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„Ist des Mädchens Krankheit ansteckend?“ rief sie dem in den Salon eintretenden Arzte zu.
„ Aengstigen Sie sich nicht, Frau Marquise, nur ein kleines Fieber; zu Ihrer Beruhigung aber schicken Sie das Mädchen heute noch in's Hotel Dieu,“ sagte der Arzt.
Eine Stunde darnach war Miquette im Krankenhaus.
Der Winter war von nun an Madame de Bonct verleidet. Sie war überzeugt, daß ihrer Schönheit ein bemerkenswerther Schaden zugefügt worden, seit die tölpelhaften Hände von Miquette's Nachfolgerin sie berührten. Mit dem quälenden Be—⸗ wußtsein, daß ihre Coiffüre, kurz, Alles verpfuscht sei, begab sie sich in die Gesellschaften, mißtrauisch beobachtete sie jeden Blick, zerlegte sie jedes Wort,— ihre superbe klassische Ruhe war dahin. Im schnellen Wechsel folgten sich die Zofen, glücklich, dem unmöglichen Amt entronnen zu sein.
„Wann, Doktor, kann das Mädchen wieder bei mir eintreten,“ fragte die Marquise, ganz krank durch die Mißhandlung der Zofenhände.
Der Doktor schüttelte den Kopf:„das Mädchen ist schwind— süchtig und hat nur noch bis zum Frühjahr zu leben,“ antwortete er.
Madame de Bonat fuhr vor Entsetzen auf:„Miquette hat in meinem Zimmer geschlafen und war so häufig in meiner unmittelbaren Nähe,— mein Gott, diese abscheuliche Krankheit!“
Sie haben garnichts zu fürchten, Frau Marquise,“ versetzte der Arzt und warf einen bewundernden Blick auf die hoch— gewölbte Büste der schönen Frau,„derlei schleichendes Gewürm nistet sich nicht bei Ihnen ein.“
Trotzdem verfiel Madame de Bonat einige Tage lang in Melancholie. Der Herzog von Beaufort hatte weniger Chancen wie je, der Nachfolger des Marquis de Bonat zu werden. Die Marquise begab sich für eine Woche auf ihr Schloß in der Auvergne, um einen neuen Gärtner einzusetzen, Miquette's Vater war auf der Reise nach Paris gestorben, als er seine Tochter im Höôtel Dieu besuchen wollte. Die Dame ging ohne Zofe, sie war es müde, es weiter in Paris mit den von ihren Be— kannten Bestempfohlenen zu versuchen. Die Köchin, die Be⸗ dienung des Schlosses, schrie es in der ganzen Gegend aus, daß die Frau Marquise ohne Kammermädchen sei, und es präsentirte sich ein Mädchen, das wohl etwas ungelenk aussah, aber dabei recht kräftig, so daß der Marquise mißtrauischer Blick wenigstens aus dem frischen rothen Gesicht in dem sauber garnirten weißen Häubchen keine Anlagen zur Schwindsucht herauszulesen ver⸗ mochte. Wohl betrachtete sie seufzend die Hände, die doppelt so groß waren, wie die Miquette's— die arme Frau hatte in den letzten Wochen so viel erfahren, sie konnte es auch noch mit dieser probiren. Wider alles Erwarten ließ sich das Mädchen geschickt an, die stattlichen Hände waren überaus flink und schon nach einigen Tagen füllte die neue Zofe glänzend Miquette's Stelle aus. Die Marquise hatte das Gleichgewicht ihrer Seele wieder gefunden. Glücklich kehrte sie nach Paris zurück. Der Herzog von Beaufort wurde mit dem graziösesten Lächeln begrüßt und die Heirath alsobald nach der Rückkehr auf das Land in Aussicht gestellt. Die Marquise pries ihr Kammermädchen überall als eine Perle, die Zofe verdiente dies Lob, sie war das Muster aller Zofen.
Der Frühling war da, die Abreise nach der Auvergne stand bevor. Die Marquise gab noch eine glänzende Soiree, während welcher sie die Glückwunsche zu ihrer bevorstehenden Heirath in Empfang nahm. Während dem Souper hatte ein Diener die Ungeschicklichkeit, sie zu benachrichtigen, daß ein Herr von der Polizei sie dringend zu sprechen wünsche. Die Marquise warf dem Menschen einen vernichtenden Blicke zu, sodaß er augen— blicklich verschwand.
Nach einigen Minuten erschien in der Thür des Speisesaales ein Polizist und rief mit lauter Stimme in den Saal hinein: „Einen Augenblick, Frau Marquise, es ist von der dringendsten Wichtigkeit.“
Madame de Bongt erbleichte in dem Gefühl ihrer gekränkten Würde, der Herzog de Beaufort erhob sich rasch und entfernte etwas unsanft den Polizeimann aus der Thür; die Marquise folgte hochaufgerichtet. Der in seiner amtlichen Würde beleidigte Mann wendete sich zur Dame des Hauses und sagte laut genug, so daß es die der Thüre Zunächstsitzenden hören konnten:„Frau
Marquise, wir sind seit vier Monaten auf der Suche nach dem aus dem Bagno in Toulon entsprungenen Galeerensträfling Paul Benoit, wir sind sicher, ihn in der Person Ihres Kammer— mädchens entdeckt zu haben.“
Mit einem lauten Schrei stürzte Madame de Bonat zu—
Boden. Während man sich mit der Ohnmächtigen beschäftigte, zerstreute sich die Gesellschaft in ängstlicher Flucht.
