Ausgabe 
28.10.1888
 
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Ja, versichert das Kind lebhaft, welches fich erstaunlich still während dieser aufgeregten Szene verhalten,Papa soll hier bleiben, Mama kann sich ja amüsiren!

Aber ihr Vater bleibt nicht. Er folgt nur insoweit des wohl⸗ wollenden Arztes Mahnung, daß er nicht gleich fortstürmt; aber nach einer Viertelstunde, welche er in Gesellschaft des ärztlichen Hausfreundes auf seinem Zimmer zugebracht, höre ich ihn mit diesem das Haus verlassen. Ich habe versprochen, bei dem Kinde so lange zu bleiben, bis seine Eltern zurückkehren aber Stunde auf Stunde verrinnt sie kommen nicht. Die Kleine ist ein⸗ geschlafen und auch ich bin etwas eingenickt. Plötzlich fahre ich zusammen und richte mich hastig empor. Das leise Oeffnen der Thüre muß mich geweckt haben. Ich sehe nach ihr hin, richtig, ihr Vater ist eingetreten. Er sieht entsetzlich bleich aus. In seinem dunklen Bart hängen noch die Schneeflocken. Sein Stirn⸗

Ich springe erschreckt empor, fahre in mein Morgenkleid und frage, wer draußen ist?

Ich bin es, Marie, antwortet die Stimme der Bonne,ich muß Sie sprechen.

Sofort! Ich ordne hastig meinen Anzug und schiebe den Riegel zurück.

Das Kind ist doch nicht kränker geworden? frage ich be⸗ unruhigt, als sie eintritt.

Nein, aber ich möchte doch die Verantwortung nicht allein übernehmen. Der gnädige Herr hat sich den ganzen Morgen in sein Zimmer eingeschlossen und die gnädige Frau ist gestern Abend garnicht nach Hause gekommen!

Garnicht nach Hause gekommen, mein Gott und weshalb?

Das ist es ja eben, was Keiner von uns weiß. Wir können nur vermuthen, daß die Geschichte mit dem Assessor dahinter steckt. Toll genug haben es diese Beiden ge⸗

haar ist feucht, nicht von der Nässe l draußen, sondern U

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von der furchtbaren Erregung, welche aus seinem Ge sichte, aus seiner ganzen Haltung spricht.

Sie waren ein⸗ geschlafen, sagt er mit leiser un⸗ natürlich rauher Stimme.Es thut mir leid, daß ich Sie geweckt habe. Ich möchte aber jetzt den Platz ne⸗ ben Elly einneh men. Ihnen scheint Ruhe nothwendig zu sein.

Ihre Frau Ge mahlin ist zurück?

Nein! Er sagt dieses eine Wort mit einem Tone, der mich erbeben läßt und jeden Muth zu einer weiteren Frage be nimmt.

trieben, na, ich denke, Sie müssen darüber auch ein Lied zu singen ha⸗ ben, es war ja gar kein Geheim niß mehr, daß sie sich bei Ihnen immer ein Stell⸗ dichein gaben; die Singstunden wa⸗ ren ja dem Assessor doch nur ein Vor⸗ wand, um mit der Gnädigen unge nirt zusammen zu kommen.

Ich war keiner Antwort fähig, der Gedanke, daß man mir, vor allem daß er mir zur Vast legen könnte, daß ich jenes uner⸗ laubte Verhältniß

* protegirt, machte N mich wort⸗ und

2* fassungslos. . 1 0Mein Gott,

Fräulein, wie sehen

Ich will wort⸗ los das Zimmer verlassen. f

Ich danke Ihnen, Margueritte, Fräulein Manfred! hält er mich zurück und reicht mir seine eisig kalte Hand. Margueritte hat er mich genannt. Wie mein Herz bei dieser Anrede klopft, wie ein Heimathsgruß aus weiter Ferne ergreift er mich und treibt mir Thränen in die Augen.

Er sieht es.Ich danke Ihnen, wiederholt er,es ist un verzeihlich, daß wir Ihre Kräste so ausnutzen!

O, ich bleibe ja so gerne bei dem Kinde, versichere ich, indem die verrätherischen Thränen über meine Wangen rollen.

Sie bleiben so gerne, wiederholt er,und die Mutter! er bricht jah ab.Gute Nacht, Margueritte, Gott segne Sie für die Liebe, welche Sie meinem armen Kinde erweisen tausend tausendmal! und er führt meine zitternde Hand an seine kalten Lippen.

Ich bin wieder in meinem einsamen Zimmer. Ich liege dort weinend, überwältigt von seinem Segen, der wie der Segen eines Sterbenden klang, auf meinen Knieen. O, Gott, was wird das Ende, das Ende von all' dem Jammer da unten sein, was ist vorgefallen, weshalb ist sie mit ihm nicht zurückgekehrt?

Ich lege mich nieder, aber ich kann nicht schlafen, erst gegen Morgen finde ich etwas Ruhe. Da klopft man an die Thüre.

Spielgefährten. Nach dem Gemälde von B. Piglheim.

Sie denn aus! Sie nehmen sich diese Sache zu sehr zu Herzen. Sie fürchten gewiß, daß der gnädige Herr denkt, Sie hätten in dieser den Beiden Vorschub geleistet. Mein Gott, was sollten Sie denn machen, wenn sie sich oben bei Ihnen treffen wollten, er hatte ja so gut Augen wie wir und konnte es seh n, daß zwischen Beiden nicht alles richtig war. Doch ich schwatze und unten ruft am Ende das Kind nach mir. Ich will nur geh'n, aber nicht wahr, Sie kommen mir bald nach, damit wir die Kleine ruhig halten; sonst kommt noch ein Unglück zum andern. Gott sei Dank, sie ist fort. Meine Hände zittern, ich kann kaum mein Haar ordnen. Jedes Wort war ein Gifttropfen für mich. Wenn solche Leute so urtheilen, wie wird da das Urtheil der Gesellschaft, sein Urtheil über die Rolle sein, welche ich in dieser Skandalgeschichte gespielt? Doch kann ich wirklich jetzt an dieses denken, meine Befürchtung in den Vordergrund bringen! Was ist sie im Vergleich zu dem, was er leiden muß. O, Gott, welchen Ausgang wird diese Sache nehmen? g In fliegender Hast mache ich Toilette. Es ist mir unmöglich etwas zu genießen, ich stürze nur eine Tasse Thee herunter, um mich zu erwärmen und beeile mich hinunter zu kommen. e Besorgniß, wie viel oder wie wenig man mich selbst in diese un⸗ glückselige Sache mit hinein zieht, ist verschwunden, ich weiß nur, daß er gerade jetzt Jemand im Hause, bei seinem Kinde haben muß, welcher sein Interesse vertritt, alles müßige Geschwätz dem