gestreift,
zu den
Ouherhessischen Muchrichten.
Aer. aus 5 e—* wird hake— 1
Gießen,. 28.„Oktober.
eien ehen,
Erzählung von Eliza Orzeszko.
Deutsch von Johanna Ruhe.“
Fortsetzung.)
In Paula's Gemach herrschten unterdessen Frohsinn und Heiterkeit. Die beiden Herren hatten schnell ihren Unmuth ab— nachdem sie kaum die Schwelle des Boudoirs über— schritten, und in ihren Blicken spiegelte sich große Zufriedenheit.
„Nun, Ludwig, sagte ich es Dir nicht?“ fragte Mirewicz lächelnd seinen Bekannten.
„Aber das ist ja in der That ein wahres Paradies!“ rief Ludwig aus. Und freundlich zu Paula sich wendend, welche auf einem niedrigen Divan saß, fuhr er fort:„Sie sind ja wahrhaftig eine Zauberin! Ich hätte niemals geglaubt, daß sich A Träume jemals derart verwirklichen könnten, nicht wahr, Jas 11
Nur vom Hörensagen und aus den Büchern kannten diese beiden Männer die Genüsse der Welt, und dennoch träumten sie von denselben. Mirewicz träumte von ihnen, wenn er miß— muthig durch die schmutzigen Straßen des kleinen Städtchens schlenderte, oder wenn er zu Hause über seine Arbeit gebeugt saß, und Ludwig Ozymski träumte von ihnen, wenn er in der Gerichtskanzlei in den staubigen Akten herumstöberte, oder wenn er in einer einsamen Ecke in der Konditorei saß, die mit ihren verräucherten Wänden und ihrem zerrissenen Billard eher un— appetitlich, als einladend ausschaute. In den Träumen Ludwig Ozymski's spielte eine elegant eingerichtete Wohnung und darin ein heiteres, schönes Weib die Hauptrolle. Die Gedanken des Herrn Mirewicz waren fast ausschließlich auf Kunst und Wissen— schaft gerichtet, und die Sehnsucht nach einem Wesen, bei welchem derartige Schätze zu heben wären, nahm immer mehr überhand. Infolge eines zufälligen Gedankenaustausches entspann sich zwischen beiden Herren ein intimes Freundschaftsverhältniß. Da sich ihnen in dem Städtchen Ongrod nichts bot, als eine Partie Billard oder der Gesang einer wandernden Harfenistentruppe, so fühlten sie sich höchst unbehaglich. Das Billardspiel liebten sie nicht besonders und die Harfenisten waren ihnen ein Gräuel. So kam denn Mirewicz auf einen rettenden Gedanken, welchem er auch sofort Worte lieh, und sagte zu Ozymski:„Wir wollen fleißig zusammen lesen.“ Der junge Mann stimmte vergnügt bei, da er sehr gern las, aber es fehlte ihm das Geld, um sich Bücher kaufen zu können. Herr Mirewicz besaß dagegen eine große Bibliothek. So saßen denn die Beiden oft stundenlang im Arbeits— zimmer unseres Mirewicz, lasen laut vor, besprachen das Gelesene und zerbrachen sich auch wohl manchmal die Köpfe über Dinge, die ihnen etwas unverständlich vorkamen. Auf diese Weise ver— ging Beiden die Zeit recht angenehm. Aber schließlich fühlten sie sich doch wieder unzufrieden.
„Wenn wir doch nur Jemand in unserer Bekanntschaft hätten,
der mit uns dächte und fühlte, der uns ebenbürtig wäre und uns verstände!“ sagte Mirewicz.
„Wäre doch ein schönes, gebildetes Weib hier bei uns!“ seufzte Ozymski.
Und nun hatten sie Beide gefunden, wonach sie sich so heiß gesehnt— das erträumte Glück weilte in ihrer Mitte. Das Gemach war komfortabel eingerichtet, und das schöne Weib wußte sie Beide zu umstricken. So lagen die Dinge; Mirewicz erblickte in Paula die Verkörperung seiner Wünsche, sobald sie ihm nach ihrer Ankunft von ihren hohen Zielen sprach, Ozymski in dem— selben Augenblicke, da er diese Frau zum ersten Male sah. Er kam wie gewöhnlich zu der allabendlichen Lesestunde. Im Eß— zimmer traf er nur Anna, die das Abendbrod anrichtete.
„Ist Johann zu Hause?“ fragte er.
„O gewiß, ist er zu Hause, im Nebenzimmer mit seinem Gaste. Seine Kousine ist angekommen.“
„Ist sie jung, hübsch?“
„Jung, schön und sehr gebildet.“
„Oho, oho!“
Hastig legte er im Vorzimmer seinen Paletot ab und eilte in den kleinen Salon. Auf der Schwelle blieb er lauschend stehen; im Salon herrschte eine ungewöhnliche Stille. Niemand sprach oder flüsterte darin. Ueber das erregte, jugendfrische Gesicht des jungen Bureaubeamten huschte ein schelmisches Lächeln. Er räusperte sich vernehmlich und trat nach einigen Sekunden ein. Etwas verwirrt sprang Mirewiez vom Sopha auf, wo er neben seiner Kousine gesessen hatte, doch als er seinen Freund erblickte, begrüßte er ihn voll sichtlicher Freude.
„Paula, das ist Ludwig Ozymski, mein einziger Freund, mit dem ich meine Gedanken austausche und lerne, und hier, lieber Ludwig, siehst Du meine Kousine, Fräulein Paula Mirewicz!“
„Mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen,“ sagte sie.
„O mein Fräulein!“
Dieser Ausruf entschlüpfte dem jungen Mann, als er das schöne Weib mit den üppigen Schultern und den feinen Gesichts— zügen erblickte, die beim Lampenlichte wie Alabaster aussahen. Sein Erstaunen wuchs, als Mirewicz die Hand seiner Kousine ergriff und sprach:„Ich stelle Dir hier einen zukünftigen Doktor der Medizin vor, Ludwig. Paula befindet sich nur auf der Durchreise, sie fährt nach Zürich, um auf der dortigen Universität Medizin zu studiren.
Ludwig war außer sich— so unerwartet war diese Frau, die Verkörperung all' ihrer Ideen und Wünsche, vor ihnen auf— getaucht.


