Ausgabe 
27.5.1888
 
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170.

Ich bin so müde, sagt Luise und erhebt das schmale bleiche Angesicht zu Curt.

Ich führe Sie, Luise, und die Mutter recht langsam und vorsichtig, bat Curt.

Versuche es, meine Tochter, es wird Dir wohlthun, redete ihr die Baronin zu.

Als sie langsam durch die Roggenbreiten dahinwandelten und die rothen und blauen Kornblumen sich zeigten, als ob sie sich nur zum Willkomm einer alten Frau und eines kranken Mädchens in so bunter Menge hierher begeben hätten, da durchzuckte Curt eine plötzliche Erinnerung an den rothen Mohn, den er einst dem geliebten Mädchen gepflückt und den sie in die tiefschwarzen Locken gesteckt. Er sah sie deutlich vor sich mit ihren weichen, elastischen Bewegungen und dem räthselhaften Blick, der ihm so tief in die Seele gegangen. Sein treues, heiteres Auge trübte sich einen Augenblicknach den Sternen soll der Sterbliche nicht greifen, sprach es ohne Bitterkeit in seinem Innern, aber immer noch mit einem traurigen Nachhall. Nach seines Bruders Tode war ihm der einzige Trost genommen, seine Mutter der Trostlosigkeit von Mutzdorf zu entreißen und ihr als Rechtsanwalt ein zwar einfaches, aber doch wenigstens sorgenfreies Leben zu bieten. Nun stand er an dem Platz, der seinem Bruder als ein unhaltbarer erschienen war. Seine Mutter schwebte Monate lang in Lebensgefahr, der Haupt gläubiger erschien wiederholt und drohte; Curt war nahe daran, die fatale Erbschaft, an der nur Trostlosigkeit und Verzweiflung klebte, preiszugeben, als er, nachdem er vergeblich versucht hatte, Geld zu bekommen, an einen sehr begüterten Universitätsfreund dachte, der vor Jahren, noch bei Lebzeiten des alten Barons von Rolfs, einmal die Ferien in Mutzdorf zugebracht hatte. Curt schrieb nach einem harten Kampfe an diesen und schilderte ihm die Lage der Dinge, wie sie war. Bürgschaft könne er ihm keine andere bieten, als seinen auf richtigen, festen Willen, ihm gerecht zu werden, wenn er Ver trauen zu ihm haben wolle. Die Antwort kam prompt, und sie war gut.Wenn Du einige tausend Thaler brauchen kannst, alter Junge, schrieb der Freund,ich leihe sie Dir gern auf Dein ehrliches Gesicht hin. Curt lebte auf, das Darlehen wurde der Haken, der den Ertrinkenden rettete. Es kam neuer Muth und eine unverdrossene Schaffenskraft über ihn, er verbesserte, er wagte mit dem geringen Zuschuß, und Alles gerieth ihm über Erwarten. Seine Mutter lebte unter dem gedeihlichen Schaffen in Mutzdorf auf, unter der treuen Sorge des besten Sohnes wich nach und nach der Gram aus ihren Zügen und sie sah mit verklärtem Blick, wie dem Verfall des Schlosses mit starker Hand Einhalt gethan wurde, wie die umliegenden Fluren üppig aufblühten. Vielleicht war Curt in dem eifrigen Wuns sche, bald die Früchte des Besserwerdens zu sehen, mit den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln doch zu weit gegangen, denn sein umsichtiges Auge sah schon wieder neue Verlegenheiten sich aufthürmen. Da kam die Nachricht, daß der Bruderssohn der Baronin durch einen Sturz vom Pferde verunglückt und der betagte Vater bei der Trauernachricht eines plötzlichen Todes gestorben sei. Curt von Rolfs war der Erbe.

Der schnelle Umschwung seiner Verhältnisse übte Anfangs einen recht peinlichen Einfluß auf ihn aus, er fühlte sich wie erdrückt unter dem Gut, das ihm durch das Ableben der Ver wandten, die sichden armen Rolfs gegenüber immer in wohl berechnetem Abstand gehalten, so unerwartet zugefallen war. Als er sich aber an den Gedanken gewöhnt, da griff Curt muthig in das, was nun sein eigen war. Mutzdorf's verfallene Thürme erhoben sich stolz und frei in die Wolken, blühende Felder erstanden aus langjährigem Siechthum. In den Schloßhof fuhren wieder glänzende Equipagen, die Familien der Nachbar schaft erinnerten sich allmählich wieder, daß die Baronin von Rolfs noch lebe und daß sie, wie man allgemein höre, einen charmanten Sohn habe. Es war kaum möglich, sich ganz der wetteifernden Aufmerksamkeit der liebenswürdigen Nachbarschaft zu entziehen. Die Baronin ließ sich in ihrer Herzensgüte hier und da durch das Uebermaß von Zuvorkommenheit gewinnen und Curt wunderte sich über den naiven Glauben seiner Mutter; er selbst blieb zurückhaltend; einen intimen Umgang mit Den⸗

