Ausgabe 
30.9.1888
 
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zu den

5 Oberhessischen Nachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

5 Gießen, den 30. September.

VII.

An dem Abende desselben Tages saßen im Lindenhause noch zu später Stunde zwei Männer in angelegentlichem Gespräche zusammen. i

Sagt was Ihr wollt, Vater Steffens, Eure Käthe fühlt sich bei ihren vornehmen Freunden längst nicht so wohl, wie Ihr nach dem Wortlaute ihrer Briefe wohl glauben möchtet, sagte eben der jüngere der Beiden, indem er ein Briefblatt, das er gerade vorher auf den Tisch gelegt, von neuem wieder aufnahm. Man muß nur verstehen, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Es ist etwas ganz Fremdes darin, eine unausgesprochene Klage etwas, das sich besser fühlen als einem Dritten erklären läßt.

Ach was, Ihr übertreibt, mein lieber Heinrich; ich weiß ja wohl, wie wenig es nach Eurem Sinne war, daß ich meine Tochter überhaupt von mir gegeben, versetzte Meister Steffens mit überlegenem Lächeln.Aber das werdet Ihr doch auch zu geben müssen, daß man dem Glücke seines einzigen Kindes nicht im Wege sein darf. Es würde ihr ja auch hier nicht gefehlt haben und ich selbst habe doch auch einen hübschen Batzen zurück⸗ gelegt, dazu Haus und Hof als mein freies Eigenthum; aber bedenkt doch nur, welch' vornehme Stellung mein Kind einmal einnehmen wird, wenn sie erst die Frau des reichen Kaufherrn geworden. Für mich ist es freilich hart, sehr hart, daß ich mein Einziges so weit weggeben soll o, wenn Ihr wüßtet, wie einsam und langweilig mir die Tage vergehen seit ihrer Abreise und erst die langen, langen Abende, wenn keine Gäste da sind. Da pflegte sie mir sonst etwas vorzuplaudern, oder sie las mir etwas aus der Zeitung oder dem Kalender. Ihr dürft mir glauben, ich war Euch ordentlich dankbar, daß Ihr heute Abend wieder einmal herübergekommen. Ich hatte früher ja auch schon daran gedacht aber das ist ja nun einmal anders gekommen, und Ihr dürft mir das auch nicht verübeln, denn das Glück des Kindes geht doch allem vor.

Ja, ja, wenn Euer Kind sein Glück nur auch wirklich ge⸗ funden hätte! meinte Heinrich, tief Athem holend.Schon als

e mir von ihrer Verlobung erzählte, war es mir, als ob sie sich selbst nicht verstände und noch einmal, von wirklichem Glücks⸗ gefühl vermag ich in diesem Schreiben nichts zu entdecken! O, Meister Steffens, so bedenkt doch nur, wenn Ihr Euer unerfahrenes Kind nun Eurem ehrgeizigen Streben geopfert hättet!

Ach, Firlefanz, hat sich was zu opfern, wenn man auf Gummirädern daherrollt und nur noch in Sammt und Seide einhergeht! grollte der Wirth, dessen Miene jedoch auch keines⸗ wegs die gleiche Zuversicht ausdrückte, welche aus seinen Worten

Hanft wie die Tauben. Erzählung von Leonore Werth. (Schluß)

Als ob man sich in seidenen Gewändern nicht ebenso einsam und unglücklich fühlen könnte, als im groben Leinenkleide, hielt ihm der Andere achselzuckend entgegen, indem er sich erhob und sich zum Fortgehen anschickte.Gute Nacht, Meister Steffens, es ist spät geworden über all dem Hin- und Herreden. Möge es Euch nur nie gereuen, daß Ihr Käthchen zu dieser Verbindung überredet denn, daß dieselbe hauptsächlich Euer Werk, werdet Ihr ja wohl nicht abstreiten wollen. Gute Nacht!

Seinen Ueberzieher lose über die Schultern hängend, trat 1 unter die Hausthüre, blieb jedoch plötzlich aufhorchend stehen.

Sollte so spät noch ein Gast bei Euch einkehren wollen, Meister Steffens? meinte er befremdet;hört Ihr nicht, es fährt ein Wagen auf Euer Haus zu?

Wahrhaftig! Wer mag denn um diese Zeit noch bei mir einkehren wollen? Logiergäste sind nicht eben häufig unter meinem Dach, sagte der Wirth, der eilig ein Windlicht an⸗ gezündet hatte und damit auf die Schwelle trat. Doch es fehlte nicht viel, so hätte er das Licht vor Schrecken aus der Hand fallen lassen bei dem Anblicke der Gestalt, welche sich nun aus dem Wagen schwang und mit ausgebreiteten Armen, zwischen Lachen und Weinen, auf ihn zuflog.

Alle Heiligen stehen mir bei! Du, Käthe! Mädchen, wo kommst Du her zu dieser Stunde allein? stieß er zwischen Zorn und froher Ueberraschung schwankend hervor.

Vater, o Gott sei gedankt, daß ich wieder bei Dir bin, o, nicht böse werden, Vater! schluchzte das junge Mädchen, den zierlichen Kopf an des Vaters Brust bergend.Du darfst mich nicht wieder fortschicken, Vater, ich mag im Leben nicht wieder zu den hochmüthigen, stolzen Leuten, denen ich doch nicht gut genug bin! Hier ist es viel schöner, viel traulicher, hier bei Dir, Du Herzensväterchen ach, Heinrich hatte wohl recht, als er mich warnte; er kannte mich besser, als ich einfältiges, ein⸗ gebildetes Ding mich selber kannte. Nicht wahr, Du verzeihst mir, Vater, aufblickend gewahrte Käthe Heinrich, der zart⸗ fühlend zurückgetreten war, dessen Augen jedoch mit solch' glück⸗ strahlendem Ausdrucke auf dem jungen Mädchen hafteten, daß an seinen Empfindungen garnicht zu zweifeln war.

Und beredter als Worte sprach auch der Ton jubelnden Ent⸗ zückens, mit welchem die Heimkehrende nun den Namen des lang⸗ jährigen, treuesten Freundes rief. Vom Halse des Vaters stürzte sie selbstvergessen auf jenen zu, und schon wollte es scheinen, als werde sie im nächsten Augenblick ihr Köpfchen an Heinrich's Brust bergen, da hielt sie plötzlich inne; heiße Gluth schlug ihr in die

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sprach.