Ausgabe 
26.8.1888
 
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Verhältniß angeknüpft, das der Bursche sehr ernst nahm, denn Miquette war die niedlichste Zofe, die man sehen konnte, be sonders in dieser Zeit, als sie sich so aufrichtig geliebt wußte. Die Marquise bekam Wind von diesem Verhältniß; sie erfuhr eben Alles, und sie drohte mit Entlassung des Vaters und der Tochter. Kurze Zeit darauf tödtete der Geliebte, der äußerst flink mit dem Schlachtmesser umzugehen wußte, einen Mitgesellen und rettete sich schleunigst durch die Flucht. Die Marquise las es in derFrance unter den Pariser Tagesneuigkeiten Morgens, als sie vor ihrer Toilette saß und Miquette das herrliche schwarze Haar ihrer Herrin auf dem weißen Mantel mit zarten Händen durchkämmte.

Da, lies einmal hier, sagte sie und reichte der Zofe das Blatt über die Schulter.

Das Mädchen stieß einen unterdrückten Schrei aus, und als sich die Dame umwendete, lag Miquette bleich, an allen Gliedern bebend, in einem Sessel.

Schäme Dich, stehe auf, rief sie gereizt;gehe, ich bedarf Deiner nicht.

Miquette wankte aus dem Zimmer und kam den ganzen Tag nicht mehr zum Vorschein. Die Marquise brachte einen un erträglichen Tag zu; das zweite Kammermädchen war nicht zu gebrauchen; das schlecht frifirte Haar hing der Marquise lose um den Kopf und verursachte ihr eine Migräne, das Bad im Marmorbassin war um einige Grade zu kalt, die milchweiße Farbe mit zarten ausströmenden Wohlgerüchen, wie Miquette es täglich bereitete, zeigte heute ein ekelhaftes Grau, sodaß die Dame schaudernd zurückfuhr. Auch zur Nachttoilette erschien das Mädchen nicht; die Marquise wartete mit entblößtem Hals und entblößten Armen, daß die sanfte, geschmeidige Hand der Zofe ihr die be bewunderten Körpertheile mit duftendem Balsam bestreiche, ihr langes Haar glättete, sie wartete der sorgfältigen Behandlung um sonst! Der alte Gärtner war nicht, wie schon manchmal, gekommen, um demüthig mit weinenden Augen Verzeihung für seine Tochter zu erflehen. Wollten diese Menschen ihr trotzen? Hastig eilte sie in das anstoßende Toilettenzimmer, barg das Haar unter einer Kaputze, wickelte sich in einen Sommermantel und eilte dem Gemüsegarten zu. Die Thüre in der hohen Mauer war ver schlossen, sie hatte an die Möalichkeik gedacht und ihren Haupt schlüssel zu sich gesteckt. Geräuschlos näherte sie sich dem Gärtner haus. Es war eine dunkle Nacht, eben fielen schwere Tropfen in die Gewitterschwüle. Die Marquise sah Licht unten hinter den geschlossenen Läden und hörte Miquette heftig weinen; der Gärtner stieß einzelne wehklagende Laute aus. Eine Stimme ließ sich beruhigend dazwischen hören, und endlich weinte das Mädchen nicht mehr, und auch der alte Mann schien sich getröstet zu haben. So sehr die Dame sich anstrengte, aus dem undeut lichen Gemurmel ein Wort zu verstehen, es war unmöglich. Das Licht verschwand aus dem Zimmer und es wurde still. Vorsichtig schlich die Marquise um das kleine Haus und sah, wie ein Licht schein nach hinten auf die Remise mit den Gärtnergeräthen fiel. Miquette wurde sichtbar und schloß schnell das Fenster; aber ehe es zuklappte, hatte die Lauscherin das deutlich ausgesprochene WortAmerika gehört. Sie richtete sich hoch auf, ihre kalten, stolzen Augen warfen einen zornigen Blick auf das Gärtnerhaus. Ihr Plan war entworfen, ehe sie das Schloß erreichte. Der Kutscher expedirte sofort in schnellem Galopp ein Schreiben der Marquise auf die nächste Telegraphenstation, und in der folgenden Nacht wurde der Schlächtergeselle, Miquette's Geliebter, eine Meile vom Schloß der Marquise in der Stadt Aurillac fest genommen.

Die Zofe erschien den Morgen darnach vor der Gebieterin, die einen langen verächtlichen Blick auf das Mädchen warf, das mehr todt wie lebendig vor diesem Blick zu vergehen schien. Die ganze Provinz war in Aufregung über das Einfangen des Mörders; das Kammermädchen ahnte den Zusammenhana, seit der Kutscher ihr verrathen, daß die Dame ihm eine Mission an die Telegraphenstation gegeben. Der alte Gärtner wurde nicht entlassen und Miquette nicht schimpflich fortgejagt; ihr Dienst aber wurde noch schwieriger. Madame de Bonat konnte Nachts nicht allein bleiben; Miquette rückte Abends eine Chaise longue in der Dame Zimmer und schlief darauf. Das durfte man freilich nicht schlafen nennen, da gab es keine halbe Stunde Ruhe.Wie

viel Uhr ist's?Eben schlug es zwei Uhr.Du irrst Dich, gehe und sieh' genau. So kam es wenigstens ein Dutzend Mal in jeder Nacht vor.Was war das? ich höre deutlich im Souterrain Thüren zuschlagen. Miquette wanderte schlaftrunken durch das Schloß, und kaum war sie todtmüde auf ihr Lager gesunken, dann wurde sie wieder umher gejagt. Nach⸗ mittags arbeitete das Mädchen unter der strengen Kontrole der Beschließerin, während die Marquise schlief.