„Das war der Zofe Rache,“ schloß de Preuil;„ob das Mädchen das prompte Gelingen noch durchkostet hat, vermag ich nicht zu sagen; jedenfalls wäre ihr aber der Genuß durch die Festnahme ihres Geliebten getrübt worden, wenn sie es erlebt hätte.“
Das Gesicht des Vicomte zeigte den Ausdruck totaler Ent⸗ täuschung:„Das ist ein lächerlicher Schluß der glanzvollen Lauf— bahn der Marquise de Bonat,“ sagte er kopfschuttelnd.
„Arme Frau,“ murmelte de Preuil und warf den Rest seiner Cigarre hinweg.
W.
Der Vicomte wunderte sich darüber, sich immer wieder in der Ausmalung der Art und Weise, wie ihn Mademoiselle Jeanne empfangen werde, zu ertappen. Paris sagte ihm nicht so recht zu, er hatte sich die letzten vierzehn Tage seiner Freiheit anders gedacht. Nun fing er sogar an, die Tage bis zu seiner Abreise zu zählen und ungeduldig zu werden, daß sie so schleichend vorübergingen. Das Kapitel der endlichen Heirath, als einer Nothwendigkeit, war so oft in dem Kreise der mehr oder weniger blasirten Jugend behandelt worden, daß d'Ormont sich nicht mehr begriff und verstand, als er sich von einem ganz unleugbar jugendlichen Gefühle für das allerliebste Gesichtchen und die lachenden braunen Augen seiner Verlobten gepackt fühlte. Das Herz klopfte ihm so jugendlich in seiner Brust, als wäre Paris ihm eine terra incognita. Hastig fuhr sein Kopf an das Fenster des Wagens, als er in Lillebonne angekommen war und ent⸗ täuscht stieg er aus; seine Verlobte war nicht gekommen, ihn zu begrüßen, da stand nur Cousin Robert und wartete auf ihn. Ein lebhafter Verdruß bemächtigte sich seiner. Wollte ihm denn die alte Gräfin den Spaß bis zum letzten Augenblick verderben, daß sie ihren vielgeliebten Enkelsohn hartnäckig an Jeanne's Seite festhielt. Wie aber Robert de Gatonniere ihm das offene gutherzige Gesicht mit dem freundlichsten Willkommen zuwendete, da war auch schon sein Verdruß verschwunden. Alle Befangenheit schwand bald dem liebenswürdigen Menschen gegenüber, dem es garnicht einfiel, sich gekränkt zu fühlen.
Jeanne erschien auf der großen Freitreppe, als der Wagen am Schloß vorfuhr. d'Ormont hätte beinahe die junge Dame im schweren Seidenstoffe mit der endlosen Schleppe nicht erkannt, so pompös sah die jugendliche Braut, die er nur im hellen leichten Kleidchen zu sehen gewöhnt war, aus. Ihr stolz er⸗ hobenes Köpfchen deutete an, daß sie nun für immer mit der Kleinen abgerechnet haben wollte. Da aber zog sich ein liebliches Erröthen über ihr Gesicht, das zur dunklen Gluth wurde, als der Vicomte, noch einige Treppenstufen von ihr getrennt, Jeanne's Hand langsam und andächtig ergriff und einen inbrünstigen Kuß darauf drückte. Die alte Gräfin oben hinter einem der dicht verhängten Fenster wischte hastig eine Thräne aus dem Auge. Graf de Gatonniere trat einige Augenblicke aus seiner gleich— mäßigen Ruhe und empfing den zukünftigen Schwiegersohn mit großer Wärme. Eine Stunde darnach erschien d Ormont mit seiner Verlobten auf den Wunsch der alten Gräfin in den Zimmern der Dame, die durch einen Anfall von Rheumatismus an den Platz gebannt war. Kalt und feierlich sprach die Großmama ihre Glückwünsche aus und entließ alsobald das junge Paar.
Niemand widersetzte sich den Anordnungen der jungen Braut, die ihre Lust darin fand, täglich die Pferde auf die breite Straße nach Lillebonne zu lenken. Cousin Robert hatte statt der Groß⸗ mama die Ehrenwache übernommen, und d'Ormont war mit dem Tausch zufrieden. Jeanne hatte dem Verlobten gegenüber ihre frühere Harmlosigkeit verloren; war sie einen Augenblick mit ihm allein, dann schlug sie die klaren braunen Augen, in die er so gerne sah, zu Boden und erröthete gar holdselig. Die Befangenheit des Wildfanges, der einige Wochen vorher so herausfordernd und verwegen in den dünnen Zweigen umher
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