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zu den
Oherhessischen Muchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 24. Juni.
1888.
Der Ring. Eine Geschichte in Tagebuchblättern von Eva Treu. (Schluß)
Es war eine schöne, klare Nacht, und wir gingen zu Fuß nach Hause, die beiden Weber's voran, Robert und ich ein ziemliches Stückchen im Nachtrabe. Wir sprachen nicht viel; das ist ja aber auch nicht immer nöthig, um zu fühlen, daß man zusammen gehört. Schon manchmal sind wir so still neben— einander hergegangen; nur fiel es mir diesmal auf, daß Robert nie meine Hand fester auf seinen Arm legte, wie er sonst so oft zu thun pflegt. Er sagt immer, ich gehe so leicht und leise neben ihm, daß er immer fürchten muß, mich einmal zu verlieren. f f
Heute that ich es absichtlich, aber er achtete gar nicht darauf; er hing wohl seinen eigenen Gedanken nach— und ich den meinigen.
„Robert!“ sagte ich endlich ein wenig zaghaft.
„Nun, Margareth?“
„Wer war die Dame eigentlich?“
„Ich sagte es Dir schon; Frau Schliersen, die Wittwe eines sehr lieben Freundes von mir.“
„Sie ist sehr schön, findest Du nicht?“
„Ja,“ fagte Robert,„sie hat kaum verloren in den acht Jahren, daß ich sie nicht sah, im Gegentheil.“
„Kennst Du sie schon so lange?“
„Länger; ich kannte sie vor ihrer Verheirathung.“
Seine Antworten waren viel kürzer, als ich sie gern haben wollte. Die schöne Frau hatte eine so vertrauliche Art gehabt, mit ihm zu sprechen, daß sie nicht gut eine Dutzendbekanntschaft sein konnte. Er mußte sie sehr gu gekannt haben.
„Warum hast Du mir nie von ihr erzählt, Rob?“ f
„Aber, liebste Margareth,“ sagte Robert ein wenig ungeduldig, „ich kann Dir unmöglich von allen Menschen erzählen, die ich vor einem Dutzend Jahre einmal gekannt und dann vergessen habe. Wenn es Dich übrigens interessirt, will ich Dir sagen, daß ich sie kennen lernte, als ich gerade meine Studien beendet hatte, daß sie kurz darauf meinen Freund Schliersen heirathete und dadurch ihre übrigen Verehrer in tiefste Verzweiflung stürzte, daß ich sie später als verheirathete Frau noch zwei- oder dreimal wiedergesehen habe und durch die heutige unerwartete Begegnung angenehm überrascht war, da sie mich an alte, liebe, wenn auch schon halb vergessene Zeiten erinnerte.“ f
Das war kurz und bündig und klang garnicht so, als wenn Robert gewillt wäre, noch weitere Mittheilungen zu machen. Wir gingen eine ganze Weile still nebeneinander. Auf einmal sagte ich:„Gehörtest Du auch zu ihren Verehrern, Rob?“
Wie wunderlich es klang, nun, da es heraus war; aber sagen mußte ich es.
„Wie kommst Du darauf, Margareth,“ sagte Robert und wandte mir schnell das Gesicht zu.
„Ich weiß nicht,— aber hattest Du sie lieb?“
Keine Antwort.
„Robert?“ Mir klopfte das Herz so schnell, daß ich es nur ganz leise sagen konnte.
„Laß doch die alten Geschichten, Margareth,“ sagte Robert nicht so freundlich, wie er sonst spricht.„Ja, wenn Du es denn durchaus wissen mußt, ich habe mich für sie interessirt.“
„Warum hast Du sie denn nicht geheirathet?“
„Ich hatte damals nichts zu bieten, und sie zog meinen Freund Schliersen vor,“ sagte Robert kurz.
Es war ihm peinlich, nach diesen alten Sachen gefragt zu werden, ich fühlte es wohl, aber das letzte Wort mußte trotz— dem über die Lippen.
„Wußte sie, daß Du sie lieb hattest, Rob?“
„Das kann wohl sein,— sehr wahrscheinlich.“
„Und— und— nahmst Du es Dir sehr zu Herzen, als sie den Anderen heirathete?“
„Wie ein Narr. Ich dachte, ich sollte den Verstand ver⸗ lieren,— aber er saß fester, als ich meinte,“ sagte Robert.
Gar zu gern hätte ich sein Gesicht dabei gesehen, gar zu gern gewußt, ob er lächelte; aber es wollte nicht gelingen. Ich drückte seinen Arm ein wenig fester.
„Aber nun gehörst Du mir, Robert,“ sagte ich leise.
Da bückte er sich plötzlich zu mir nieder, und nun konnte ich sehen, daß er wirklich lächelte.
„Komm, Margareth,“ sagte er herzlich,„Du denkst doch nicht im Ernst, daß Du auf die Vergangenheit eifersüchtig sein mußt? Kind, wie schwer würdest Du Dir das Leben machen! Meinst Du denn, mann schleppt eine solche Leidenschaft wie eine Fessel durch sein ganzes künftiges Leben mit sich?“
Und dann legte er meine Hand, die, während er sprach, fast von seinem Arm geglitten war, wieder fester auf ihren Platz und ging rascher. Aber ein Gespräch wollte doch nicht wieder in Gang kommen. Von der Vergangenheit durfte ich nicht mehr sprechen, und etwas Anderes kam mir nicht in den Sinn. So gingen wir still nebeneinander bis zu Webers Wohnung. Da verabschiedete sich Robert.
Ich konnte nicht schlafen die ganze Nacht. Als ich nach Haus und in mein Zimmer kam, stand ich lange vor dem Spiegel wie damals, als ich mich verlobt hatte. Ich verglich.— Ich verglich mich mit der schönen, jugendlichen Frau mit dem blonden Haar und den prachtvollen Augen, die er einst geliebt hat und die nun so plötzlich wieder auftaucht, meine Ruhe zu stören.
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