Die Verhandlungen über den Schlächtergesellen Benoit inter⸗ essirten die Dame, sie las sie bis zu Ende und war mit dem Gesetz einverstanden, das ihn acht Jahre zu den Galeeren in Toulon verdammte. Miquette's niedliches Gesichtchen war kaum mehr wieder zu erkennen, ihre lebhaften, klugen Augen lagen tief und unheimlich in den Höhlen. Sie ging nicht mehr wie im Traume umher, ihre Bewegungen waren unnatürlich rasch, von nervöser Hast durchzuckt. Jedermann sah, welche Ver⸗ änderung mit dem Mädchen vorgegangen war, nur die Marquise sah es nicht, sie würdigte ihre Zofe keines Blickes. Es mochte eine Höllenqual für Miquette sein, die Frau mit raffinirter Sorg⸗ falt zu hegen und zu pflegen, die eine so bodenlose Verachtung für sie an den Tag legte.Wir haben uns schwer vergangen gegen unsere Herrin, wir haben einen Mörder auf ihrem Grund und Boden beherbergt, und sie hat uns in ihrem Langmuth nicht zu schanden werden lassen, wimmerte der alte Gärtner. Die Augen seiner Tochter glühten unheimlich auf, sie widersprach ihrem Vater nicht. 3

Es verging ein brillanter Winter in Paris; man vermuthete eine Zeitlang, daß die Marquise nicht abgeneigt sei, Herzogin von Beaufort zu werden. Sie kehrte aber im Frühling, ohne sich entschieden zu haben, in die Auvergne zurück, und als sie den Winter darauf den Herzog wieder in Paris sah, zeigte sie sich so frostig und unnahbar, daß er sich unter die vielen Ver abschiedeten zurückzog. Miquette hielt noch immer aus. Sie ordnete mit nervös erregten Händen das Schlafzimmer der Marquise, trug die weiche Leinwand in das durchwärmte Bade zimmer und richtete das duftende Bad, das die Dame in der Nacht, nach der Heimkehr aus der Abendgesellschaft, zu nehmen pflegte. Das schläferte sie ein und wirkte angenehm auf ihre ab⸗ gespannten Nerven. Das Wasser plätscherte heiß in das Marmor⸗ bassin, Miquette starrte geistesabwesend hinein, da legte sich eine Hand auf ihre Schulter, und laut aufkreischend fuhr sie empor.

Miquette, meine arme Miquette, bist Du's denn wirklich! rief Benoit und schaute, von tiefem Mitleid ergriffen, seine Ge liebte an.*

Fort, fort! stöhnte sie und rang nach Luft;die Marquise kann jeden Augenblick kommen, wir wären verloren. Gott, Gott, entflohen, nicht wahr? f

Ja, endlich gerettet, sagte er tiefaufathmend.Hätte ich Dich nicht sehen müssen, so wäre ich jetzt schon auf dem Meere, für Verkleidung und Paß ist gesorgt.

Verlaß mich, rette Dich, ich höre den Wagen der Frau Marquise! schrie Miquette und nahm außer sich den Kopf in beide Hände.

Benoit war mit seiner raschen Beweglichkeit verschwunden, ehe das Mädchen zu sich kam. Die Marquise rauschte in ihr Schlafzimmer und blieb mehr wie eine Stunde nachdenkend in einem Sessel vor dem Kamin; sie hatte sich heute plötzlich wieder dem Herzog huldvoll gezeigt, so huldvoll, daß man be⸗ rechtigte Vermuthungen aussprach.Ich fange an, mich zu langweilen, sagte sie als Resultat der langen Betrachtung zu sich.Sei es, verheirathen wir uns wieder, murmelte sie, als sie sich langsam erhob. Miquette hatte die brennenden Augen auf sie gerichtet, sie entkleidete mit fieberheißen Händen ihre Dame und geleitete sie in's Badezimmer. Wie die unvergleichlich schöne Frau in dem duftenden milchweißen Bade den Körper erfrischte und im behaglichen Halbschlummer die Augen schloß, lachte Miquette sonderbar vor sich bin. Ganz sicher, das Mädchen war sehr krank. Auch die Marquise warf am folgenden Tage einen erstaunten Blick auf Miquette, als diese wie geistes⸗ abwesend ihre Funktionen besorgte und dabei in sich hinein kicherte. Erschreckt ließ Madame de Bonat ihren Arzt rufen und wartete aufgeregt, bis er seinen Besuch in Miquette's Stube beendigt hatte.