Ausgabe 
29.7.1888
 
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zu den

Oberhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

V.

Nein, Frau Amtsräthin, murrte die alte Dietrich mit dumpf grollender Stimme,das lass' ich mir nicht länger gefallen. Entweder muß die Köchin aus dem Haus, oder ich gehe fort.

So nimm doch nur Vernunft an! Was hat es denn gegeben?

Sie hat mir eine alte Hexe, eine giftige Kröte geschimpft.

Du wirst ihr wohl auch nichts schuldig geblieben sein.

Ich hab' ihr man blos eine Tachtel hinter die Ohren ver setzt, die sie in acht Tagen nicht vergessen wird.

Dann seid ihr Beide quitt und habt einander nichts mehr vorzuwerfen.

Ne, Frau Amtsräthin, so haben wir nicht gewettet. J, das sollte mir fehlen! Nicht einen Augenblick bleibe ich mit der aus⸗ verschämten Person zusammen. f

Du kannst doch nicht verlangen, daß meine Schwester Knall und Fall ihre Köchin entläßt, mit der sie sonst sehr zufrieden ist, und die schon seit zehn Jahren ihr treu und redlich dient.

Meinetwegen zwanzig Jahre! Das kümmert mir nicht.

Aber ich kann mir doch vor meiner Schwester keine solche

Blöße geben. Was soll sie sich von mir denken?

Das ist mich ganz egal, wenn nur die Köchin fortkommt. Sonst, fügte die Dienerin drohend hinzu,können die Frau

Amtsräthin noch etwas erleben.

Um des Himmelswillen! rief diese mit sichtlicher Aengst lichkeit,Du wirst doch nicht wegen solcher Lumperei mir Un annehmlichkeiten machen? So gieb Dich doch nur zufrieden! Ich werde noch heut mit meiner Schwester sprechen und ihr sagen, daß sie die Person fortschickt.

Um die Lippen der alten boshaften Dienerin zuckte ein unheimlich tückisches Lächeln, als sie mit leisen Katzentritten davon schlich und die Amtsräthin allein mit ihren trüben Ge danken und peinlichen Erinnerungen zurückließ.

Gewohnt, daß das ganze Haus sich vor ihr beugte und ihr gehorchte, sah diese sich durch die eigenthümlichen Verhältnisse jetzt gezwungen, die immer frecheren Ansprüche der alten Dietrich zu dulden, um sich das Stillschweigen ihrer einzigen Vertrauten zu sichern und den ihr angedrohten Skandal zu vermeiden. So unangenehm auch der Amtsräthin der Vorfall war und so schwer es ihr auch fiel, sich den Wünschen ihrer Dienerin zu fügen, so blieb ihr doch nichts übrig, als mit ihrer Schwester deshalb zu reden und unter einem passenden Vorwande die Entlassung der wirklich vorzüglichen Köchin zu verlangen; wozu ihr das heutige Mittagessen die gewünschte Gelegenheit bieten sollte.

Statt wie sonst die trefflich bereiteten Speisen mit gehörigem Appetit zu genießen und wie gewöhnlich eine doppelte Portion

Gießen, den 29. Juli.

1888.

Die Eröschaft der Tante.

Novelle von Max Ring. (Fortsetzung.)

zu nehmen, ließ sie jetzt die kräftige Suppe stehen und die saftigen Hammel-Koteletten fast unberührt, wie die Stadträthin zu ihrem großen Bedauern bemerkte.

Mein Gott! sagte diese besorgt.Du isst ja nichts, liebe Melanie! Was fehlt Dir? Bist Du unwohl?

Ich bin ganz gesund.

Du hast aber keinen Appetit.

Gottlob, daran fehlt es mir nicht.

Dann begreife ich nicht.

Das Essen schmeckt mir nicht. Die Suppe ist angebrannt und die Koteletten so zähe, daß man sich die Zähne daran aus beißen kann, vollkommen ungenießbar.

Das kann ich nicht sinden, versetzte die Stadträthin ein wenig piquirt.Wir nehmen immer das beste Fleisch vom ersten Schlächter.

Es liegt auch nicht am Fleisch, entgegnete die Amtsräthin im scharfen Ton,sondern an Deiner Köchin.

Was fällt Dir ein! Marie kocht ausgezeichnet; Du selbst hast sie immer gelobt und sie einen wahren Schatz genannt.

Anfänglich war ich auch mit ihr zufrieden, aber seit einiger Zeit hat sie sich so verschlechtert, daß es nicht mehr zum Aus⸗ halten ist und Dir nichts übrig bleibt, als sie auf der Stelle fortzuschicken.

Mein Gott! rief die Stadträthin bestürzt. Du doch unmöglich von mir verlangen.

Warum denn nicht?

Ein so guter treuer Dienstbote!

Für Geld bekommst Du einen besseren.

Ohne allen Grund und ohne jede Ursache! Das bring' ich nicht über's Herz.

Wie kann man nur wegen einer Köchin so viel Umstände machen! Es scheint wirklich, daß Dir mehr an der Person wie an Deiner Schwester liegt.

Wo denkst Du hin! Du weißt, daß ich gerne Alles thue, was Du wünschest und wenn Du darauf bestehst, werde ich ihr kündigen, so schwer es mir auch fällt.

Trotz ihrer Nachgiebigkeit konnte sich die Stadträthin nicht einer tiefen Verstimmung erwehren, welche von Tag zu Tag zu nahm. Statt der gehofften Vortheile fand sie nur eine Reihe von mehr oder minder großen Unannehmlichkeiten für die ganze Familie.

Seitdem die Amtsräthin in ihrem Hause lebte, war der Friede gestört und alle Heiterkeit daraus geschwunden. Sophie unglücklich, Else schwermüthig und Ludwig verdrießlich und ängstlich wegen des bevorstehenden Examens.

Das kannst