Ausgabe 
24.6.1888
 
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Selbstvertrauen und Sicherheit gäbe, daß ich auch im Stande sein werde, meines festzuhalten.

Webers waren ausgegangen, als ich mit Robert, der den

Abend bei uns zubringen wollte, zurückkehrte; so hatten wir das Wohnzimmer für uns. Da warst so still auf dem Heimweg, Margareth, sagte Robert, als wir zusammen am Fenster saßen.Dir ist doch wohl? Ich antwortete nicht gleich, sondern sah zum Fenster hinaus auf die Straße. Ich hatte etwas auf dem Herzen, wovon ich nicht recht wußte, wie ich es sagen sollte.

. fragte ich endlich,ist das Kind wohl bald wieder

esund? 5Welches Kind, Herz?

Das der Frau Schliersen.

Ich fürchte, nein. Die Sache kann sich noch ziemlich lange hinausziehen. Es ist ein schwächlicher kleiner Bursche.

Robert, sagte ich wieder und griff nach seiner lieben Hand, verzeih mir, wenn ich thöricht bin, kann nicht ein anderer Arzt das Kind behandeln?

Jetzt? rief Robert,welch' wunderliches Begehren, Mar gareth! Ich sollte das erst halb geheilte Kind verlassen, nur einer Grille von Dir zu gefallen? Da wäre ich doch wohl ein schlechter Arzt? 5

Ich kann Dir nicht sagen, wie unangenehm mir Frau Schliersen ist. Sie nur zu sehen, ist mir peinlich.

Du hast ja auch nicht nöthig, sie zu sehen, sagte Robert lächelnd, und dann ernster:Persönliche Ab- oder Zuneigung ist in solchen Fällen doch auch nicht maßgebend, Margareth. Uebrigens solltest Du nicht so ohne Grund urtheilen, Du kennst die Dame ja garnicht.

Vielleicht besser, wie Du meinst.

Sie hat mehr erlebt und erfahren, und das hat ihr Wesen vielleicht stärker beeinflußt, als Du wissen kannst, Margareth,

entgegnete Robert nun sehr ernsthaft.

O, sagte ich,hat sie Dir das anvertraut? V Ja, sorgenvolle Stunden an einem Krankenbett öffnen manch -mal das Herz schneller als jahrelange Bekanntschaft. Die be ständige Sorge, die ihr der arme, kleine kränkliche Bursche macht, ist nicht die erste, die sie zu tragen gehabt hat. Vielleicht würdest Du sie freundlicher beurtheilen, wenn Du ihr Leben kenntest, Margareth.

Vielleicht, sagte ich zweifelhaft,aber sie sieht eben nicht sehr vergrämt aus.

Robert schwieg.Daß sie schön ist, dafür kann sie nicht, sagte er nach einer Weile,und dasselbe Maß gilt nicht, um

I verschieden geartete Menschen mit ihm zu messen. Dir mit⸗

zutheilen, was ich über sie weiß, dazu habe ich kein Recht, laß uns nicht mehr davon sprechen, Margareth.

Aber so hatte ich es nicht gemeint.

Robert lieb, sagte ich zaghaft,sei nicht böse, aber ich glaube, gewiß Robert, es ist so, jene Frau inter essirt sich für Dich. s Aber was fällt Dir ein, Margareth! Sie weiß, daß ich verlobt bin.

Das braucht sie nicht zu hindern, Dich lieb zu haben. Sieh mich an, Rob, bitte! Er that es langsam.

Rob, kannst Du mir in meine Augen sehen und sagen, daß diese Frau Dich nicht heirathen würde, wenn ich nicht Deine Braut wäre und Du sie darum bätest?

Robert schwieg. f ̃ Sage, Robert, glaubst Du das wirklich? Meinst Du, sie würde Dich sonst so ansehen? a

Ich kann das unmöglich wissen, Margareth. Wenn ich an ein Krankenbett trete, habe ich andere Dinge zu denken als diese.

Du kannst es wissen, Du weißt es.

Und wenn es zehnmal so wäre, das würde mir doch nicht das Recht geben, dem Kinde meine ärztliche Hülfe zu verweigern, In diesen Dingen ist mein Beruf allein maßgebend, Margareth. dein Beruf und immer Dein Beruf! rief ich.Wenn ich Dich doch nun bitte, wenn ich Dir sage, daß eine Angst auf mir liegt, sobald ich diese Frau in Deiner Nähe weiß.

