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armen Bruder dem menschlichen Verkehr wiederzugewinnen, vor— läufig vergeblich, wenn nicht gar schädlich seien, und so hatte sie sich mit innerem Seufzen in das Unvermeidliche geschickt, der Zukunft und der höheren Fügung die Heilung auch dieses Leidens anheimstellend.———
Es ist ein herrlicher Sommertag. Die Vögel zwitschern in den Bäumen des Schloßparkes von Warren und die Blumen der Teppichbeete hauchen süße Düfte in die weiche balsamische Luft. Fenster und Thüren des Gartensaales sind geöffnet und das einschläfernde Plätschern des nahen Springbrunnens dringt deutlich zu den Ohren des jungen schönen Mannes, welcher sich drinnen nachlässig in einem Schaukelstuhl auf und nieder wiegt. Sein langer blonder Schnurrbart wird von seiner weißen, wohl— gepflegten Hand unaufhörlich geliebkost, der andere Arm ist in einer schwarzen Binde gefesselt. Seine grauen, etwas müden Augen blinzeln hinaus in den sonnigen Garten und hörbare Seufzer der Langeweile stehlen sich häufig über seine Lippen.
„Himmel, Helene!“ ruft er plötzlich mit etwas starker Stimme, welche den gewohnten Kommandoton nicht verbeugnet, „wie kannst Du nur diese Einsamkeit ertragen? Nicht sechs Wochen hielt ich es hier aus! Mein Gott! ich bin in diesen vierzehn Tagen schon ganz stumpfsinnig geworden, und ich bin herzlich froh, daß wir endlich nach Teplitz gehen, obgleich ich fürchte, dort gerade auch nicht zu viel Amüsement zu finden.“
Er springt bei diesen Worten aus seiner liegenden Stellung auf und tritt zu Frau von Haldern, welche in seiner Nähe be— schäftigt ist, eine große Zahl vor ihr liegender Briefe zu sor— tiren und ihren Inhalt zu prüfen. Lächelnd schaut sie auf die prächtige Gestalt ihres jüngeren Bruders.
„Mein lieber Heinz, ich bin jetzt eine alte Frau und ver— lange nicht mehr viel vom Leben, aber ich kann Dir wohl ge— stehen, daß auch ich schon häufig Anwandlungen von Melancholie hier empfunden habe, besonders im Winter, wenn ich auf das Zimmer angewiesen war und Niemand hatte, mit dem ich plau— dern und meine Ansichten austauschen konnte. Die Erzieherin der Kinder ist eine kluge und unterrichtete Person, aber sie ist mir zu steif und nur von ihrem Beruf erfüllt. Mit Gesell— schafterinnen scheine ich kein Glück zu haben, ich habe es schon mehrmals versucht, aber meine Wahl war nie eine glückliche. Nun bin ich abermals dabei, aus diesem Wust von Briefen etwas Passendes herauszufinden, aber es ist dies eine mühevolle Arbeit. Schau einmal alle diese zarten Briefchen mit hübschen und häßlichen Handschriften und fast ausnahmslos desselben In— halts. Komm' her und hilf mir, vielleicht hat Deine Hand Glück darin!“
Lieutenant Heinz von Warren rollte gleichgültig einen kleinen
8 Sessel an die Seite seiner Schwester und begann flüchtig einen
Brief nach dem anderen zu lesen, um dieselben dann mit leichtem Kopsschütteln wieder bei Seite zu legen.
„Weißt Du, Helene, E-begann er mit überlegenem Lächeln, „hier ist in all' diesen Bflesen auch nicht eine sympathische Hand— schrift, nicht ein eleganter Stil zu finden,— alle steif oder devot! Ich parire, die Schreiberinnen sind sämmtlich häßlich und langweilig, und ich könnte mich zu keiner Antwort auf irgend eines dieser Geschreibsel entschließen.“
„Ja, Heinz, Du hast Recht, es ist schwer, nach einem Brief seine Wahl zu treffen. Doch wie soll man es schließlich anders machen?“
„Halt, Frau Schwester, was hätten wir denn da? Post— stempel„Dresden“— sichere, gefällige Handschrift, altdeutsches Papier mit Wappen und exquisites Parfüm; laß einmal sehen! O, dies ist etwas Apartes; gestatte, daß ich Dir diese zarte Epistel vorlese:
„Hochverehrte gnädige Frau!
Als ich gestern die Annoncen der Zeitung durchlas, um für mich eine geeignete Stellung zu ermitteln, wurde mein Blick durch Ihren Namen gefesselt, mit welchem sich die schönsten Er— innerungen meiner glücklichen Kinderzeit verknüpfen. Wie ein
Wink des Himmels erschien mir dieser Zufall, der Sie gerade
jetzt eine Gesellschafterin suchen läßt.
