Ausgabe 
29.7.1888
 
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242.

Die alten Freunde hatten sich zurückgezogen, und die neuen Bekannten waren ihr gleichgültig und widerwärtig. Der gute Doktor Wiese, der ihr sonst so sympathisch war und dem sie früher das größte Vertrauen schenkte, durfte sie nicht mehr be⸗ suchen, und den biederen Hauptmann Hanstein, mit dem sie lange Jahre befreundet gewesen, konnte sie nicht wieder sehn, da ihn ihre Schwester wegen des Prozesses nicht leiden mochte.

Um so öfterer kam dafür jetzt der liebenswürdige Herr von Schmielinski, der angenehme Gesellschafter, der tägliche Haus⸗ freund und stete Begleiter der von ihm entzückten Amtsräthin. Immer elegant, fein, nobel, artig und galant, führte er sie auf der Promenade, saß er mit ihr im Theater in derselben Loge, machte er allerlei kleine Besorgungen für sie, trug er ihre Mantille, ihren Shawl und selbst den geliebten Zampa.

Eine solche Intimität konnte aber der Stadträthin nicht ganz gleichgültig sein und mußte ihr mit der Zeit verdächtig vor⸗ kommen, wenn sie auch ihrer Schwester nichts Böses zutraute. Dazu kamen noch allerlei ungünstige Gerüchte über die Ver⸗ hältnisse und den Charakter des Herrn von Schmielinski.

Wie Ludwig von seinen Bekannten gehört hatte, sollte derselbe ein notorischer Schuldenmacher, Abenteurer und Spieler sein, dem kein Mensch einen Groschen borgen wollte, das Gut nächstens subhastirt werden und die Gläubiger ihn verfolgen. Aehnliche Andeutungen hatte der Bankdirektor fallen lassen und sich über den vertrauten Verkehr mit einem so zweideutigen Mann ironisch aufgehalten. Das Alles beunruhigte und bekümmerte die Stadt⸗ räthin um so mehr, als sie durch eine unbedachte Aeußerung ihre reizbare Schwester zu verletzten fürchtete und die möglichen Folgen eines Zerwürfnisses oder gar eines Bruches auf das Aeußerste scheute.

Unterdessen verfolgte Schmielinski mit der Leuten seines Schlages eigenen Beharrlichkeit und Unverfrorenheit das ihm vorschwebende Ziel, ohne sich um die üble Nachrede der Welt und um die Sorgen der ängstlichen Stadträthin zu kümmern.

Wie gewöhnlich, erschien auch heute Herr von Schmielinski in elegantem Leibrock, sorgfältig frisirt und pomadisirt, Haare und Bart frisch gefärbt, in der einen Hand eine Düte mit Bisquit für Zampa, in der andern ein schönes Blumenbouquet, das er mit einem eleganten Kompliment der geschmeichelten Amtsräthin überreichte.

Nein, sagte sie entzückt,Sie sind zu liebenswürdig, so prächtige Rosen!

Habe ich, versetzte er mit süßlichem Lächeln,keine gefunden, die sich mit Ihnen, meine Gnädige, vergleichen kann.

Das kann doch nur Ihr Scherz sein.

Parole d'honneur! Werde ich mir nicht erlauben zu scherzen mit einer Dame, die ich verehre, oder eine, für die ich geben würde mein Blut und mein Leben.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen glauben soll.

Bin ich ein Mann von Ehre, rede ich nur immer die Wahrheit.

Man darf keinem Menschen und am wenigsten einem Manne trauen.

Thun Sie mir weh, sehr weh, erwiderte er melancholisch. Bin ich ohnedies unglücklich, sehr unglücklich.

Weshalb denn? fragte sie gespannt.

Habe ich Verdruß, großen Verdruß und viele Sorgen.

Wollen Sie mir nicht sagen

Wird Sie nicht interessiren.

Wie können Sie glauben! Bin ich nicht Ihre Freundin?

Wenn man ist unglücklich, hat man keine Freunde.

Sie werden mich noch ernstlich böse machen. Ich will wissen, was Sie für Sorgen haben und weshalb Sie sich un glücklich fühlen?

Muß ich Ihnen sagen, daß ich großen Verdruß habe wegen meines Gutes. Hat sich das Geschäft zerschlagen mit der Bank;

will sie nicht nehmen die gute sichere Hypothek, wodurch ich

komme in große Verlegenheit.

Obgleich die Amtsräthin eine ganz andere Erklärung seiner Melancholie, ein förmliches Liebesgeständniß, selbst einen Heiraths⸗ antrag erwartet hatte, und sich einigermaßen in ihren Hoffnungen getäuscht fand, war sie bereits von dem liebenswürdigen Abenteurer

so sehr gefesselt und umstrickt, daß sie nicht von ihm loskommen

konnte und ihn in seiner Noth nicht verlassen wollte, so miß⸗ trauisch sie auch sonst in allen Geldangelegenheiten war. 8

Sie dürfen nicht verzweifeln, sagte sie freundlich.Wenn das Gut, wie Sie sagen, so viel werth ist, wird es Ihnen nicht schwer fallen, einen soliden Geschäftsmann für eine sichere Hypothek zu finden.

