Ausgabe 
29.1.1888
 
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der Mutter einverstanden war und wie wenig ihr dieselben doch genügten. Sie faßte den Arm der Mutter und erwiderte zaghaft:

Ich kann kein Wort mehr herausbringen, Mutter, ich werde Maxim Viktorowitsch gegenüber nur noch ein Wort kennen: Dankbarkeit.

Sie überschätzen zu sehr den kleinen Dienst, den ich Ihnen leisten konnte, erwiderte Maxim, etwas verlegen,es war ja mehr der Zufall, der Ihnen zu Hilfe gekommen, als ich. Jeder Andere, den der Zufall an meine Stelle gestellt hätte, würde sich glücklich geschätzt haben, Ihnen denselben Dienst zu leisten.

Damit erinnerte er sich selbst wieder an die ganze nächtliche Situation. Er wurde wieder mißtrauisch.

Wenn ich gerade von Zufall rede, so meinte ich eben das eigenthümliche Zusammentreffen, daß ich an jenem Abend be sonders spät nach Hause kam, fuhr er etwas anjzüglich fort, und Sie, wie es scheint, sich gleichfalls verspätet hatten.

(Das ist doch wohl deutlich genug, dachte er bei sich selber.)

Gewiß ein eigenthümlicher Zufall, erwiderte Wera unbe⸗ fangen.Ich war an jenem schrecklichen Abend bei einer ver heiratheten Verwandten zu Besuch, deren Mann versprochen hatte, mich Abends nach Hause zu bringen. Er ist ein vielbeschäftigter Arzt und hatte an demselben Abend noch einen Krankenbesuch zu machen in der Nähe unserer Wohnung. Bei dieser Gelegen heit wollte er mich daun in seinem Schlitten nach Hause begleiten. Aber er wurde eiligst zu einem Kranken abgerufen. War es möglich, hier die Hilfe in der Noth zu verweigern? Davon konnte keine Rede sein! Meine Freundin redete mir zu, doch bei ihr über Nacht zu bleiben, aber ich wußte, daß meine Mutter die Nacht in der schrecklichsten Angst zubringen würde, wenn ich nicht nach Hause käme. Sie lebt ohnedies schon in beständiger Furcht, wenn ich ausgehe. So mußte ich mich denn allein auf den Weg machen.

Dagegen war nichts einzuwenden, Maxim fühlte sich besiegt, ohne sich jedoch dies eingestehen zu wollen. Er war in sehr un behaglicher Gemüthsverfassung. Um sich aber für diese Nieder lage zu rächen, griff er Wera's letzte Bemerkung auf und fragte ziemlich unerwartet:

Gehen Sie denn häufig aus des Abends?

Abends niemals, erwiderte sie,des Tags über freilich kommt es öfter vor, daß ich allein ausgehen muß, denn wir sind nicht so reich, daß ich eine Dienerin als Begleitung mitnehmen könnte. Aber Sie gehen wohl stets aus des Abends?

Maxim war nicht darauf gefaßt, daß seine Waffe plötzlich gegen ihn gekehrt würde.

Nun, bei mir macht das nichts aus, erwiderte er, ärgerlich, sich darüber verantworten zu müssen.

Ja, erwiderte sie halb scherzend, halb seufzend,das ist ein großes Vorrecht, sich so frei bewegen zu dürfen. Unsere Schwäche, unsere Schutzbedürftigkeit ist doch oft eine schwere Fessel.

Maxim erwiderte nichts mehr. Doch konnte er lange seinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie erschien ihm ganz und gar als das Bild von Wahrheit, Unbefangenheit, Schuldlosigkeit, und er suchte dieses Bild festzuhalten, um seinem häßlichen Mißtrauen zu entgehen.

Er verabschiedete sich von den Damen sehr bald und kehrte gedankenvoll in seine Wohnung zurück.

Während der folgenden Tage befand er sich in sehr wechsel voller, gedrückter Stimmung. Er sah unaufhörlich ihr Bild vor sich, und hörte den Klang ihrer wohllautenden Stimme.

Das machte ihn glücklich und zufrieden, bis wieder andere

Stunden kamen, wo er finster brütend dasaß.

Bist Du solch ein Neuling, sprach dann eine leise Stimme, Dich mit einem glatten Gesicht so gimpelhaft gefangen nehmen zu lassen. Was verlangst Du denn noch zu wissen? Um Mitter⸗ nacht auf der Straße... Nun, ja es ist wahr, sie hat dar⸗ über triftige Aufklärungen gegeben, wie das gekommen ist.

Aber was geht mich das eigentlich an. Ueberhaupt, woher kommt

denn dieses Mißtrauen? Mißtrauen oder nicht habe ich ihr Treiben zu verantworten? Es ist mir doch ganz gleichgültig, wie sie ihre Lebensweise einrichtet ganz gleichgültig. Liebe

ich sie denn etwa?

