Ausgabe 
27.5.1888
 
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zu den

Ouherhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. 22.

Gießen, den 27. Mai.

1888.

Am andern Tage rief Jella mit überströmendem Gefühle: Mutter, und zwei Arme schlangen sich zärtlich um sie und die Stimme ihrer jungen Stiefmutter flüsterte ihr schmeichelnd be⸗ ruhigend zu:Ich liebe Dich, meine Jella, und bin nur froh, daß ich Dich wieder habe.

Davon erzählte sie nichts, daß Präsident Wellner in großer Angst und daß sie gegen dessen Willen abgereist sei.Du wirst Unheil über mich bringen, hatte er gerufen;diese Schwelle übertritt Jella nicht mehr. Bringe sie zu ihrer Tante nach Kroatien.

Ich weiß Alles, beschwichtigte Frau Edith Jella's Auf- regung, die laut an ihrem Halse weinte und ihr Erklärungen geben wollte.Warum habt Ihr kein Vertrauen in mich gesetzt, Du wärest heute nicht so trostlos, meine liebe arme Jella. Nie und nimmer wäre Dein großmüthiger Entschluß ausgeführt wor⸗ den. Das ganze Unglück kommt wieder von Deines Vaters Schwäche, für einen Mann in den besten Jahren gelten zu wollen. Ihr fröhliches Lachen erscholl in den Räumen, die keine Fröhlichkeit kannten.Nun wollen wir Deine Sachen packen, ich kann es ja kaum abwarten, bis mein Liebling wieder zu Hause ist.

Meine Mutter! sagte Jella mit einem unbeschreiblichen Ausdruck und küßte inbrünstig Edith's Hände.Was wird man in der kleinen Stadt sagen, als was komme ich zurück? rief

sie schmerzerfüllt.

Nun, man soll die Wahrheit kennen, Du kommst als meine Tochter zurück, rief sie und schlang den Arm um Jella und zog sie auf den Balkon.

Sie kommen schon von ihrem Ausflug zurück! rief Jella erbleichend.

Brunner stand unten an der großen Treppe, die zum Hotel hinaufführte, Miß Minny hing an seinem Arm, die beiden Schwestern folgten mit ihrem Vater. Brunner drückte das Pince nez auf die Nase und sah mit herausforderndem Blick hinauf.

Edith erbleichte.Wer ist der Herr da unten? fragte sie verwirrt. 8

Er, er! und ich kann und mag ihn doch nicht mehr sehen! rief Jella und eilte in ihr Schlafzimmer.

Graf Josika, murmelte Edith und zog sich bebend in den Salon zurück.

Brunner trat, die Reitgerte schwingend, in den Salon und stand vor der Frau, die mühsam nach Fassung rang.

Sie hier, Fräulein von Bessow? fragte er, sichtbar un⸗

angenehm überrascht.

Nicht mehr Fräulein von Bessow, mein Herr Graf Josika,

i Ein dunkler Schatten.

Novelle von M. Elton. (Fortsetzung.)

oder Baron Brunner, oder wie Sie immer heißen mögen, sondern Frau Präsident Wellner, die gekommen ist, ihre Tochter Jella der unwürdigen Behandlung eines elenden Menschen zu entreißen.

Er lachte laut auf:Sehr erfreut, Sie in so naher ver⸗ wandtschaftlicher Beziehung zu mir zu sehen, gnädige Frau. Ver⸗ fügen Sie nur über diese Zimmer, ich reise schon morgen mit der Familie Brimway nach Amerika ab. Er verneigte sich höf lich und verließ das Zimmer.

Du bist so bleich, Mutter, sagte Jella, als Edith schweig sam den Koffer packte;die Reise war so weit und die Hitze so groß, willst Du Dich nicht zur Ruhe begeben?

Du hast Recht, ich fühle mich sehr müde, gute Nacht, ge liebtes Kind. Mußte das Geschick mir auch die letzte der Illusionen zertreten? flüsterte ihr bebender Mund.

VIII.

Ich habe in letzter Nacht von ihm geträumt, sein bleiches Gesicht, das mich sonst so drohend anblickte, sah mich mild und gütig an; er hat mir verziehen, Mutter, ich weiß es nun ganz gewiß. i Luise von Horax barg das blasse, edle Angesicht im Schooße der Mutter ihres verstorbenen Bräutigams.

Frau von Rolfs' Hände ruhten auf den blonden Flechten des unglücklichen Mädchens und mit tiefem Mitleid sah sie auf die schwache Gestalt zu ihren Füßen. Ihr Auge schweifte dann durch das schmale Fenster des Thurmzimmers, üppige, blühende Fluren lachten ihr zu, eine herrliche, reiche Ernte breitete ihren Segen vor ihr aus. In den der Erinnerung ihres Sohnes geweihten Blick mischte sich das Gefühl warmen Dankes gegen den, der dem Charfreitag den Ostertag folgen läßt.

Curt von Rolfs trat ins Thurmzimmer. Die letzten vier Jahre hatten ihn kaum verändert, sein Gesicht zeigte nur eine dunklere Färbung und sein Blick einen zuversichtlicheren Aus⸗ druck. Seine Stimme klang frisch und innig, als er den beiden Damen zurief:

Soll ich anspannen lassen oder fühlt Ihr Euch kräftig genug, einen Spaziergang durch die Kornfelder zu machen? Das ist ja meines Mütterchens höchste Wonne, sich zwischen den dichten, wogenden Aehren zu ergehen. Morgen fangen wir an, die Frucht zu schneiden.

Eilig erhebt sich die Baronin, in ihrem gealterten Gesicht ist deutlich Genugthuung, heiterer, stiller Friede zu lesen.