Ist es zweimal, dreimal so viel werth, versicherte Herr von Schmielinski lebhaft.Wenn ich verkaufen wollte den schönen Wald, könnt' ich dafür allein bekommen fünfzigtausend Thaler, aber kann mich nicht entschließen zu verschleudern das Erbe und den Stolz meiner Väter. Habe ich auch den schönsten Weizenboden und Wiesen wie geschorener Sammet, eine wahre Pracht. Aber was nützt das Alles, wenn kein Mensch mir geben will das Geld, das ich nothwendig brauche zur Erhaltung und Verbesserung der ganzen Wirthschaft?

Das begreife ich nicht, da sich nach Ihrer Angabe das Gut rentiren und noch einen bedeutenden Nutzen bringen muß. So viel verstehe ich doch auch von der Oekonomie. g

Kann ich Nutzen nachweisen mit Zahlen; habe ich Alles

aufgeschrieben und die Papiere in Ordnung. Können Sie selbst sehen, gnädige Frau, und sich überzeugen, daß ich rede nur die reine Wahrheit. 4

Zugleich zog Herr von Schmielinski aus der Seitentasche

seines Leibrockes einige Schriftstücke, die er der Amtsräthin hin⸗ 1

hielt, mit der Aufforderung, den Inhalt derselben einer genauen 1 Prüfung zu unterwerfen und die einzelnen Posten der ihr vor⸗ gelegten Berechnung mit ihm durchzugehen. i

Das ist nicht nöthig, sagte sie, ihm die Papiere zurück⸗ gebend.Ich zweifle nicht an der Richtigkeit Ihrer Aufstellungen und schenke Ihnen ein unbedingtes Vertrauen. 1

Sie sind zu gütig, meine Gnädige! Ich wünschte nur, daß Alle so edel wie Sie dächten, dann hätte ich auch keine Sorgen mehr wegen der Hypothek.*

Die brauchen Sie sich auch so nicht zu machen, erwiderte die Amtsräthin,da ich die größte Lust habe, Ihnen zu helfen.

Oh! Sie sind ein Engel, ein leibhaftiger Engel.

Bevor ihn die Amtsräthin hindern konnte, kniete Herr von Schmielinski zu ihren Füßen nieder und bedeckte ihre beiden Hände mit seinen Küssen und Thränen, die ihm wie einem vollendeten Schauspieler bei allen solchen Gelegenheiten reichlich zu Gebote standen.

Stehen Sie auf, Herr von Schmielinski! bat sie bewegt. Es kann Jemand kommen. Wollen Sie nicht aufstehen?

Nicht eher, erwiderte er pathetisch,bis ich Ihnen gesagt habe, daß ich Sie liebe noch mehr wie meine schöne gute Mutter und kein größeres Glück kenne auf der ganzen Welt, als zu besitzen Ihre reizende Hand und Ihr goldenes Herz.

Diesem längst gehofften Geständniß vermochte die verliebte Frau nicht zu widerstehen. Ueberwältigt von ihrer Leidenschaft, berauscht von ihrem Glück, sank sie mit schmachtenden Blicken und keuschem Erröthen in die weit geöffneten Arme und an die wattirte Brust des liebenswürdigen Mannes.

Trotzdem die Stadträthin von all diesen wichtigen Exeignissen noch keine Ahnung hatte, so erregte doch der auffallend lange Besuch des Herrn von Schmielinski ihren Verdacht und zum ersten Mal auch die Befürchtung eines ernsteren Verhältnisses zwischen ihm und ihrer Schwester.

Die bloße Möglichkeit einer solchen Verirrung, welche alle ihre Hoffnungen und Aussichten zu vernichten drohte, versetzte sie in eine so unbeschreibliche Aufregung, daß sie ihre sonstige Vorsicht vergaß und der Amtsräthin ihre Zweifel und Bedenken 455 aussprach, nachdem Herr von Schmielinski sich verabschiedet atte.

Ich kann und darf Dir nicht verschweigen, sagte die Stadt⸗

räthin,daß man in der Gesellschaft nicht zum Besten über 1

Herrn von Schmielinski spricht.

Darauf gebe ich nichts; die Leute reden mehr, als sie ver⸗ antworten können und man muß nicht Alles glauben, was sie sagen. Thu' mir den Gefallen und verschone mich mit dem einfältigen Geschwätz!

Wenn Du nicht meine Schwester wärst, würde ich auch kein Wort mehr verlieren. So aber halte ich es für meine Pflicht, Dir die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie Dir unangenehm