Sie werden bei dieser Einleitung erstaunt nach der Unter— schrift meines Briefes geseher n haben. Hoffentlich ruft die letztere mit dem Gedanken an die Sorgen der Vergangenheit auch einige freundliche Bilder in Ihre Seele n so daß Sie es nicht
verschmähen, meinen späteren, Ihnen noch unbekannten Schick⸗ salen Ihr Interesse zu schenken.
Sie werden sich vielleicht noch entsinnen, daß mein Vater vor ungefähr sechs Jahren beabsichtigte, dem Wunsche meiner Mutter zu folgen und nach Deutschland überzusiedeln. Zu dem Zweck war er damals beschäftigt, sein nicht unbedeutendes Ver⸗ mögen in Amerika und England flüssig zu machen. Während wir unterdessen sorglos in Nizza weilten, hatte mein Vater durch plötzliche Zusammenbrüche einiger großen Bankhäuser bedeutende Verluste erlitten. Arbeit und Aufregung hatten seine Gesund⸗* heit erschüttert, und eines Tages erhielten wir die Schreckens⸗ 1 botschaft von seinem Tode. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht.——
Der Schmerz meiner Mutter war grenzenlos. Dennoch ver⸗ lor die energische Frau nicht den Kopf. Binnen achtundvierzig Stunden befand sie sich auf der Reise nach Newyork. Es galt ja nicht allein, die irdische Hülle des geliebten Gatten nach Deutschland zu überführen, sondern sich und ihrem Kinde von ihrem Vermögen zu retten, so viel sie konnte. Hierzu war ihre persönliche Anwesenheit an Ort und Stelle dringend erforderlich.
Mich wollte sie den Gefahren der Reise nicht aussetzen und brachte mich, so viel ich auch bat, sie begleiten zu dürfen, in eine Pension nach Dresden, wo ich ihre Rückkehr abwarten sollte.
Gesund, kräftig und schön— wie meine arme Mutter viel- leicht noch in Ihrer Erinnerung leben wird— bestieg sie da- mals das Schiff, welches sie meiner fernen Heimath entgegen- führte,— gealtert und gebrochen kehrte sie nach wen Monaten zu mir zurück.
Unser Vermögen war bis auf eine kleine Summe, nothdürftig für ein bescheidenes Leben ausreichte, zusamme geschmolzen. Ich verließ daher die Pension und wir bee 5 in Dresden eine kleine Wohnung, in der wir in stiller Zurück- gezogenheit lebten,— sie mit meiner Erziehung, ich mit ihrer 1 Pflege beschäftigt.
Fünf Jahre waren so vergangen, da traf mich der härteste Schlag meines Lebens; ich verlor auch das Theuerste, was mi bis dahin geblieben,— meine einzig geliebte, unvergeßliche
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Lassen Sie mich von dem Gram dieser schweren Zeit schweigen!
Ich stand nun ganz allein,— aber ich war erwachsen. 1 traurigen Ereignisse der letzten Jahre hatten mich schnell ge ich begriff, daß meine Lage es mir nicht gestatte, mich unthöl der Erinnerung an eine traumhaft schöne Vergangenheit und J Schmerz über die Wendung meines Geschicks hinzugeben; es galt vielmehr zu handeln und den Blick fest auf die Zukunft. zu richten.— Allein konnte ich als junges Mädchen in de großen Stadt nicht leben;— ich kehrte daher in die Pension, zu deren Vorsteherin und Lehrerinnen ich stets in Beziehungen l gestanden hatte, zurück. 1
Hier blieb ich ein halbes Jahr und hier bin ich noch, bis ich eine Stellung als Erzieherin oder Gesellschafterin gefunden habe.— Die Ueberreste meines kleinen Vermögens gestatten mir wenigstens, bei der Wahl meines künftigen Wirkungskreises die materiellen Rücksichten meinen Neigungen unterzuordnen.—
So, verehrte gnädige Frau! jetzt sind Sie über mich unter⸗⸗ richtet!— Vielleicht entschließen Sie sich zu einem Versuch mit mir!— Aus dem Ihnen bekannten vierzehnjährigen Wildfang ist ja ein gesetztes und leidlich verständiges Mädchen geworden, welches trotz allen Kummers auch heiter und vergnügt sein kann, weil es mit gutem Gewissen in die Vergangenheit zurückblickt und mit der Zuversicht der Jugend von der Zukunft die Besserung seines Schicksals erwartet.
Mir, das darf ich wohl gestehen, würde es als ein großes Glück erscheinen, unter Ihrer sicheren und liebevollen Leitung den ersten Schritt in das Leben wagen zu dürfen.
Mit der Versicherung größter Verehrung Ihnen die Hand küssend, hofft auf eine baldige, günstige Nachricht Ihre Ihnen treu ergebene
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Nelly Longsword.“ „Dresden, den 2. Juni 1886.“ Lieutenant von Warren sah nach Beendigung des Briefes gespannt auf seine Schwester, die, in Erinnerungen schweigend einige Thränen trocknete.


