139
Jella hat strenge Instruktionen von Seiten des Präsidenten,“ erklärte die alte Dame verlegen.
Eine Woche nach Jella's Rückkehr saß Rolfs gegen Abend am jenseitigen Ufer des Flusses, der am ausgedehnten Garten des Präsidenten vorbeifloß. Er sah drüben ein weißes Kleid hier und da durch das Gebüsch schimmern; es war Jella, die unruhig den Garten durchwanderte. Wenn er nun den Kahn losband und unbemerkt auf die andere Seite ruderte— das thaten ja immer die Arbeiter, um sich den Heimweg zu verkürzen— so trennte ihn nur die niedrige Mauer von ihr, und die war leicht zu übersteigen. Er mußte sie sprechen und wollte Aufklärung haben; es war unmöglich, daß sie sich so ganz von ihm abgewendet haben sollte. Es war ihm ein sonderbares Gerücht zu Ohren gekommen; wahrscheinlich, daß Frau Direktor Bode einer intimen
Freundin von ihren Erlebnissen im Schwarzwald erzählt und auch dabei ihres Schützlings Erlebnisse im Vorbeigehen etwas mitgenommen hatte. Rolfs vermochte kein Mißtrauen in den Charakter Jella's zu setzen, die sich ihm von Anfang an ehrlich und stolz bis zur Schroffheit gezeigt. Mit getäuschter Hoffnung hatte er nach zweimaliger Abweisung des Präsidenten Haus ver— lassen, und dennoch glaubte er an Jella, mochten auch Gründe für ihr sonderbares Betragen vorliegen, an Betrug und Falsch⸗ heit konnte er nicht glauben, dazu war ihr Wesen zu tief und zu groß angelegt.
Als er so dasaß und mit brennenden Augen das weiße
Kleid verfolgte, das gerade in der dichten Laube am Ende des Gartens verschwunden war, sah er im Lichte des aufgehenden Mondes eine Gestalt am jenseitigen Ufer, die eiligst längs der Mauer herging und die in der nach dem Fluß führenden Thür verschwand. Rolfs bebte und seine Rechte ballte sich unwill— kürlich: die hohe schlanke Gestalt eines Mannes durcheilte den im hellen Mondschein liegenden Weg des Gartens und schritt der Laube zu. „Also doch, also doch,“ knirschte er, stürzte auf den nächsten
Kahn los und ruderte eiligst den Fluß hinunter. Erst da, wo die Mauer anfing, landete er und schritt nun behutsam auf dem grasigen Boden die ganze Mauer entlang, bis er dicht an dem Dreieck der Mauer stand, auf dem die Laube ruhte. Hinaufklimmen konnte er nicht, das Geräusch hätte den Beiden drinnen seine Anwesenheit verrathen. Er hörte sie flüstern, sein Herz schlug und tobte, alle seine Pulse hämmerten, dazu rauschte das Wasser,— er konnte kein Wort verstehen. Er suchte voll Wuth in seiner Seitentasche— der Revolver steckte nicht darin— sich und sie tödten, das hätte ihn auf einmal von dem Elend befreit, das nun unwiderruflich auf ihm lastete. Sie traten aus der Laube, sie, das Haupt tief gebeugt, er, ein schönes, etwas zu zartes Angesicht voll dem Sternenhimmel zugewandt. Nun hörte Rolfs ihn sagen:„Die Dankbarkeit meines ganzen Lebens, geliebte Jella, gehört Dir, Du Engel der Erbarmung!“ und er küßte ihr stürmisch die Hände und Thränen überflutheten des Mädchens emporgehobene Hände. Rolfs hatte sich auf die Mauer emporgeschwungen und sah starren Auges auf das Paar. Jella setzte, ohne ein Wort zu sprechen, ihren Weg nach der Seitenpforte fort, sie spähte nun mit angstvollem Blick nach allen Seiten, und während ihr Begleiter mit. ausdrucksvollen Geberden ihr eifrig zuflüsterte und seinen Schritt hemmte, drängte sie un— geduldig der Thür nach dem Flusse zu. Sie reichte ihm eiligst die Hand, er aber umfaßte zärtlich ihren schlanken Leib und küßte sie.
Rolfs rang nach Luft, er liebte das sonderbare, räthselhafte Mädchen, das ihn so schnöde behandelt, bis zum Wahnsinn; die Liebe zu ihr überwältigte ihn, er verzehrte den Liebreiz der an— muthigen Gestalt mit heißen, brennenden Blicken,— sie war verloren für ihn!