O, ich konnte es nicht so sagen, wie ich es meinte! Es kam kalt und herrisch heraus, und mein Herz schlug doch so heiß.

Es thut mir leid, daß Du so wenig Vertrauen zu mir hast, sagte Robert und ließ meine Hand fahren.

Es klang traurig.

Nicht zu Dir, o, Rob, mißverstehe mich nicht! rief ich, nicht zu Dir! nur zu mir selbst und zu jener Frau nicht zu Dir!

Doch, auch zu mir, sagte er und blickte mit abgewandtem Gesicht aus dem Fenster.Was Du Mangel an Selbstvertrauen nennst, ist ebenso gut Mangel an Vertrauen zu mir. Und es ist so thöricht, Du weißt nicht, was Du thust, Margareth.

Dann wurde es still zwischen uns.

Du willst es also nicht thun? sagte ich nach einer Weile leise.

Er schüttelte den Kopf.Ich kann es nicht.

Es war sein letztes Wort. Webers kamen nach Hause und Robert ging bald, viel früher, als er gewollt hatte. Ich schützte Kopfschmerzen vor und zog mich auf mein Zimmer zurück. Ich konnte an dem Abend nicht mehr über gleichgültige Dinge

sprechen. Wenn er doch nun weiß, wie sehr mein Herz an diesem einen Wunsch hängt, warum kann er ihn nicht erfüllen?

Ist denn das zuviel erbeten? Soll er mich nicht lieber haben, als Alles auf der Welt? Kann er nicht das fremde Kind, das ihn nichts angeht, und die Frau mit den gefallsüchtigen Augen einem andern Arzt überlassen, da er weiß, daß ich mich ängstige? Gegen wen soll ich zurücktreten, gegen den Beruf oder gegen die Frau?

O pfui, das sind häßliche Gedanken. Er hat mich lieb, er hat es gesagt, wenn auch nur ein einziges Mal. Freilich, das war, ehe er die schöne Frau wiedergesehen hatte. Wenn er mich nur heute in seine Arme genommen und gut und herzlich zu mir gesagt hätte:Margareth, Du weißt es ja doch, daß ich nichts auf der Welt so lieb habe wie Dich. Warum that er das nicht? Dann wäre ja Alles gut gewesen.

Aber mein Kopf thut mir wirklich sehr weh, ich glaube, ich darf nicht mehr schreiben.

Sechstes Blatt.

Welch' ein Tag war heute! Ich wollte, ich könnte ihn ver gessen für alle Zeit! Aber ich glaube nicht, daß ich das jemals kann.

Robert war gestern nicht gekommen. Nur ein Zettelchen mit ein paar entschuldigenden Worten hatte er gesandt. Ich wünschte, er hätte nur auf einige Minuten vorgesprochen. Lag doch etwas zwischen uns, was hinweggeräumt werden mußte.

Frau Weber dachte, mir wäre nicht wohl, und pflegte mich mit Thee und Wein. Sie glaubt, daß die ganze letzte Zeit vor der Hochzeit, das Beschaffen der Aussteuer und das Einrichten der neuen Wohnung mich ermüdet. Aber das war es ja nicht, was mir fehlte.

Heute nun kam Robert. Zufällig war ich allein im Zimmer. Herr Weber war ausgegangen und seine kleine Frau war eben bei der Toilette.

Robert trat mit einem fröhlichen Gesicht ein, so als wenn er unser vorgestriges Gespräch ganz vergessen hätte. Ich hatte es nicht vergessen. Mich hatte es gequält, beinahe mehr, als ich ertragen konnte. f

Du siehst ja heute so zufrieden aus, sagte ich, als er mich begrüßt hatte.

Das bin ich auch, entgegnete er,zufrieden und dankbar. Mir ist eine sehr schwierige Operation, vor der ich mich ge⸗ fürchtet hatte, weil Leben und Tod davon abhing, über alles Hoffen und Erwarten gut gelungen. Das frischt den innern Menschen auf. Ich bin gerade in der Laune, Jemandem etwas recht Liebes zu erweisen, so in der richtigen Gebelaune. Bitte etwas und ich will Dir's geben, Margareth, fügte er ver⸗ gnügt hinzu. s

Alles, was ich bitte, Rob? fragte ich schnell.

Ja, sagte er lächelnd,bis zu einem goldenen Armband darfst Du gehen, auch noch ein wenig weiter.

Und da wollte es das Unglück, nein, nicht das Unglück, sondern mein Unverstand, daß ich sagte:So bitte ich Dich,

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