* Das muß ich doch wohl selbst am Besten wissen. Nun also!

Aber nur

Ja, ein Aber war dabei, mochte er sich dies nun eingestehen oder nicht. Er ging die folgenden Tage wie im Fieber umher. Das Mittel gegen dieses Fieber nannte ihm eine innere Stimme, ihr Bild, ihre Stimme machten ihn gesund, wenn er ihr nur eine Stunde, eine Minute gegenüber sitzen konnte. Und doch davon wollte er nichts hören, dies nicht zugestehen; was eigentlich seine Wünsche, seine Vorstellungen, sein Gemüthszustand waren, konnte er sich nicht klar machen. Jedenfalls nicht die jenigen eines Mannes, der weiß, was er will.

1 VII. Die Qual des Zweifels.

Einige Tage später besuchte er einen Studienfreund, welcher, mehrere Jahre älter, seine Studien bereits beendet hatte und in die Praxis eingetreten war. Fedor Wassiljewitsch Ossipow be grüßte Maxim mit herzlichem Dank, zu Maxim's Verwunderung und es fand sich, daß eben der Doktor der Mann von Wera's Verwandter war.

Hätte ich eine Ahnung gehabt, welche Gefahr für Wera Andrejewna daraus entstehen würde, um keinen Preis der Welt hätte ich sie allein gehen lassen. Meine Frau und ich schätzen sie wirklich sehr hoch, sie ist ein vorzüglicher Charakter, und ihr Fleiß, ihre Anspruchslosigkeit verdienen das höchste Lob.

Maxim fühlte sich auf's Angenehmste durch diese Worte berührt.

Wirklich? sagte er.Du kennst sie näher?

Gewiß, durch meine Frau, erwiderte der Doktor,aber, wie gesagt, nur von der besten Seite. f

Das Gespräch wurde unterbrochen durch einen Herrn, welcher auf Maxim zutrat und dabei mit größtem Eifer und allen Zeichen lebhafter Freude ihn beglückwünschte.

Außerordentlich, ganz vorzüglich, mit welcher Bravour Sie sich benommen haben. Erlauben Sie mir, mich Ihnen in's Gedächtniß zurückzurufen, wir sahen uns bei Welikanow unlängst. Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie sehr ich mich freue, Sie wieder gesund und munter zu sehen! Mein Name ist Semenow, Beamter im Ministerium des Innern, Ihnen zu dienen.

Auf den Namen konnte sich Maxim nicht gleich besinnen. Aber als er den Sprechenden näher betrachtete, erinnerte er sich sofort an den Ball bei Welikanow, an die wüthenden Blicke Semenow's, an die Unterhaltung mit Karpow und dessen Be merkung über Semenow, den er als einen der Spionage Ver dächtigen bezeichnete.

Sehr erfreut, Ihnen hier zu begegnen, bemerkte Maxim in trockenem Tone. 5

Selbstverständlich war er auf der Hut gegen Semenow und zu einer längeren Unterhaltung mit demselben wenig geneigt. Der Mensch war ihm ohnedies nicht angenehm und schien ihm durchaus nicht vertrauenswürdig.

Ist es möglich, fuhr Semenow fort,daß solche Zustände mitten in der Stadt geduldet werden? So etwas ist skandalös! Es geschieht ohnedies jetzt schon so mancherlei, was unsere Polizei wissen müßte, wenn sie ihrer Aufgabe gewachsen wäre.

Wirklich? sagte Maxim wieder kurz,ich habe darüber kein Urtheil, ich weiß nicht t

Wie, Sie wissen nicht, was vorgeht? unterbrach ihn Semenow eifrig.Man sagt, ein Nihilisten-Quartier sei wieder aufgefunden und überfallen worden, wobei mehrere daselbst Au wesende verhaftet worden seien, und dann noch

Entschuldigen Sie, von diesen Sachen weiß ich gar nichts, erwiderte Maxim mit einigem Nachdruck.Solche Geschichten liegen mir ganz fern. Meine Studienzeit geht jetzt bald zu Ende, und für mich giebt es gegenwärtig nichts Wichtigeres, als sie so viel als möglich auszunützen.

Damit wendete er sich ab und ging nach dem anderen Zimmer zu, wo jetzt eben Bewegung und Stimmen zu hören waren und

Jemand angekommen zu sein schien.

Semenow blieb stehen und sah Maxim nach.

Der junge Herr ist vorsichtig, das muß man sagen, mur⸗ melte er vor sich hin.Doch warte nur, fügte er mit haß⸗ erfülltem Blick hinzu,es giebt schon noch Mittel, um junge leichtsinnige Menschen unschädlich zu machen, wenn sie besseren und klügeren Leuten in den Weg kommen.