, und als sie einschlief, umspielte ein stolzes, glückliches Lächeln den feinen Mund. Nun konnte ja Alles noch gut werden! Nun konnte ja Alles noch gut werden! Das war auch Heinrichs Gedanke gewesen, als er mit anbrechendem Morgen sich erst zur Ruhe gelegt, um wohl freundlich lockende Traumbilder, nicht aber den gesunden Jugendschlaf zu finden. Und als dann die Spät⸗ herbstsonne den ersten freundlichen Schein in die einfach behagliche Stube geworfen, in der jedes Möbelstück noch an dem alten Platze stand, wo es zu seiner Eltern Zeit gestanden, da duldete es ihn nicht mehr auf seinem Lager.

Singend und pfeifend besorgte er seine Toilette drunten auf dem Hofe war es noch still; die geschäftige Zeit der Ernte

Sonne heraus. Doch jetzt läßt sich doch der schlürfende Tritt

der alten Haushälterin vernehmen, welche die Mägde heraus⸗ geklopft und nun wieder in ihre Kammer zurückschlüpft, um die wenig vortheilhafte, geblümte Kattunjacke mit dem gewohnten dunklen Wollkleide zu vertauschen. Ehe sie aber noch mit der von Jahr zu Jahr schwieriger werdenden Scheitelung ihres dünnen Haupthaares zu Stande gekommen, hatte Heinrich das Haus bereits wieder verlassen, um auf's Gerathewohl querfeldein zu wandern..

Er dürstete nach Luft, Licht, freier Bewegung; er hätte es in seiner augenblicklichen Stimmung nicht über sich vermocht, stille zu sitzen oder geschäftliche Angelegenheiten pflichtgetreu zu erledigen. Der gestrige Abend hatte den besonnenen, selbst⸗ beherrschten Mann völlig aus dem Geleise gebracht. Ihm war zu Muthe, wie wohl einem zum Tode Verurtheilten sein 52 dem unter dem Galgen erst die Begnadigung verkündet wird. Die Zukunft, mit welcher er bereits abgeschlossen zu haben wähnte, gewann mit einem Male neuen Werth für ihn, und wie mit un⸗ widerstehlicher Gewalt zog es ihn hinaus nach dem Rheine hin, in die Nähe des Lindenhauses. Das Dach zu sehen, unter dessen Schutz sie schlief, das Fenster, aus dessen Rahmen ihre Hand ihm so oft den Willkommengruß entgegen gewinkt, das Alles dünkte ihm jetzt ungleich wichtiger, als irgend sonst was in der Welt.

In seligem Traum befangen, wandelte er langsamen Schrittes zwischen den Stoppelfeldern und Rübenäckern dahin, hie und da ein Häschen aus seinem Lager aufscheuchend oder auch eine Kette Hühner, welche sich eilig in die Lüfte hob, indeß die Sonne immer siegreicher durch die Wolken brach, und die geschwätzigen Spatzen zwitschernd den jungen Tag begrüßten.

Nun lag das Lindenhaus vor ihm in seiner sauberen Stattlich⸗ keit, die hellen Fensterscheiben im röthlichen Frühlichte erglänzend. Nichts regte sich hinter den zugezogenen Vorhängen, und doch mußte das Leben im Hause schon erwacht sein, denn der Feuer⸗ esse entstieg eine dichte Rauchwolke, und nähertretend gewahrte unser früher Spaziergänger auch, daß die Gartenthüre nur an⸗ gelehnt war.

Einer augenblicklichen Eingebung folgend, öffnete er und trat in den mäßig großen Garten, in dessen einer Ecke eine mit Gais⸗ blatt dicht umrankte Laube zum Ruhen einlud. Dahin lenkle er denn auch seine Schritte; noch war es zu früh, um im Hause vorsprechen zu dürfen, ihm aber war so wunderlich traumselig zu Muthe, daß er noch nicht an Umkehr und Wirth sorgungen denken mochte. So war er tief in Gedanken bis an den Eingang der Laube gelangt, als ein Geräusch im Innern