Ausgabe 
29.1.1888
 
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Währenddem waren neue Ankömmlinge eingetreten. Maxim erkannte Wera, welche sich mit der Frau des Hauses herzlich begrüßte. Ihr Erscheinen brachte eine wunderliche Wirkung auf ihn hervor. Er suchte sich selbst zu verheimlichen, wie sehr er über dieses Zusammentreffen erfreut war. Nun ja, er hatte ja nichts dagegen, sie zu begrüßen, warum denn? Er hatte ja keinen Grund, sie zu meiden, und ihr aus dem Wege zu gehen, redete er weiter mit sich selbst. Im Gegentheil, er würde ja herzlich gerne alltäglich, allstündlich mit ihr zusammen sein, rief eine vorlaute Stimme in seinem Innern. Ach nein, Unsinn! Was wollte ich doch sagen? Ja richtig, also: Im Gegentheil, sie ist mir ja ganz gleichgültig! Und zudem, wenn sie mir auch nicht gleichgültig wäre, so würde das an der Sache doch nichts ändern. Denn ich habe noch eine wichtige Lebensaufgabe zu lösen, bevor ich Und dieser gehört jetzt all' mein Streben, mein Denken, meine Zeit jede Minute. Ich glaube auch wirklich ich werde mich jetzt lieber empfehlen, ich habe heute schon zu freigebig meine Zeit verschwendet. Sie wird schon ohne mich sicher nach Hause kommen! Ich kann doch wirklich nicht verpflichtet sein, alle Tage für ihre Sicherheit zu sorgen! Wahr- haftig nicht! Es wird ihr ja doch nicht gleich wieder Gefahr drohen! Das wäre doch ein merkwürdiger Zufall wirklich, ein böser Zufall! Etwas Vorsicht ist allerdings nothwendig, sehr nothwendig sogar, denn in jeder etwas entlegenen Straße kann es gegen Abend immerhin gefährlich werden.

Und er blieb. i

Aber er war froh darüber, daß dieses Zusammentreffen ohne sein Zuthun stattfand, daß sein Gewissen rein war in dieser Be⸗ ziehung, daß er nicht vor sich selbst einer Schwachheit schuldig schien.

Wera's heiterer Gruß weckte ihn aus seinem unbehaglichen Sinnen, noch lange, bevor es ihm gelungen war, die Wider sprüche in seinem Innern auszugleichen und die Unwahrheit aus seiner Stimmung zu beseitigen.

Ich bin sehr erfreut, Herr Marlitzky, Sie hier zu treffen und durch den Augenschein mich zu überzeugen, daß Sie der Gesundheit für die Dauer wiedergegeben und vollständig wieder hergestellt sind, sagte sie, sich mit gewinnendem Lächeln gegen ihn wendend.

Ganz wiederhergestellt! wiederholte er, wie träumend. Gewiß, fuhr er, sich zusammennehmend, fort,ich habe mich nicht zu beklagen. Ich danke für Ihre Theilnahme.

Wera sah überrascht zu ihm auf. Seine sonderbare Weise mußte wohl ihre Verwunderung erregen. Ein Schatten von Besorgniß lag in ihrem Blick, als sie ihm fragend in die Augen sah. Sie mochte wohl befürchten, daß ihn irgend welche fatale Nachwirkung der gefährlichen Verletzung, die er erlitten, doch noch ergreifen könnte. Diese Besorgniß in Wera's Auge war nur lautere Dankbarkeit, eines der edelsten Gefühle, dessen der Mensch fähig ist, und welches jedes Antlitz verklärt. Auch Wera's Schönheit erhielt in diesem Augenblick durch den Ausdruck von dankbarer Sorge einen Reiz, eine höhere Weihe, die selbst ihrem sonst so harten, stahlblanken Blick ein eigenthümliches Feuer verlieh. Maxim war dies nicht entgangen, aber der Widerspruch, die Unruhe in seinem Innern wurde dadurch nur vermehrt. Es war ihm jetzt nicht möglich, an der Unterhaltung Theil zu nehmen, oder auch nur über ein trockenes, stockendes Gespräch mit Wera hinauszukommen. Mißmuthig saß er nahe dem Kamin, mißmuthig über sich selbst, weil er nicht vermochte, sich aus dem Zweifel loszureißen, überhaupt nach der einen oder anderen Seite hin einen Entschluß zu fassen. War das, was er auf dem Antlitz Wera's gesehen, der Abglanz eines reinen Gewisseus, eines edlen Herzens, oder war sie eine abgefeimte Kokette? War es denn so schwer, zwischen diesen beiden Extremen zur Gewißheit zu gelangen, oder war etwa noch ein Drittes möglich?