Der Fremde war gegangen; eine Minute lang stützte Jella
den runden, entblößten Arm auf die Mauer und sah ihm nach.
von Rolfs vor sich. Sie schreckte zusammen und hob Augen und Hände bittend zu ihm empor, darauf aber, mit schnellem Entschluß, flog sie athemlos davon. Ihr Fuß berührte kaum den Boden, sie floh wie ein Phantom, das sich jeden Augen—
Die Unmöglichkeit, ihr je wieder nahe zu kommen, beschleunigte auch seinen Fuß, und als er, trostlos, in seinem Lauf einhielt, sah er, wie ihr weißes Kleid von einem Strauch festgehalten wurde und sie sich verzweifelt abmühte, sich loszumachen.
Er stand im Augenblick an ihrer Seite.
„Lassen Sie mich,“ schrie sie auf;„verschonen Sie mich, es ist nichts mehr zu ändern.“
„Ist es wahr, Jella,“ fragte er mit bebender Stimme,„ist es wahr, daß Sie dem Andern folgen wollen?“
„Ja, es ist wahr,“ flüsterte sie athemlos.
„Bin ich denn ein Narr gewesen, als ich an Ihre Liebe geglaubt habe,“ lachte er bitter auf.
Sie wendete dem Sternenhimmel ihr blasses, geängstigtes Gesicht zu und sah ihn darauf mit einem Ausdruck an, der ihm im innersten Herzen wehe that.
„Leben Sie wohl, Jella, möge es Ihnen Gott verzeihen, daß Sie mich elend gemacht haben,“ sagte er gebrochen und verließ schnell den Garten.
Rolfs wollte nur die Rückkehr des Präsidenten abwarten, um dann einen längeren Urlaub anzutreten und, wenn es mög⸗ lich war, den Ort für immer verlassen. Er konnte die Braut— schaft und die Hochzeit Jella's nicht ertragen, dem mußte er aus dem Wege gehen.(Fortsetzung folgt.)
1
Schloß Warren.
Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung.) IV.
Zwei volle Jahre sind vergangen.
Es pflegt häufig auf große, in unser Schicksal tief einschnei⸗ dende Ereignisse eine ruhige Zeit zu folgen, die nichts Besonderes bringt und deren Tage in ebenmäßigem Gleichmaß verlaufen, so daß wir nur durch den Wechsel der Jahreszeiten erinnert werden, wie die Welt in ihrem Lauf nicht stillsteht und wie schnell wir selbst unserem Ende entgegeneilen.
So waren auch auf Schloß Warren diese beiden letzten Jahre in stiller Ruhe verflossen.
Frau von Haldern hatte sich fast ganz dem geselligen Ver— kehr mit den Nachbarn entzogen und sich der Erziehung ihrer beiden Kinder gewidmet. a
Von ihrem Bruder Udo waren in großen Zeitpausen kurze, spärliche Nachrichten eingetroffen, die selbst lediglich geschäftliche Angelegenheiten berührten und im Uebrigen von seinem körper⸗ lichen Wohlergehen meldeten. So wenig diese Briefe auch ent⸗ hielten, so waren dennoch die Tage ihrer Ankunft für Helene stets Freudentage gewesen; der stillen Frau genügte vorläufig das Bewußtsein der leiblichen Genesung ihres Bruders, im Uebrigen hoffte sie auf den zerstreuenden Einfluß der Fremde. und die besänftigende Wirkung der Zeit.
Endlich war denn auch Graf Warren, äußerlich fast voll⸗ ständig wiederhergestellt, zurückgekehrt. Die hohe, schlanke Figur war ungebeugt und sein vornehmes, blasses Antlitz erhielt durch einige kaum sichtbare Narben und die schmale schwarze Binde über dem linken Auge einen ungewohnten, ganz eigenartigen Reiz.
Um so größer war aber Helene's Schmerz, als sie die Ver⸗ änderung entdeckte, welche die traurigen Ereignisse vor zwei Jahren auf Udo's Gemüth hervorgerufen hatten. Der früher lebensfrohe und liebenswürdige Mann war menschenscheu und menschenfeindlich geworden. Vor jedem Fremden ließ er sich verleugnen, und selbst seiner Schwester Gesellschaft vermied er, so viel er konnte. Den entlegenen, seit einem halben Jahrhun⸗ dert nicht benutzten Flügel des Schlosses hatte er für sich ein⸗
richten lassen und lebte dort vollkommen abgeschlossen mit einem
alten Diener und seinen Büchern. Seine Spaziergänge führten ihn in frühester Morgenstunde in den dichtesten Theil des großen Parks, wo er sicher war, keinem Menschen zu begegnen. Selbst die Mahlzeiten nahm er allein ein und entschuldigte sich seiner Schwester gegenüber mit seinen wissenschaftlichen Studien, welche seine ungetheilte Hingebung erforderten.
0
1
Als sie sich dem Garten zukehrte, sah sie das bleiche Gesicht N
9 blick im Abendduft auflösen konnte. So erschien sie Rolfs. Helene hatte bald erkennen müssen, daß alle Versuche, den N 8850——— N Ee 5 5
2
2


