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„O mein Fräulein!“ wiederholte er. Und indem er ihre Hand ergriff und an seine Lippen führte, fuhr er fort:„Welch ein Glück für uns, daß Sie, mein Fräulein, wenn auch nur vorübergehend, zu uns gekommen sind! Denn Ihres Schlages können wir Armen leider noch nicht!“
„Und dennoch träumten wir davon, nicht wahr, Ludwig?“
Paula hatte inzwischen in dem Alkoven ihre Straßentoilette mit einem türkischen Schlafrock vertauscht und erschien, ein ver⸗ führerisches Lächeln auf den Lippen, mit einem dicken Buche in der Hand unter der schweren Portiere. Während die Herren das Buch auf den Tisch legten und darin blätterten, war sie vor einen kleinen Spiegel getreten, der auf einer Etagere stand. Mit ihren zarten Fingern ordnete sie die Stirnlöckchen und die Spitzen, die ihren Hals umkränzten, und ohne vom Spiegel sich abzuwenden, fragte sie:„Sagen Sie mir, was für ein Individuum ist denn eigentlich dieses Fräulein Josepha Skiwska?“
Mirewicz schlug die Augen nieder.
„Mein Fräulein, sie ist weder häßlich noch einfältig,“ er— widerte Ludwig,„sie weiß sehr viel und bildet sich und ihre Schwester aus, aber—“
„Aber?— Bitte, fahren Sie fort!“
„Aber, nun, wie soll man sich da eigentlich ausdrücken? Sie ist ein armes, mitleidswerthes Geschöpf—
„Warum denn?“
8„Nun, sie weiß nichts von Sehnsucht, von Sturm und von ampf.“
„Ich dachte es mir doch sofort. Sie schaut ja auch aus, wie ein Lamm, das sich ruhig zur Schlachtbank führen läßt.“
„Ja wohl, sie versteht nicht zu kämpfen, zu ringen— sie ist zufrieden mit ihrem Geschick und mit ihrer knechtischen Arbeit, als wäre es die schönste Annehmlichkeit unter der Sonne. Sie besitzt keine Energie, um sich aufzuraffen, kein richtiges, ästhetisches Gefühl, mit einem Worte, sie ist ein braves, kluges Mädchen, aber ein armes, bedauernswerthes Geschöpf!“
Paula wandte sich hastig vom Spiegel ab.
„Jas, warum sprichst Du kein Wort?“ rief sie.„Ich habe es schon wiederholt bemerkt, daß, sobald die Rede auf Fräulein Josepha kommt—“
Der quecksilberartige, lustige Ozymski brach in ein lautes Gelächter aus.„Das ist eine lange Geschichte, mein Fräulein.“
„Ludwig, ich bitte Dich,“ begann Mirewicz, sichtbar betreten.
Aber Paula drohte ihrem Vetter schelmisch mit dem Finger und bat Ozymski, er möge nur erzählen. Ozymski fühlte sich durch diese Bitte nicht wenig geschmeichelt und begann vergnügt zu erzählen, wie Mirewicz vor einem Jahre aus Langeweile und in seinem Streben nach Höherem sich an Josepha angeschlossen habe. Stundenlang hätten sie sich unterhalten und zusammen gelesen, und es wären ihm auf diese Weise recht angenehme Stunden bereitet worden. Schließlich bat Mirewicz Fräulein Josepha, mit ihm eine Promenade durch die Stadt zu machen. Das geschab jetzt täglich, bis er auf einem Spaziergange sich hinreißen ließ, ihr seine Gefühle zu entdecken. Zuerst lachte sie wie das reinste Kind, dann wurde sie zornig, fing an zu weinen und ersuchte ihn, sie augenblicklich zu verlassen, da sie keinen Schritt weit mehr mit ihm gehen wollte.
Paula's Augen leuchteten zornig auf.
„Jas, wie konntest Du Dich mit solch' einem kalten und einfältigen Mädchen befassen!“ rief sie aus.
Ozymski trat für den Freund ein.„Mein Fräulein, nur aus Langeweile und in dem Streben nach etwas Höherem.“
Der Zorn Paula's verwandelte sich in Mitleid. Sie trat auf Johann zu und glättete ihm die Haare mit ihren Händchen.
„Mein armer Jas, wie bist Du doch so verkannt und un— verstanden! Das Mädchen hätte ja sterben müssen vor Freude, daß ein Mann, wie Du, in Liebe zu ihm entbrannte! O die dumme Gans!“
Mirewicz erhob sich, er sah mißvergnügt und unzufrieden aus, doch die letzten Worte Paula's besänftigten ihn wieder.
