Ausgabe 
28.10.1888
 
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Das thue ich auch nicht, aber die Musik, und meine Nerven.

Sie tauschte mit ihrem Vetter einen vielsagenden Blick, und dieser drückte ihr kräftig die Hand. Ozymski nahm unterdessen das Buch und rief:

Wir wollen lesen!

Wir wollen lesen, wiederholte auch Paula, nicht nur schon beruhigter, sondern lebhaft, wie sonst.

Mirewicz begann zu lesen es war ein ethnologisches Werk und er vertiefte sich derart in die Lektüre, daß er wohl garnicht aufgehört hätte, wenn Paula ihm nicht die Hand auf's Buch gelegt und ihm in's Wort gefallen wäre. Der Gedankengang dieser Frau war bewundernswerth; denn kaum hatte Mirewicz einige zwanzig Seiten gelesen, als sie ihn unterbrach, um das Gelesene einer Besprechung zu unterziehen. Die beiden Männer staunten über ihre Gewandtheit; wohl waren auch sie sehr be lesen, aber es fehlte ihnen eine geeignete Person zum Gedanken⸗ austausch. Und nun saß Paula mitten unter ihnen und erklärte alles nach ihrer Auffassung. So verging die Zeit schnell, Stunde auf Stunde verfloß, dann kam Frau Anna und bat zum Abend- brod, hernach wurde wieder gelesen, zuletzt spielte Paula noch einmal, und hierauf stand sie auf, lehnte ihr Köpfchen tief be wegt an Mirewicz' Schulter und erzählte Herrn Ozymski unter Thränen von ihrer Regina Victoria. Lange nach Mitternacht drückte Ludwig seinem Freunde die Hand und sagte:

Johann, o Du Glücklicher!

In dem nämlichen Augenblicke ging Aung langsam in ihr Schlafgemach, setzte sich neben das kleine Bettchen ihres Kindes, faltete ihre Hände über ihren Knieen und blickte mit tiestraurigem Antlitz nach Jancia hin. Um diese Zeit pflegte sie sonst schon zu schlafen, aber heute floh der Schlaf hartnäckig ihr Auge. Nach dem schön verbrachten Abend mußte Mirewicz in der Nacht seine Arbeiten erledigen, und so setzte er sich an seinen Schreibtisch, um bis zum frühen Morgen thätig zu sein.So geht es schon vierzehn Tage, wird es noch lange so weiter gehen? fragte sich Anna. Da ließ der grelle Pfiff der Lokomotive sie zusammen schrecken. Sie erinnerte sich, daß Josepha mit ihrer Schwester mit dem Morgenzuge in die fremde Welt reisen wollte.Du Glückliche! flüsterte Anna. Noch vor wenigen Stunden hatte sie die Freundin bemitleidet, die um der Schwester willen die Heimath verließ. Jetzt schien ihr dieser Entschluß ein Glück zu sein, und sie beneidete Josepha fast darum. Wie schön däuchte es ihr, wenn man sein Brot selbst verdienen könne, wenn man nicht zu fürchten brauche, daß man fortgeworfen, verstoßen werde! Sie hörte den gleichmäßigen Schritt ihres Mannes, der in seinem Arbeitszimmer auf und ab ging. Sie stand auf und schlich sich auf den Fußspitzen nach seinem Zimmer hin. Auf der Thür schwelle blieb sie stehen.

Jas, vielleicht bist Du nicht wohl? Brauchst Du etwas? Du wirst wohl lange arbeiten? Ich werde Dir Wein und Wasser hinstellen.

Sie stand in ihrer weißen Nachtjacke und mit dem aufgelösten Haar schüchtern und unruhig an der Thür. Johann trat schnell auf sie zu.

Warum schläfst Du noch nicht? Ist Jancia nicht munter? Ich habe nichts nöthig.

Auf seinem Gesichte spiegelten sich Reue und Zerknirschung.

Jancia ist gesund und schläft süß. Ich werde auch gleich schlafen gehen. Unseretwegen mache Dir keine Sorgen und quäle Dich nicht allzu sehr mit Deiner Nachtarbeit!

Wie, keinerlei Vorwürfe machte sie? Keinerlei Fragen richtete sie an ihn? Ohne jeden Tropfen Bitterkeit, ohne Gereiztheit, ein sanster, wehmüthig lächelnder Blick war alles. Schnell preßte er ihre Hände an seine Lippen und eilte an seinen Schreibtisch zurück, während dunkle Röthe seine Stirn überfluthete. Als Anna das Wohnzimmer durchschritt, hörte sie aus dem Alkoven Paula's starkes Schnarchen. Die Philosophin hatte einen ebenso bewunde rungswürdigen Appetit, wie guten Schlaf.