einige Zeilen von fremder Hand, daß sie unglücklich ist und der

jenigen, die sich bisher nicht um ihn gekümmert hatten, wünst er nicht. 68 schmeichelte der Baronin, daß man ihr so viel Artig keiten über ihren Sohn sagte. Nach jedem Besuch erzählte Curt eifrig, daß man ihr diese oder jene glänzende Verbindun für ihn vorgeschlagen und ihre Augen hingen mit stolzer Genug thuung an den theuren Zügen, in denen sich ein gutmüthiges Lächeln zeigte. 1 Was sagst Du dazu, mein Sohn? fragte sie mit große Juteresse. Daß wir Beide ja ganz zufrieden in Mutzdorf sind, an wortete er ruhig. e Frau von Rolfs schien mit der Antwort nicht recht zufrieden zu sein.Du bist der letzte der Rolfs, sagte sie zögernd. Freilich, freilich, das giebt der Nachbarschaft zu de die Sache wäre zu überlegen, antwortete er mit leiser Ironie. Curt zeichnete keins der jungen, blühenden Mädchen. aus, die so häufig nach Mutzdorf kamen, um mit der lieben Frau Baronin ein Stündchen zu verplaudern; nur die unglückliche Braut seines Bruders war ihm der tiefen Trauer wegen, in der sie ihre Tage verlebte, lieb und werth geworden. Sie kam fast täglich nach Mutzdorf, und wenn auch Curt aus Rücksicht auf die Mutter gewünscht hätte, daß Luise in ihrer Selbst⸗ anklage nicht immer nur dem einen Gedanken an Franz Raum gebe, so rührte ihn doch die tiefe Liebe des armen Mädchens sehr. Sie sollten ganz zu uns nach Mutzdorf kommen, Luise, sagte Curt, als sie die Kornfelder verließen und wieder dem Schlosse zugingen. Sie schaute mit einem dankbaren Blick zu ihm auf. Curt, sagte sie und drückte ihm die Hand,fsiehst 98 Wald, in dem sich hier und da schon ein einzelnes Blatt 10 5 färbt? Wenn er in dunklem Roth erglüht, dann gehe auch ih in den Frieden ein; laßt mich neben Franz ruhen. 9 Abends saß Curt bei seiner Mutter im Thurmzimmer. Der Postbote kam und lieferte der Baronin verschiedene Einladungen 5 ab, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Curt durch⸗ las zuerst die Geschäftsbriefe, einen anderen mit einer auslän- dischen Marke versehenen Brief nahm er zuletzt. Er las und begriff die wenigen Worte nicht sogleich. Als er sich langsam mit der Hand über die Stirne fuhr und dann wieder starr in das Schreiben schaute, erschrak seine Mutter über den raue Wechsel der Farbe seines Gesichts. g Eine schlechte Nachricht, Curt? fragte sie besorgt. Er schüttelte langsam den Kopf.Nur die Erinnerung an ein Märchen aus alten Zeiten, antwortete er bewegt und w ließ hastig das Zimmer. Einige Zeit nachher ging die Baronin unruhig nach ihres 8 r Zimmer; sie fand ihn aber nicht. 1 Der Herr Baron ist nach dem Park gegangen, berichtete ein Diener.* Frau von Rolfs schüttelte den Kopf.Was konnte die gleich⸗ mäßige, heitere Ruhe ihres Sohnes so tief erschüttern? Sie sah, wie er spät im Mondschein mit tiefgesenktem Haupte durch den Garten dem Schloß zuging, und sie betete für ihn. Curt kam zu ihr, er drückte ihre kalten Hände und% innig:Es ist spät, Mütterchen; aber ich weiß, Du f kein Auge, wenn ich Dich nicht vorher beruhige. Er setzle sich zu ihr am hohen offenen Fenster, sein Blick, seine Stimme waren von sonderbarer Weichheit.Ich liebte einmal ein Mädchen, begann er,sie war gut und schön; ihrer Gegen⸗ liebe glaubte ich gewiß zu sein. Da trat ein Fall ein, den 2 heute noch nicht begreife ein Anderer kam plötzlich und 5 sie mir weg. Das alles geschah auf eine so unerklärliche daß ich nicht im Stande war, dem geliebten Mädchen Haß 2 50 Groll nachzutragen; ich trauerte um sie, aber ich klagte sie der Falschheit an. Darüber sind vier Jahre vergangen, ich! nichts mehr von ihr gehört. Heute Abend benachrichtigen

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Hilfe bedarf. Curt stand rasch auf, und nachdem er seiner Mutter Brief in die Hand gedrückt, verließ er das Zimmer. Der Baronin unruhige Blicke überflogen das Papier. Eine Dame, der Sie einmal Ihr Interesse zuwend