Ausgabe 
29.4.1888
 
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machen will, seufzte Frau Bode.Ich gehe, die Aufregung läßt mich nicht rasten.

Als sie vor die Thür des Gasthauses trat, bemerkte sie, keine dreißig Schritte von sich, neben einer Gruppe von Zier⸗ sträuchern ein weißes Kleid. Jella stand dort unbeweglich und ein Mann führte hastig mit unterdrücktem Schluchzen ihre Hände an seine Lippen. Darauf entfernte er sich schnell und Jella schritt langsam auf das Gasthaus zu.

Da bist Du endlich, mein Kind; wir fingen an, uns über Dein Ausbleiben zu beunruhigen, sagte Frau Bode und trat mit dem Mädchen in den hellerleuchteten Hausgang.

Jella schaute mit großen irren Augen die besorgte Frau an und antwortete mit klangloser Stimme:Ich bin so müde und erkältet, ich will mich zu Bette begeben, gute Nacht!

Frau Bode erschrak. Fella schlüpfte wie ein Schatten an ihr vorbei und schloß sich in ihr Zimmer ein. Das Rufen, das Klopfen der geängstigten Frau hatte keinen Erfolg. Jella ant⸗ wortete nur:Sie sind sehr gütig, ich danke Ihnen herzlich, ich bedarf nichts, durchaus nichts.

Am folgenden Morgen blieb der Rosenstrauß aus, der sonst immer auf Jella's Platz auf dem Frühstückstisch gelegen. Sie erschien, wohl etwas bleich, sonst aber ruhig und schön wie immer. An der Mittagstafel erzählte man sich, daß Baron Brunner am frühen Morgen nach seiner Heimath, der Insel Rügen, abgereist sei. Alle Blicke wendeten sich nach Jella und man zog aus den niedergeschlagenen Augen und den hocherglühten Wangen die verschiedensten Schlüsse.

Ist sie verlobt mit ihm? Warum reist er denn so schleu⸗ nig ab? Wissen Sie denn nichts von dem nächtlichen Spazier⸗ gang? Wer möchte noch an der Verlobung zweifeln? so ging es im Flüsterton nach allen Seiten. Frau Direktor Bode saß wie auf Kohlen und hätte viel darum gegeben, wenn sie diese Bemerkungen alle mit der einen Erklärung hätte zum Schweigen bringen können:Ja, sie ist verlobt mit Baron Brunner.

Jella aber erwähnte seiner mit keiner Silbe und sah über⸗ haupt so ernst und nachdenkend aus, daß Direktor Bode jede Bemerkung über den Baron unterließ.

Wenn Sie vorhaben, Ihren Aufenthalt hier noch zu ver längern, so möchte ich bitten, mich allein nach Hause reisen zu lassen, Herr Direktor, sagte Jella ungefähr eine Woche nach des Barons Abreise, als sie zu ihm auf die Veranda getreten war, wo er behaglich seine Zeitung las und seine Tasse Kaffee trank.

Haben Sie es denn so eilig, liebes Kind? Unsere sechs Wochen sind noch nicht vorüber. Geben Sie mir aber ver⸗ nünftige Gründe zu Ihrem Drängen an, so soll etwas von der Zeit nachgelassen werden, antwortete der Direktor und faltete dehäbig die Zeitung zusammen.Nun lassen Sie hören!

Ich habe keine bestimmten Gründe, entgegnete sie aus weichend;möchte auch nicht, daß Sie meinetwegen Ihre Kur abkürzen, wenn Sie es denn erlauben, so reise ich morgen ab.

Das erlaube ich ganz sicher nicht, fuhr Herr Bode auf. Machen Sie es mit meiner Frau ab; wenn sie in einigen Tagen zur Abreise bereit ist, so wollen wir meinetwegenheimkehren.

Seien Sie mir nicht böse, Herr Direktor, sagte sie und reichte ihm schüchtern die Hand hin.

Nein, Ihnen nicht, Jella, gewiß nicht; aber mag er auch hundert Mal Ihre höchste Gunst besitzen, so sage ich doch:Der Mondscheinbaron und bin sicher, daß dieser Mensch mit dem schmachtenden Blick und den durchsichtigen weißen Händen ver⸗ hängnißvoll für Ihr Leben geworden ist, rief er und warf die Zeitung auf den Tisch.

Jella stand da, todtenbleich und regte sich nicht.

Sitzt die Liebe so tief, armes, beklagenswerthes Kind? sprach er bewegt und stand kopfschüttelnd auf.

Ja, ich liebe ihn! rief sie plötzlich außer sich, und ihre Blicke bekamen etwas Drohendes, Herausforderndes. es mir wehren? Wer wagt es, ihn herunter zu setzen und ihn anzugreifen?

