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gefahren war, gleichsam um dem ängstlichen Zuschauer Trotz zu bieten, war ihm gegenüber von einer Schüchternheit und jung⸗ fräulichen Befangenheit, die ihn entzückten und ihm die frohe Gewißheit gaben, daß in dieses unberührte Kinderherz ein Frühlingsahnen gekommen war, dessen Neuheit das holdselige Mädchen mit süßem Staunen empfand. Coufin Robert war fast eine Nothwendigkeit zwischen ihnen, das geschwisterliche Verhältniß zwischen ihm und Jeanne gab dieser einen Theil ihres Gleich— gewichtes wieder.
Mit einem schelmischen Blick auf den Vicomte hielt sie ihr Pferd vor dem Thurme in Lillebonne an und sprang leicht zu Boden:„Wer mich liebt, folgt mir,“ rief sie fröhlich, schlug ihr langes Reitkleid über den Arm und betrat den Thurm, dessen Thüre jetzt weit offen stand.
Der Vicomte erbleichte.„Sie können den Thurm nicht be— steigen, die Treppe liegt fast in Trümmern,“ rief er und stand an Jeanne's Seite, die schon den leichten Fuß auf die Treppe gesetzt hatte.
„Sie sind doch um so viel schwerer wie ich und die Treppe ist nicht unter Ihnen zusammengestürzt,“ antwortete sie neckisch und eilte auch schon hinauf.
Der Vicomte war ganz fassungslos, er stürzte ihr nach; aber sie bedurfte seiner Unterstützung nicht, behend schwang sie sich über den leeren Raum, auf dem die Stufen fehlten und stand in einigen Minuten oben auf der Plattform, wo der Wind an— muthig mit dem langen weißen Gazeschleier ihres Amazonen— hutes spielte. Schweigend stand d Ormont neben ihr; Freude und Bewunderung malten sich in dem überraschenden Blick, den das junge Mädchen auf die Seine und die sie umgrenzenden herrlichen Berge warf:„Wie schön, wie schön!“ flüsterte sie, in den Anblick verloren.
Auch den Vicomte hatte staunende Bewunderung ergriffen: „Wie schön, wie schön!“ rief es laut in ihm, als er in das Gesicht seiner Verlobten sah, dem das Entzücken und die Be— geisterung den Ausdruck der rührendsten, edelsten Schönheit ge— geben hatte.
Der Cousin erschien zuletzt.„Da nimm Dein Fernrohr, das beinahe auf der verdammten Treppe zertrümmert wäre,“ sagte er tief aufathmend.
„Schönen Dank dafür, daß Du es heil heraufgebracht hast; nun sollst Du mir auch zum Dank dafür die Marquise de Bonat suchen helfen,“ sagte sie mit ihrem schelmischen Lächeln.
„Herr Gott, das verlohnt sich aber der Mühe; das ist eine grandiose Aussicht!“ rief Robert de Gatonniere überrascht und trat einen Schritt vor.
Jeanne senkte das Fernrohr und heftete durch dasselbe einen suchenden Blick auf den Garten des Schlosses von Lillebonne, sie hatte gefunden!
Die Marquise de Bonat lag in einer an zwei Pfeilern be— festigten Hängematte. Ihr edles bleiches Gesicht zeigte sich klar und deutlich dem Mädchen. Der Kopf der Marquise ruhte auf einem kleinen weißseidenen Kissen, ihre Hände lagen im Schooße und hielten ein Buch. Ihre müden Augen waren halb ge— schlossen, da plötzlich, durch einen lauten Ausruf de Gatonniere's, der ganz hingerissen von dem weiten Panorama zu seinen Füßen war, aus dem Halbschlummer geweckt, öffnete die Marquise groß die Augen, fuhr von dem Kissen auf und warf einen ungeduldigen Blick nach der Plattform des Thurmes. Jeanne fuhr zurück und begegnete den Augen ihres Verlobten, der mit übereinander⸗ geschlagenen Armen an der Thüre des Thurmes lehnte und von da aus sich keiner andern Augenweide erfreuen konnte, als der, die ihm seine Verlobte bot. d'Ormont mußte ihr viel mit diesem einzigen Blick gestanden haben. Jeanne erbebte und er— glühte. Ohne sich wieder nach der Marquise umzuwenden, reichte sie schnell das Fernrohr ihrem Kousin.—
Als sie aus dem Thurme traten, stand ein Bedienter mit einem großen Schlüssel davor und schloß prompt zu, sobald sie ihn verlassen hatten.
