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Gute ausführen, was ich mir für jene Zeit vorgenommen habe;
Und wie ich dastand in meiner unkleidsamen Frisur und in
meiner ganzen verblühten Unscheinbarkeit, kamen mir plötzlich die Thränen, und ich warf mich, so wie ich war, auf mein Bett und schluchzte in die Kissen hinein. Ich weiß, es ist Thorheit. Jetzt, da der helle Morgen mich anlacht, zerrinnt der Spuk vor meinem Geiste wie Nebel,— ich bin ein großes, altes, unverständiges Kind gewesen, und nun will ich in das Wohnzimmer hinuntergehen und meinen Liebsten mit einem recht fröhlichen Gesicht erwarten.
Aber ob es wohl wahr ist, daß die erste Liebe in einem Menschen eigentlich nie stirbt, sondern nur schläft und manchmal plötzlich wieder erwacht bei irgend einem süßen Klang aus der alten Zeit? Ob es wohl wahr ist?
Ach, Thorheit, Margareth! Und was sorge ich mich denn auch. Frau Schliersen ist ja nur auf der Durchreise hier und vielleicht jetzt schon abgereist.
Viertes Blatt.
Seit acht Tagen bin ich nicht dazu gekommen, etwas in dies Buch, mit dem ich mich halb zu meinem eigenen Erstaunen jetzt wieder zu befreunden anfange, einzutragen. Indem ich heute durchlese, was ich zuletzt schrieb, muß ich fast darüber lächeln. Hätte ich in dieser Woche mehr von Robert gesehen, als wirklich der Fall war, so würde ich ihn schon einmal wieder ganz un— befangen nach Frau Schliersen gefragt haben, um ihm zu zeigen, wie wenig ich doch in Wirklichkeit auf die Vergangenheit eifer— süchtig bin. Was er wohl neulich von mir gedacht haben mag? Uebrigens ist die Dame ja jedenfalls schon abgereist. Ob Robert sie wohl vorher noch wiedergesehen hat? Fragen will ich doch einmal darnach,— natürlich nur aus Neugierde.
Meine Aussteuer ist fast fertig und alles ist hübsch aus— gefallen. Der Hochzeitstag rückt bereits in absehbare Nähe. Robert meinte heute, ich wäre blaß und sähe angegriffen aus, ich überanstrengte mich wohl.
Wenn ich nur eben jetzt mehr von ihm sähe. Aber er scheint unsäglich viel zu thun zu haben und hat es nicht einmal gern, wenn ich viel darnach frage. Er meint, sein Beruf sei seine eigene Sache.
Ist es denn wirklich so? Ich sehne mich oft so sehr, zu wissen, wo er während des Tages gewesen ist,— wo er helfen konnte,— wo es unmöglich war,— wer geduldig ist,— wer ihn unwirsch quält. Vielleicht wird es anders, wenn ich erst seine Frau bin, der ein rechtmäßiger Antheil an Allem gehört.
Seine Frau!— Lieber, freundlicher Gott, hilf mir all' das
hilf, daß ich so dankbar, so demüthig, so glücklich werde, wie ich nun meine, daß ich es werden muß. Ach, hilf mir, daß ich meinen Robert ein wenig mehr verdiene, wie ich es jetzt thue. Amen.
Fünftes Blatt.*
Hätte ich nur diese Frau Schliersen mit dem schönen Gesicht und den koketten, fragenden Augen nie im Leben gesehen! Wäre sie nur weit, weit von hier fort, nie hierhergekommen! Ich war so glücklich, so dankbar, und nun ist es, als ob ein häßlicher Schatten über Allem läge. Habe ich doch um ihretwillen mit Robert den ersten Streit gehabt, seit wir uns kennen! Nein, ein Streit war es eigentlich nicht; es ist kein heftiges Wort gesprochen,— und doch läßt es mir denselben quälenden Ein— druck zurück, wie ein Zank thun würde. Es steht etwas zwischen Robert und mir, was ich nicht verscheuchen kann.
Wie kam es eigentlich?
Robert und ich hatten gestern eine Besorgung beim Möbel— fabrikanten zu machen und er kam deshalb, mich abzuholen. Nun hatte ich mir schon seit ein paar Tagen vorgenommen, einmal wieder von Frau Schliersen zu sprechen, und zwar einzig und allein zu dem Zweck, um Robert zu zeigen, wie unbefangen ich wäre.