In dieser Nacht konnte auch in einem anderen Hause in der nächsten Straße eine alte Frau weder Schlaf noch Ruhe finden. In ein warmes Nachtgewand gehüllt und eine weiße Nachthaube auf dem silberweißen Haar, ging die Greisin, eine kleine Nacht lampe vorsichtig in der Hand tragend, nach einem der drei kleinen

Wohngemächer, öffnete die Thür und rief leise:Ludwig, Ludwigl

Aus dem dunklen Zimmer fragte Jemand: Mamachen? Warum schläfst Du noch nicht?

Du kannst ja heute gar nicht schlafen, Du seufzest und wirfst Dich unruhig im Bette herum?

Bei diesen Worten leuchtete sie mit der Lampe in das dunkle Gemach, und der helle Schein der Lampe fiel auf ein blasses, verhärmtes Gesicht und auf tief eingesunkene Augen. Erst als Ludwig der Greisin wiederholt die Versicherung gab, daß er sich vollkommen wohl fühle, verließ sie ihn.

Julia, hörst Du? sagte sie nach einer Weile zu ihrer Tochter. Er ist schon wieder unruhig und seufzt.

Du kannst ganz ruhig sein, Mama, ihm 7 nichts. Er hat sich nur in jenes Fräulein verliebt.

Woher weißt Du das?

Er hat es mir vertraut, er sagt mir Alles

Nun, was schadet es, wenn er sich verliebt hat? Warum hast Du

Er weiß, Mama, daß Mirewicz ebenfalls und er ist ihm

Was schwätzest Du da?

Allein das Schwesterchen des Herrn Ludwig Ozymski konnte nicht mehr weiter sprechen; der Schlaf umfing es von neuem.

f(Fortsetzung folgt.)

Was giebt's,

Am Bflicht und Ehre. Von J. v. Brun⸗Barnow. (Fortsetzung.)

Ju einer halben Stunde ist der Arzt da. Er ist erstaunt, daß beide Eltern abwesend, und schüttelt den weißen Kopf. Indem geht die Thüre des Vorsaals und bald darauf tritt der Rittmeister ein. Er hat sich nicht einmal Zeit genommen, seinen Paletot abzulegen.Nun, wie steht es mit Elly, wo ist meine Frau? Das Kind streckt ihm die Aermchen entgegen, er küßt es zärtlich.

Der alte Arzt kommt meiner Antwort zuvor.Die Kleine hat wieder Fieber, die Frau Gemahlin ist aber nicht zu Hause! Er giebt diese letzte Erklärung mit einem leichten Anflug von Ironie. 5 Der Rittmeister löst sich hastig von den ihn umschlingenden Armen des Kindes.Nicht zu Hause? stößt er hastig hervor und ich sehe, wie seine Brust gegen einen Ausbruch leidenschaft licher Entrüstung ankämpft.

Der alte Hausarzt legt beschwichtigend seine Hand auf seinen Arm.Die jungen Weiber sind nun einmal so, sucht er die Sache leicht aufzufassen,sie wollen sich amüsiren und hier, er weist auf mich,scheint ja die Gnädige gut vertreten.

Das mag sein, grollt er zornig auf.Aber der Platz meiner Frau ist an der Seite unseres Kindes!

Seine Antwort giebt mir einen Stich in's Herz, und ich wünsche mich weit, weit, von hier fort.

Sie haben Recht! pflichtet der Arzt bei.Aber nun Sie wissen, Frau Marianne hat ihren Kopf für sich.

Das soll sie nicht. Bei Gott, das soll sie nicht mehr.

Wo wollen Sie hin? a

Ich will meine Frau aus der Gesellschaft holen und sie vor Aller Augen an ihre Pflicht erinnern.

Sie werden doch nicht solche Thorheit begeh'n und sich und Ihre Frau zum Gegenstand skandalsüchtiger Zungen machen!

Als wenn wir das nicht schon lange wären! entfährt es dem aufgeregten Mann.Nein, halten Sie mich nicht zurück. Sie sind der älteste Freund unseres Hauses, Sie wissen, welche maßlose Geduld ich

Eben weil ich das bin, weil ich das weiß. unterbricht ihn der Arzt,so möchte ich Sie gegen eine Uebereilung schützen, welche Sie bei ruhiger Ueberlegung bereuen werden. Warten Sie noch eine halbe Stunde, lassen Sie erst Ihren Aerger verrauchen. Die Kleine ist in keiner Lebensgefahr. Sie fiebert ein wenig stärker als am Nachmittag und das Köpfchen ist benommen, vielleicht. hat sie irgend einen Diätfehler gemacht, ich verschreibe ihr darauf hin etwas und Sie sollen sehen, morgen ist sie ganz munter,

nicht wahr, kleine Maus?