Die Trauung im engsten Familienkreise war vorüber; des Vicomte Vater und seine Brüder waren gekommen, seine Mutter nicht. Eine Stunde darnach saß die reizende Vicomtesse neben ihrem Gatten und der Wagen rollte eiligst mit ihnen durch die
Avenue davon. Er schlingt zum ersten Male den Arm um ihre zarte elegante Gestalt, sie erröthet und weiß ihm dies nicht anders zu verbergen, als daß sie ihr Gesichtchen an seine Brust legt.
Wie er entzückt sie an sich drückt, erhebt sie die klaren braunen Augen zu ihm und sagt schmeichelnd:„Ich habe es Dir auf dem Thurme angesehen, Henri, daß Du das Geheimniß der Marquise de Bonat kennst. Du hast gesagt, es müsse Dir überlassen bleiben, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann Du mir die Geschichte erzählen würdest. Nun wohl,“ setzte die Vicomtesse mit Wichtigkeit hinzu und reckte das Köpfchen höher,„ich bin nun eine ver⸗ heirathete Frau und Gott sei Dank, mit der„Kleinen“ ist es für immer vorbei.“
In der Heimath.
Novelle von Hermann Birkenfeld. (Fortsetzung.)
Namenlose Angst in dem ehrlichen Gesicht sah der kräftige Bursche zu Wolf empor.
Der Glasstöpsel, welchen Pförtner eben auf eine Flasche stecken wollte, klirrte auf der Marmorplatte des Receptirtisches und zer⸗ schellte am Boden; fast wäre die dickbauchige Flasche aqua des- tillata ihm nachgefolgt. „Wenn sie nun stürbe!“ Alexander Schruller hauchte die vier Worte mehr als er sie sprach und wühlte wieder einmal rathlos in dem Urwald seines Haupthaares, während sein Herr mit zusammengepreßten Lippen und brennendem Auge seinen Freund ansah.
„Wolf!— doch nein! Komm mit, Töne!“
„Die Medizin—“ 5 a
„Füllen Sie die Etikette aus, Schruller, die Mixtur ist fertig,“ sagte der Apotheker, der, wie es schien, seine Ruhe wiedergewonnen hatte. Dann verließ er, gefolgt von den beiden Andern, lang⸗ sam die Offizin.
Draußen aber, im Hinterzimmer, sank er fast zusammen.
„Weiter, Töne!“ 3
Töne verstand die Aufregung des Apothekers nicht, er h auch an seiner eigenen genug. Doch Pförtner begann unged zu werden.
„Weiter! Wie kam's?“
„Wie's kam, das weiß ich ja selbst nicht, Herr. was mit einander gehabt, er und die Frau.“
„Wer, er?— doch so! Schon gut! Weiter!“ 1
„Und er soll sie angefaßt haben. Aber ich kam ja nur zu⸗ fällig auf den Hof, Herrn Lützels Sachen abzuholen und hab's von der Sophie nicht recht verstanden, hat er sie geschlagen oder gestoßen? Und da—“ ö
„Genug!“
Ja, es war genug. Eine Weile sprach keines der Drei ein Wort. Man hörte nur die schweren, hastigen Athemzüge Pförtners, einen Seufzer seines Freundes—— 5
„Wolf, hast Du— Pförtner preßte ihm die Hand, als wolle er sie zerbrechen.„Bist Du Schuld—“
Langsam sah Lützel auf und verstand.
„Nein,— wenigstens nicht in dem Sinne, wie Du denkst.“ Noch immer haftete Pförtners großes Auge fragend au Wolfs Zügen. 8
„Ich schwöre es.“
„Und ich danke Dir,“ sprach Jener mit einem tiefen Stöhnen.
Töne brannte der Boden unter den Füßen.
„Wer weiß, Herr!—— Ach, Herr, wenn ich, ich die Schuld hätte! Ein Menschenleben, und ein gutes!— Ihr versteht mich nicht? Ich meine— von Bretters weiß ich, daß er Euch erzählt hat, was ich gesehen hatte.— Hat sie's durch Euch erfahren, Herr? Es war wohl Anfangs meine Absicht so— und auch die von Fräulein Graf— ich wollte ihm damit schaden— ihm —— o, um aller Barmherzigkeit willen sagt mir die Wahrheit!
„Wovon redest Du, Töne?“
„Von dem Abend damals, wo er und das Fräulein am Ne⸗ welskampe—“
„Nein, nein, Du magst Dich beruhigen, sie konnte davon nichts wissen.“.
* Sie haben