Deshalb fragte ich, während ich meinen Hut aufsetzte, so
den Gruß auf, mit dem— Frau Schliersen an uns vorüberging.
müssen. Man fühlt das heraus, wenn man Jemanden lieb hat,
ganz beiläufig:
„Hast Du eigentlich Deine alte Bekannte(ich hatte„ sagen wollen, aber ich unterdrückte es)— wie hieß sie doch gle — Frau Schliersen— noch wiedergesehen, ehe sie abreiste?“
Und da kam etwas sehr Ueberraschendes. Robert sagte näm nach einem ganz kurzen Zögern: 2
„Sie ist noch gar nicht abgereist.“ N
„O,“ und ich band meine Hutbänder zu,„da hast Du ihr wohl noch einen Besuch gemacht?“— Und das wäre ja auch nicht sehr zu verwundern gewesen..
„Das mußte ich wohl,“ sagte Robert,„ihr kleiner Junge erkrankte nicht ungefährlich und sie ließ mich rufen, da ich den einzige Arzt bin, den sie hier kennt.“ 1
„O,“ machte ich wieder und fing an, meine Handschuhe zu knöpfen,„da hast Du sie also jedenfalls öfters gesehen?“
„Seit reichlich einer Woche täglich.“ 4
Nein, es kam mir nicht nur so vor, als wenn er zögerte, er that es wirklich. Seit einer Woche hatte er sie täglich ge- sehen,— weshalb wußte ich nicht darum? Hatte er einen be- sonderen Grund, mir das zu verschweigen? l
„Warum sprachst Du nie zu mir darüber, Rob?“.
„Aber Margareth, Liebste, sei doch nicht thöricht,“ sagte Robert ein wenig ungeduldig.„Ich habe doch überhaupt nicht die Gewohnheit, über meine Patienten mit Dir zu sprechen. Und dann,— wenn Du die Wahrheit überhaupt wissen willst, — es kam mir neulich so vor, als wenn Du ein wenig eifer⸗ süchtig auf die Vergangenheit wärest; Du bist ohnehin in letzter Zeit nervös gewesen und ich hatte nicht Lust, Dich an Frau Schliersen auf's Neue zu erinnern, besonders da sie von hier abreist, sobald das Kind gesund ist.— Das ist das ganze Geheimniß.“ i 21
Ich sagte nichts mehr. Ich wollte, er hätte mir hiervon gesprochen, ehe ich darnach fragte. Es war mir, als hätte er im Einverständniß mit jener Frau ein Geheimniß vor mir ge- habt. Täglich war er dort gewesen,— er theilte eine Sor mit ihr, und ich wußte, wie das zusammenführt,— und gerade in der letzten Zeit hatte er so wenig Muße für mich. Ob. g ihn gefesselt hatte mit ihren schönen Augen und Gesprächen über die alte Zeit,— wo er sie liebte fast bis zur Thorheit,— und sie hatte es gewußt? Damals hatte er nichts zu bieten, he ist er ein Mann, den kaum ein Mädchen zurückweisen würde, und sie ist wieder frei.
Nein, Gott, Du weißt es, es war nicht Mißtrauen geg Robert, was in mir aufquoll, nur jenes alte, elende Gefühl des Mißtrauens in mich selbst und meine Anziehungskraft, das mich von jeher so gequält hat, und das nun plötzlich ganz groß wurde,, wenn ich an die Vergangenheit und an die schöne Frau Schliersen dachte, die mich in Allem so weit überstrahlt. 8
Aber ich war tapfer. Ich kämpfte das Gefühl in mir wacke nieder, nahm Robert's Arm und wir gingen zusammen f von anderen Dingen sprechend. f
Wir machten unsere Besorgung beim Möbeltischler und wol dann nach Hause zurückkehren. Indem wir wieder auf die Straße traten, zog Robert den Hut. Ich sah empor und fing eben noch
Soll ich froh, soll ich traurig sein, daß ich den Gruß sah? Das war ein Lächeln, ein Blick, mit dem eine Frau nur einen Mann ansehen darf. Es lag darin etwas, was mich erröthen 8 machte für sie,— keine Frau giebt es, die einen solchen Blick nicht zu deuten wüßte,— und vielleicht auch keinen Mann. Und dann glitt ihr Blick mit einem so andern Ausdruck von Robert zu mir herüber, daß mir das Blut bis an di Schläfen stieg. Es war nicht Gehässigkeit, nicht Geringschätzung, was darin lag, es war nur Verwunderung, als wollte sie sagen: „Aber wie konntest Du denn auf die verfallen, Du Thor!“ 2 Sie sah bei Tage fast noch schöner aus wie bei Licht, und ich las in Robert's Augen, zu denen ich schnell und scheu empor⸗ blickte, daß er sie schön fand. Er hätte ja sonst auch blind sein
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auch ohne ein einziges Wort, und jene alte, alte Sehnsucht, auch schön zu sein, kam plötzlich wieder über mich. a 2
Es ist nicht Neid. Nicht mit einem Gedanken möchte ich Anderen nehmen, was sie haben. Ich gönne Jedem sein Glück; nur möchte ich manchmal so gern etwas haben, was mir mehr
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