.Sie sind nicht bei Besinnung, Fräulein Wellner! versetzte Herr Bode mit eisiger Kälte.Ich bedaure nur, Sie dem Herrn Präsidenten in diesem Zustande zurückbringen zu müssen. Uns

Wer will

trifft keine Schuld; hoffentlich gelingt es ihm, Sie wieder auf den Weg der Vernunft zu bringen. Sie lachte laut auf, der Direktor verfärbte sich und seine ö Lippen bebten.. Einige Tage darauf reisten wir ab. Eine sichtbare Kälte und Entfremdung herrschte zwischen der Familie Bode und Jella. Letztere aber schien es kaum zu fühlen, so sehr war sie von ihren Gedanken in Anspruch genommen. 5 Ich selbst werde Sie zu dem Herrn Präsidenten geleiten, sagte Direktor Bode, als sie den Zug verlassen hatten, und nahm eine ernste gravitätische Miene an. 7 Sie wollen mich anklagen und bei meinem Vater ver⸗ kleinern? fuhr Jella auf und ihre kleinen Zähne bohrten sich in die feine Unterlippe. Plötzlich aber, sich besinnend, sagte sie in fast bittendem Tone:Thun Sie es nicht, Herr Direktor, es hat keinen Zweck, ich verspreche Ihnen, meinem Vater die ganze Wahrheit selbst zu sagen und mich besonders dankbar Ihrer und der guten Frau Direktor Freundlichkeit zu erinnern. Noch einmal danke ich Ihnen herzlich für alle mir bewiesene Güte und Nachsicht. Das arme Kind,

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was hat es denn gethan? fragte Frau Bode, als sich Jella entfernt und sie mit ihrem Manne ihrer Wohnung zuschritt.Wer kann denn behaupten, daß sie nicht gut gewählt, weil sie schnell gewählt hat? Sprich gar nicht mit dem Präsidenten darüber, was willst Du auch sagen, wir wissen ja nichts. Er stieß etwas zwischen den Zähnen hervor von: Jammer⸗ schade, blühendem, energischem Mädchen und der Trauerweide in bleichem Mondschein. a N Jella trat in das dunkele Haus; Boudoir schimmerte ein trübes Licht. ihren Vater sprechen zu können; er war Als sie die Thür des Boudoirs öffnete, Bessow vom Divan. Ei, so unerwartet, liebe Jella! rief sie und erhob sich. Nun findest Du das Haus leer, Deine Eltern sind vor vierzehn Tagen in's bayerische Hochgebirge gereist 50 Wann kommen sie zurück? fragte Jella, sichtlich in ihren Erwartungen getäuscht;oder könnte ich sie erreichen? setzte sie athemlos hinzu. 4 Warum denn das? fragte Frau von Bessow Wau Oder ist die Sehnsucht nach der jungen, charmanten Mutter groß? fügte sie lachend hinzu.Jedenfalls wirst Du Dich noch einige Wochen gedulden müssen, mein Kind. 1 Jella überlegte.Ich weiß nicht, ob es das Licht ist, oder ob ich es der Reise zuschreiben foll, Du siehst sehr bleich aus,. sagte Frau von Bessow und sah Jella beobachtend in's Gesicht. Nun, so ein bischen Sehnsucht bleicht leicht die Wangen; wi wird sich Assessor von Rolfs über Deine Rückkehr freuen! 1 Ein erschreckter Blick flog zu dem lächelnden Gesicht. alten Dame empor.Nun sieh Einer das gehorsame Töchterchen! rief sie verwundert aus,da hat doch der Präsident Recht ge⸗ habt, als er ganz gleichgültig sagte: Sie muß schon wollen, wenn ich will. Siehst Du, Kind, Du bist mir ein Räthsel; ich habe Dich für hartnäckig gehalten, und daß Dir der Assessor nicht gleichgültig war, das sah auch Jemand ohne Erfahrung. 5 Das zarte, schmale Gesichtchen Jella's bekam einen so kläg⸗ lichen Ausdruck, es wurde so bleich, daß Frau von Bessow ihr liebkosend über das schwarze Haar strich und ihr tröstend sagte: Vertraue nur unserer guten Edith, sie wird schon den Raben⸗ vater milder stimmen. 5 Ich bedarf keiner Protektion, Frau Baronin, antwortete Jella mit bebenden Lippen und verließ das Boudoir. Die Baronin wollte nicht den ersten Schritt des Entgegen⸗ kommens thun und Jella ahnte nicht, daß man ihn von erwarte. Sie dachte überhaupt an nichts, ihr Sinnen und Trachten schien in den düsteren Wäldern des Schwarzwaldes zu weilen; sie verließ kaum ihr Zimmer, ging wie träumend umher und schreckte zusammen, wenn Jemand sie anredete. 25 Rolfs war glückstrahlend in das Haus des Präsidenten ge⸗

U nur in ihrer Stiefmutter N Sie hatte gehofft, zuerst

keinesfalls zu Hause. erhob sich Frau von

eilt, sobald er gehört, daß Jella zurückgekehrt war. Frau von Bessow empfing ihn und sah, wie Rolfs erbleichte, als der Be⸗⸗ diente meldete, das gnädige Fräulein sei verhindert.Ich fürchte, 1