„Nun ist's aber genug!“ sagte er.„Du weißt recht gut,
werde. Jetzt, wo ich den Werth eines großen Weibes kennen und schätzen gelernt habe, ist mir eine solche Erinnerung doppelt schmerzlich.“
Er nahm Paula's Hand und küßte sie innig. Ozymski senkte die Augen, seufzte und wurde traurig.
„Was ist Ihnen denn zugestoßen?“ rief Paula lachend, indem sie ihm eine Hand an die Lippen drückte.„Küssen Sie nur, mein Herr! Wir drei sind Freunde, nicht wahr, Jas?“
Der junge Mann ergriff die ihm dargebotene Hand und be⸗ deckte dieselbe mit feurigen Küssen. Aber plötzlich erbleichte er, als durchzuckte ihn ein schmerzlicher Gedanke, er ließ die Hand fallen und zog sich nachdenklich und traurig in eine Fensternische zurück.
„Wir wollen lesen!“ sagte Paula. 8
„Nein, es beginnt schon die Dämmerung,“ entgegnete Mirewicz, „und wir können später bei der Lampe lesen. Jetzt spiele uns etwas vor!“
Gehorsam setzte sie sich an das Pianino und fing an zu spielen. Auch im Spiel schien sie eine Meisterin zu sein; man hörte aus den Klängen, welche sie den Tasten entlockte, Innigkeit und Leidenschaftlichkeit heraus. Zum ersten Mal ertönten in der Wohnung des Herrn Mirewicz die Klänge der Musik. Auch Anna vernahm dieselben; sie saß auf dem Sopha in dem dunklen Eßzimmer und hielt ihr schlafendes Töchterlein auf dem Schooße. Auf die von Träumen umwobene Stirn des Kindes fielen heiße, bittere Thränen.
„Was ist das, Mamachen?“ ließ sich das sanfte Stimmchen.
des Kindes vernehmen, welches sein Köpfchen von der Mutter Brust aufhob.„Du weinst, Mamachen?“ 5 „Nein, mein Kindchen, nein!“ „Und was ist das, Mamachen?“
Die Kleine strich mit ihren Händen über das Antlitz dern
Mutter und verwischte die Thränen.„Was ist das, Mamachen,“ wiederholte sie,„was ist das?“ 1 Frau Anna neigte ihren Kopf tief zu ihrem Kinde herab und flüsterte leise:„Mein Kind, in der Dämmerstunde, wenn aus der Ferne die Musik herübertönt, dann kommt der Engel der Trauer angeflogen, und aus seinen Flügeln fallen die Tropfen.“ Paula hörte auf zu spielen. Ozymski verließ die Fenster⸗ nische und zündete die Lampe an. f „Du hast den Zauber gebrochen,“ flüsterte Mirewich unwillig. „Ich that es mit Absicht,“ antwortete Ozymski. f Auch von der Seite her, wo das Instrument stand, vernahm man heftiges Schluchzen. pult gestützt und weinte. Beide Herren eilten auf sie zu.
„Was ist das? Was fehlt Ihnen? Was ist geschehen, meine Theuerste?“
Sie stand langsam auf; ihr Gesicht war von Thränen über⸗ strömt.
„Die Musik ergreift mich immer sehr. Ich habe ja so Vieles erduldet, gelitten, verloren.“
Ihre Brust hob sich krampfhaft, und ihre Lippen bebten. Mirewicz ergriff ihre eine Hand, Ozymski die andere, dieselbe herzlich drückend. Sie beugten sich über Paula und führten sie zum Sopba. Sie warf sich in einen Sessel, drückte ihr Taschen⸗ tuch vor die Augen und schluchzte still vor sich hin.
„O meine arme Regina Viktorig!“ schluchzte sie.
„Wer ist diese Regina Viktoria?“ fragte leise hinter ihrem Rücken Ludwig seinen Freund.
„Still, sie wird es Dir selbst erzählen. Paula, Theuerste, beruhige Dich, fasse Dich, sei ein Mensch! Du hast jetzt einen Freund neben Dir, der, wenn es sein muß, für Dich durch's Höllenfeuer geht.“
„Beruhigen Sie sich, mein Fräulein! Denken Sie an Ihre moralische Kraft und an Ihr hohes Ziel! Sie befinden sich augenblicklich unter denjenigen, welche Sie verehren, wie— eine Gottheit.“
Sie entfernte das Tuch von ihren Augen und beschenkte einen jeden mit einem dankbaren Blick.
„Es kommen manchmal solche Augenblicke,“ flüsterte sie.
„O gewiß, ich verstehe das recht gut!“
Paula hatte den Kopf auf das Noten⸗
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4 Ludwig, daß ich an diese dumme Geschichte nicht gern erinnert„Ich ebenfalls, aber man darf sich ihnen nicht hingeben.“ 1 .—————— rr—-»„—»—-——¾0—————̃—̃ f-—2—— 4 1


