Ausgabe 
29.1.1888
 
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Anklang von Hohn, der ihm sehr mißfiel.

Maxim war nicht im Stande, seine Aufregung zu bemeistern. Es war also kein Zweifel mehr möglich. Karpow, sein bester Freund, war auf so schreckliche Weise ums Leben gekommen! Er, den er immer für so ruhig, so besonnen gehalten, war ein Ver schwörer gewesen, hatte sich vielleicht schon schwerer Verbrechen schuldig gemacht, wie sie jene Fanatiker für erlaubt halten zum guten Zweck. Die Jugend ist so wenig daran gewöhnt, ihre Gedanken, ihre Eindrücke zu verheimlichen, und Maxim konnte daher seinen Schmerz jetzt nicht verbergen. Er hatte ganz vergessen, wie sehr er Semenow mißtraute, wie sehr er ihn für gefährlich hielt.

Semenow beobachtete mit einem bösen Lächeln, was in Maxim vorging.

Wenn ich nicht irre, waren Sie mit Karpow bekannt, sagte er, zu Maxim gewendet.Ich glaube, Sie im Gespräch mit ihm gesehen zu haben an einem Empfangsabend im Hause des Staatsraths Welikanow.

Maxim bemerkte trotz seiner schmerzvollen Aufregung recht wohl den lauernden Blick Semenows, er hörte recht wohl eine warnende Stimme in seinem Innern. Aber um keinen Preis der Welt hätte er in diesem Augenblick Karpow verleugnen können. Er kannte dessen ehrenwerthen Charakter, er wußte, daß nur edle Motive ihn leiten konnten. Mochte man es Ver blendung, Fanatismus nennen, was ihn bestimmt, an der Ver schwörung Theil zu nehmen, Maxim war dennoch überzeugt, daß Karpow stets nur in solcher Weise gehandelt haben konnte, wie er kes für gut und gerecht hielt, daß niemals niedrige Beweg gründe auf sein Thun und Lassen Einfluß gehabt haben konnten.

Ja wohl, rief er mit einem fast drohenden Blick auf Semenow,Sie haben Recht. Karpow war mein Freund. Ich verhehle nicht, daß ich auch jetzt noch die größte Hochachtung für sein Andenken habe. Ich bin überzeugt, daß er niemals aus gemeinen Motiven handeln konnte, daß er nur in edler Absicht den geheimen Gesellschaften beitrat, und daß er auch dann noch seinen ehrenhaften Grundsätzen treu blieb. Denn sein Tod beweist es ja, daß er sich nicht zum blinden Werkzeug des Verbrechens erniedrigen konnte.

Mag sein, erwiderte Semenow mit demselben bösen Lächeln wie vorhin.Aber ich möchte Ihnen doch rathen, anderswo nicht zu laut zu erklären, daß Sie für einen gewesenen Nihilisten die größte Hochachtung hegen, daß Sie der Ansicht sind, man könne auch in edler Absicht geheimen Gesellschaften beitreten und dabei ehrenhaften Grundsätzen treu bleiben. Wir sind hier unter uns, aber sonstwo könnte das doch gefährliche Folgen für Sie haben.

Maxim schwieg verstimmt. In Semenows Rede war ein Er erhob sich und nach kurzem Abschied machte er sich auf den Heimweg.

(Fortsetzung folgt.)

Das Oraiel der Sulvesternacht.

Erzählung von A. Brüning. (Schluß.

Der Erzähler athmete tief. Die Hand über die Augen gelegt, versank er in Stillschweigen, das seine beiden jugend lichen Zuhörer nicht zu unterbrechen wagten.

Als ich aus stundenlanger Betäubung erwachte, hub er endlich von selbst wieder an,schien mir die Mittagssonne des neuen Jahres hell in's Gesicht. Jene grausige Sylvesternacht mit ihrem Sturm war vorüber, ihren Schluß hatte, wie ich mit Mühe von der verstörten Dienerschaft erfuhr, die Verhaftung des Grafen gebildet, nachdem sein Einverständniß mit den Re bellen durch Auffindung eines großartigen Waffendepots in den Kellern des Schlosses zur Evidenz erwiesen worden war. Unter starker Bedeckung war er, während die entsetzte Gesellschaft nach allen Seiten auseinanderstob, nach der Stadt überführt worden, wo seiner, wie ich nicht zweifeln konnte, ein strenges Urtheil wartete.

Mir war unsäglich elend zu Muthe, eine bleierne Schwere

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Krankheit, die ich im Anzuge fühlte ich hatte ja noch eine heilige Pflicht zu erfüllen..