Es giebt wohl wenig Gegenstände menschlicher Erkenntniß, in welchen die Mehrzahl der Menschen so sehr zu Hause zu sein glaubt, als die Menschenkenntniß. Weitaus die meisten Menschen erheben mit Recht oder Unrecht, laut oder im Geheimen, den Anspruch, ihren Mitmenschen an Intelligenz und an Schlau heit überlegen zu sein, sie zu durchschauen und richtig zu beur⸗ theilen. Und wie Wenige sind im Stande, sich ein klares Bild davon zu machen, wie schwer es ist, auch nur sich selbst kennen zu lernen und zu durchschauen! Maxim empfand in diesem

Augenblick mit bitterem Verdruß, daß Menschenkenntniß eine der schwersten Wissenschaften sei. Er fühlte, daß er sich aus eigener Kraft aus seinem Argwohn, aus dem Widerspruch und der Un klarheit seines Gemüthszustandes nicht werde befreien können, daß das Schicksal ihm zu Hülfe kommen müsse.

Die Unterhaltung kam natürlich bald auf die Neuigkeiten des Tages, ein besonders interessantes Thema. Denn wo die Mittheilung so geheimnißvoll vorsichtig geschieht, haben alle Nachrichten besonderen Reiz. Ueberdies war jene Zeit so reich an aufregenden, oft unglaublichen Neuigkeiten, und Jedem drohte dabei so unmittelbare Gefahr, sowohl von Seiten der Verschwörer, welche das Dynamit nicht sparten, als von Seiten der Polizei, welche bei ihren Aktionen, namentlich bei Verhaftungen, der Vor sicht wegen lieber einige Dutzend Leute mehr aufgriff, als zu wenig, daß stets das allgemeine Interesse, ja sogar der Selbst erhaltungstrieb wach wurden, wenn sich die Gelegenheit darbot, etwas Neues zu hören,zu lernen, wie der Engländer so richtig sich ausdrückt.

Maxim achtete wenig darauf. Er saß noch immer theil namslos dabei und hörte nur, wie aus weiter Ferne, die Stimmen der Sprechenden. Doch plötzlich wurde er aufmerksam, als der Name Karpow sein Ohr erreichte.

Wie ich Ihnen sagte, erzählte der Doktor,heute Morgen wurde er bei der Armenischen Kirche gefunden. Es soll ein gewisser Karpow sein.

Der Name Karpow ist nun aber nichts weniger als selten in Rußland. Und die eben erzählte Thatsache hatte daher noch nichts Beunruhigendes für Maxim, um so weniger, als sein Freund ja eine Reise angetreten hatte. f

Ein Dolchstich saß ihm im Herzen, fuhr der Doktor fort. Der Mörder besitzt jedenfalls schon eine bedeutende Fertigkeit, denn er wußte vom Rücken her mit Sicherheit das Herz zu treffen. Und der Stoß war mit so furchtbarer Kraft geführt worden, daß die Klinge den ganzen Körper durchbohrte, und vorne auf der Brust noch eine kleine Wunde bemerkbar ist. Der Tod muß augenblicklich erfolgt sein.

Lautlose Stille folgte auf die Erzählung dieser grausigen Einzelheiten. Endlich bemerkte Semenow:

Man hat bei der Leiche einen Zettel gefunden mit der Auf schrift:Tod dem Abtrünnigen! Es muß also ein Nihilist gewesen sein, der nicht mehr gehorchen wollte. Vielleicht schauderte er zurück vor einem allzu entsetzlichen Befehl. Man befürchtet demnach, daß die Verschwörer wieder neue Verbrechen vorbereiten.

Ja, das mag wohl sein, fuhr der Doktor fort,man sagt auch, es werde ein nihilistischer Emissär erwartet aus Moskau, um einen Hauptschlag anzuordnen.

Merkwürdig, wie solche Gerüchte entstehen! bemerkte Seme now.Und es muß sogar etwas Wahres daran sein, denn auf den Bahnhöfen ist die Polizei jetzt doppelt wachsam.

Nun, das ist ja Alles recht erfreulich, sprach der Doktor dazwischen.Den Nihilisten kommt es auf einige Tode mehr oder weniger bei ihrem Feuerwerk nicht an. Und andererseits ist die Polizei auch nicht blöde. Sobald nur erst der Name des Ermordeten bekannt sein wird der also ein Nihilist war, wird die Polizei ermitteln, wer mit ihm befreundet war, in welchen Kreisen er verkehrte, und dann in diesen gründlich auf räumen. Für Manchen wird wohl schon freies Quartier bereit gehalten, der heute nicht entfernt an die Möglichkeit denkt, daß die Polizei sich mit seiner Persönlichkeit beschäftige.

Sein Name, bemerkte Semenow,ist ja bekannt. Es ist ein gewisser Karpow, ein Beamter im Ministerium des Innern. Jetzt weiß man auch, warum so mancher geschickt vorbereitete Schlag auf unerklärliche Weise mißlang. Doch auf ihn hatte man entfernt keinen Verdacht. Erst vor einigen Tagen nahm er einen Urlaub, um eine Reise anzutreten.

Maxim hörte wie erstarrt zu. Dann sprang er plötzlich auf, und fragte mit stürmischer Hast:

Einen Urlaub, sagten Sie? Reiste er denn nicht in Dienst Angelegenheiten, wie er mir sagte?

Semenow blickte erstaunt auf; dann, wie plötzlich einen neuen Gedanken erfassend, erwiderte er:

Nein, er hatte Urlaub genommen in Privat-Angelegenheiten. Ich weiß das ganz genau, ich diene in demselben Ministerium.

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