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zu den
Oberhessischen UMachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
5 Gießen, den 29. April.
V.
Die tiefen Schatten des Schwarzwaldes erlauben keinen Aufenthalt bis in den September hinein, und so bot Rippoldsau in den letzten heißen Tagen des August noch einmal seine köst—
lichste Kühlung in den dunkeln, kräftig duftenden Wäldern, und
die zahlreiche Gesellschaft, die hier seit Wochen wie in einem gemüthlichen Familienleben sich gemeinsam amüsirte, lebte im vertrauten, ungenirten Umgang recht angenehm dahin.
Herr und Frau Bode wetteiferten,„ihrem Töchterchen“ den Aufenthalt in Rippoldsau so angenehm wie möglich zu machen, und es war ihnen dies gelungen. Zum ersten Mal sah sich Jella umgeben von einer hocheleganten männlichen Jugend: Deutschen, Engländern, Franzosen, Russen, Italienern, die alle dem eigenartig schönen Mädchen zu gefallen suchten. Es mißfiel ihr dies durchaus nicht, sie war noch nicht zwanzig Jahre alt und liebte das Leben. Unter den Vielen, die sich um sie be— mühten, war ein norddeutscher Baron, der sie durch eine sichtbare Aufmerksamkeit vor den Andern ganz besonders aus— zeichnete. Er war eine elegante Erscheinung, die allerdings durch einen Zug von Schwermuth in dem krankhaft bleichen Gesichte etwas Interesse in einem jugendlichen Mädchenherzen hervor— rufen konnte. Wenn ein munteres Herandrängen der fröhlichen
Herren sichtbar wurde, sobald sich Jella auf den Lustpartien
zeigte, die bald mit Angeln und Körben nach den kühlen Bächen des Schwarzwaldes sich bewegten, wo die Forelle lustig plätschert, oder sonst die Gegend nach allen Seiten durch— streiften, dann stand Baron Brenner einige Schritte entfernt und seine melancholischen Augen ruhten mit dem Ausdruck schwärmerischer Bewunderung auf ihr. Traf ihn zufällig ihr Blick, dann stieg eine schwache Röthe in seinem Gesichte auf und seine Lippen zuckten. f
Direktor Bode lachte mit Jella über diesen„Mondschein— kandidaten“, der, aus dem hohen Norden kommend, um ein ganzes Jahrhundert in der Courmacherei zurück sei. Nach und nach wagte er es, sich Jella zu nähern und wurde hier und da ihr Begleiter. Ob dennoch die langsam und traurig zu ihr auf— geschlagenen Augen auf Jella ihren Eindruck nicht ganz ver— fehlten, ist fast anzunehmen, denn sie wurde in ihren fröhlichen Auslassungen über den Baron zurückhaltender und ging nicht mehr recht darauf ein, wenn Direktor Bode sie neckend nach dem Inhalt seiner langen Unterhaltungen fragte.„Ich glaube, Baron Brenner ist ein Mann, an dem Welt und Menschen viel ge— sündigt haben,“ gab sie einmal mit traurigem Ausdruck zur Antwort.
„Freilich, dem steht der Weltschmerz in den Augen geschrieben,“
Ein dunßler Schatten.
Novelle von M. Elton. 3(Fortsetzung.)
spottete der Direktor des Landgerichts.„Wirklich ganz interessant, eine solch gut konservirte Mumie aus dem vorigen Jahrhundert zu erblicken.“ Er merkte, daß dies Jella mißfiel, da sie mit einem gewissen Eifer entgegnete:„Ja, es hat zu allen Zeiten unglückliche Menschen gegeben.“
„Und glücklicher Weise heute kaum solche mehr, die ihr Unglück in jedem Glied ihres Körpers, in jedem Zug ihres Gesichtes zur Schau tragen,“ versetzte er, neckisch seiner Frau zublinzelnd. a 5
Frau Bode aber winkte abwehrend und sagte lachend:„Denken Sie nur an meine Existenz, liebes Kind, an der Seite dieses Mannes, dessen Lebensberuf es zu sein scheint, jeden Anflug von Poesie oder poetischer Anschauung im Keime zu ersticken! Was Sie heute von mir sehen: eine jeder Illusion unzugängliche Frau, das ist das Werk dieses Barbaren.“
Jella zog sich etwas gekränkt auf ihr Zimmer zurück und ant— wortete von nun an nichts mehr auf die Neckereien des Direktors.
Bald lichtete es sich täglich mehr in Rippoldsau und Baron Brenner fand nun mehr Gelegenheit wie früher, seine respektvolle Verehrung für Jella an den Tag zu legen. Da kam täglich ein herrlicher Rosenstrauß für sie, den sie nicht abwies; wes⸗ halb sollte sie ihm das Wohlwollen entziehen, das ihn augen— scheinlich so sehr erfreute. Da aber— eines Tages— kam sie, weit hinter der übrigen Gesellschaft, mit ihm im sinkenden Abend aus dem Walde zurück. Sie war furchtbar bleich, frische Thränenspuren zeigten sich auf ihren Wangen und ihre jugendfrische Gestalt schleppte sich nur so neben ihm her. Der Baron war in einer Aufregung, wie man sie sonst noch nicht an ihm bemerkt hatte, sein Gesicht war geröthet und sein Blick streifte hastig die gebrochene Gestalt, indem seine Hände sich wie um Verzeihung flehend gegen Jella erhoben. Sie aber sah es nicht, ihr weißes Kleid schleifte über den feuchten Boden, ihre Arme hingen schlaff herunter und ihre Augen stierten wie gebrochen in den grauen Nebel, der sich über den Wald gelegt hatte.
„Wenn Du nicht gehen willst, so gehe ich,“ sagte Frau Bode zu ihrem Manne;„Jella ist uns anvertraut, und ich finde es durchaus unpassend, daß sie hinter der Gesellschaft zurückgeblieben ist und bis in die Nacht hinein ausbleibt.“ Sie nahm hastig ihr Tuch und wollte das Zimmer verlassen.
„Aber, liebe Frau, so warte doch nur noch einige Minuten,“ rief Herr Bode.„Jella ist eine so selbstständige Natur und in Bezug auf ihren Werther ist so wenig mit ihr zu spaßen, daß sie Dir Dein Entgegengehen wenig danken würde.“
„Nie mehr werde ich mich überreden lassen, ein junges Mädchen mit mir zu nehmen, wenn ich eine Erholungsreise
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