Der Urlaub, den ich erbat, wurde mir in Anbetracht meines leidenden Aussehens bereitwillig gewährt. Wie gesagt, eilte ich aus dem militärisch besetzten Schlosse und streifte unter Beihülfe einiger Landleute, denen ich reiche Belohnung versprochen, rast los den Fluß auf und nieder. Ich mußte die Leichen der beiden Opfer, die er verschlungen, finden, das war der Gedanke, der einzig mich beherrschte und endlich, nach unsäglichen Mühen, fand ich sie wirklich. Am jenseitigen Ufer, auf russischem Gebiet, hatte eine geraume Strecke weiter hinauf der Strom sie an's Land geworfen.

Unter einem überhängenden Weidengebüsch lagen sie eng umschlungen wie im Augenblick des Untergangs.

Wladislava's Haupt, von dem die gelösten Locken wie ein Trauermantel herniederrollten, ruhte an ihres Gatten Brust. Ein ergreifender Ausdruck lag in dem süßen, marmorblassen Antlitz, um dessen geschlossene Augen noch ein Abglanz jenes heiligen Liebesmuthes zitterte, der sie dem Gatten folgen ließ in seinen freien, stolzen Tod. Den weißen Mantel, der sie um hüllt, hatten die Wasser zurückbehalten; eng schmiegte sich das nasse Gewebe ihres leichten wasserblauen Gewandes um die feinen Glieder, durch seinen nixenartigen Schmuck ihrer Schön heit einen eignen, undinenhaften Reiz verleihend.

Lange, lange stand ich in den Anblick des schaurig holden Bildes verloren und trank noch einmal jeden Zug desselben tief in die Seele hinein, ehe die schwarzen Wände des Sarges es für immer meinen Blicken entzogen.

Brust an Brust, so wie ich sie gefunden, wurden die Leichen hinabgesenkt in den Schooß der heimathlichen Erde. Wie ein Gottesraub würde es mir erschienen sein, sie von einander zu trennen; vor der erhabenen Majestät des Todes, die auf meines Nebenbuhlers bleicher Stirne thronte, schwand der eifer süchtige Haß, den der Lebende mir eingeflößt die erschütternde Tragik der Ereignisse hatte ihn ausgelöscht.

Als der Sarg in der dunklen Tiefe verschwand und die Erd schollen, die ich hinabwarf, mit dumpfem Schall darauf nieder fielen, mußte ich an das seltsame Orakel des bleiernen Sarges in Wladislava's Schüssel denken, das mit so schauerlicher Eile an ihr in Erfüllung gegangen, und unwillkürlich rann ein aber gläubischer Schauer durch meine Glieder.

Die nächsten Wochen vergingen mir in dumpfen Fieber träumen. Die Krankheit, die ich schon gleich nach dem Erwachen aus jener Ohnmacht herannahen gefühlt, war mit voller Heftig keit zum Ausbruch gekommen und hielt mich lange Zeit schwe bend auf der schmalen Grenze zwischen Tod und Leben.

Der Körper genaß wohl endlich, aber die Schwingen meines Geistes waren gebrochen unter dem Fluche jener Sylvesternacht, die mich zum Mörder der Geliebten gemacht. Was auch mein Verstand dagegen vorbringen mochte von Ehre und Soldaten pflicht im Herzen klagte ich mich unerbittlich fort und fort des Mordes an.

Meine erste Handlung nach erfolgter Genesung war die For derung meines Abschiedes als Offizier. Ich empfand es als Unmöglichkeit, ferner einem Stande anzugehören, dessen Satzungen mich gezwungen hatten, mein Liebstes zu opfern.

Mein Verlangen war hinfort einzig darauf gerichtet, an den überlebenden Mitgliedern des durch mich so schwer getroffenen Hauses meine wenn auch unfreiwillige Schuld zu sühnen, so weit dies in meinen Kräften stand.

Für Wladislava's unglücklichen Vater, auf den sich natürlich zunächst mein Augenmerk richtete, kam indeß jeglicher Beistand zu spät. Graf Szariszow's Schicksal hatte sich bereits enfüllt

ein rascher, plötzlicher Tod hatte ihn dem zu erwartenden, strengen

Spruch seiner Richter entrückt, noch ehe sein Prozeß entschieden war. Es hieß, er habe durch ein schnell wirksames Gift, das er für alle Fälle stets heimlich bei sich getragen, selbst seinem Leben ein Ende gemacht Gewisses habe ich darüber nicht erfahren.

Es blieb für meinen Sühnezweck nur jener Sohn, Wladis⸗ lava's einziger Bruder, der während der vorhin geschilderten Ereignisse sich zum Besuch seiner auf jenseitigem Gebiet, in

hielt meine Glieder gefesselt, aber gewaltsam überwand ich die

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russisch Polen, wohnenden Braut befunden hatte.