Ausgabe 
23.12.1888
 
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411.

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O, ich finde diesen Gegenstand als Geschenk ganz entsprechend, wenn er auch a

Mehr auf den Schreibtisch einer Dame, als auf den eines Mannes gehört! Das wollten Sie doch sagen?

Ja, ich fürchte, er ist etwas zu zierlich gewählt!

Ja, daran ist mein Geschmack schuld. Er war mir beinahe noch nicht hübsch genug. Aber da nun schon mein scheinbar vernünftigstes Geschenk keine Anerkennung gefunden hat fürchte ich wird das zweite gänzlich von Ihnen verworfen werden!

Mit drolliger Verlegenheit und wirklicher Bekümmerniß in ihren Mienen brachte die junge Dame jetzt eine große flache Schachtel zum Vorschein.

Ei, was ist denn da drin? fragte der junge Mann sichtlich be⸗ lustigt, und neigte sich näher zu seinem hübschen vis à vis hinüber. Ohne ein Wort zu erwidern, hob die junge Dame den Deckel von der Schachtel. Inmitten einer rei zenden Garnirung von goldenen und silbernen Nüssen lag ein großes, reich dekorirtes Marzipanherz.

Das ist doch gewiß kein Präsent für einen jungen Mann? sagte sie darauf und heftete dabei ihre hellen, großen Kinderaugen mit bei nahe traurigem Ausdruck auf ihr

egenüber.

Ei, das finde ich durchaus nicht! rief der Gefragte munter.Das ist ja ein herrliches Geschenk. Ein so zuckersüßes Herz ist Jedem will⸗ kommen!

Wirklich? O, das freut mich! Ich hatte eigentlich eine Torte be⸗ stellt aber die waren schon alle vergriffen, und so schickte mir der Konditor dieses Herz. Unsere Stadt ist ja berühmt wegen ihres Mar⸗ zipaus, und ich dachte mir, in dieser Gegend wird man, der Seltenheit wegen, große Freude daran haben!

Freilich wird man das. Aber welcher der beiden jungen Herren wird denn nun das Herz be kommen!

Hm, das weiß ich noch nicht!

Jedenfalls der den Ihr Herz bevorzugt!

Hahaha das ist möglich! Uebrigens kenne ich bis jetzt nur einen der jungen Männer. Der. zweite war seit vier Jahren nicht daheim. Er hat aber für dieses Weihnachtsfest seinen Besuch angekündigt und wollte schon am vergangenen Sonntag bei seinen Eltern eintreffen!

So?! Dann wäre er somit schon vier volle Tage daheim.

Ah sagen Sie, mein Fräulein, ist es eine Indiskretion,

wenn ich mich nach dem Namen dieses jungen Mannes zu er⸗ kundigen wage?

O durchaus nicht. Er heißt Dr. Franz Harder!

Oh! Ueber des jungen Mannes Gesicht huschte ein eigen⸗

thümliches Lächeln. Schnell fragte er:Das ist der Professor an der Sternwarte in S... 2

Ganz recht! Sie kennen den Herrn?

O, sehr genau! Er ist mir befreundet!

Nicht möglich! Haben Sie ihn auch vier Jahre lang nicht

gesehen? Hm nein ganz so lange wird es wohl nicht her sein!

War er denn wie Sie ihn zuletzt sahen, auch schon so

leidend? i

Leidend? Hm nicht daß ich wüßte!

O, jetzt soll es dem Aermsten sehr schlimm gehen!

Ah, Sie erschrecken mich, mein Fräulein. Woher haben Sie diese Nachricht?

Weihnachtsstimmung. Von C. Koch.

Von seiner eigenen Mutter! Die schrieb Ihnen, daß er krank sei? Krank? Nein, das Wort hat sie wohl nicht gebraucht; aber, da Sie ja der Freund des Herrn Doktors sind, begehe ich wohl keine Indiskretion, wenn ich Ihnen die Zeilen vorlese, die mir die Frau Amtmann Harder über ihren Sohn schrieb. Zu⸗ dem geben mir ja Ihre Fragen über den jungen Mann den 8 Beweis, daß Sie großen Antheil an seinem Wohlergehen nehmen! Den größten, den größten! bestätigte der junge Mann lebhaft. Hier habe ich ja den Brief, hören Sie:Sie werden also diesmal auch die Bekanntschaft meines ältesten Sohnes machen, liebe Therese, und ich bin recht neugierig, wie er Ihnen gefallen wird. Vier Jahre haben wir ihn nicht mehr gesehen welch eine Ewigkeit das ist, kann nur ein Mutterherz völlig begreifen. Er ging damals nach Hamburg, um sich einer wissenschaftlichen Ex pedition zur Beobachtung des be rühmten Venusdurchgangs anzu⸗ schließen. Ein volles Jahr hat er sich darauf in Indien aufgehalten. Als er nach Europa zurückkehrte, nahm er eine Stellung an der Stern⸗ warte in S. an. Von dieser Zeit

an datirt nun das Uebel, von dem ich Ihnen berichten will.

Da bin ich wirklich begierig! warf der junge Mann halblaut da⸗ zwischen.

In seinen Briefen machte sich plötzlich eine so weltschmerzliche Stimmung geltend. Eine Melancholie durchzitterte all' seine Worte. Er sprach nie davon, daß er fich unglücklich oder krank

fühle, aber wir erhielten mit jeder Zeile die Nachricht, daß er einer tiefen Gemüthsverstimmung zum Opfer gefallen. O, und das soll ein schlimmes Leiden sein. Es mußte ja aber so kommen ich hab' es immer befürchtet. Denken Sie doch nur, liebe Therese, mein Franz ist jetzt nahezu dreißig Jahre alt, und hat bis jetzt nur immer studirt, gelernt, in die Bücher und an den Himmel geguckt. Was auf der Erde und im täglichen Leben vorgeht, ist ihm bis jetzt völlig fremd geblieben. Er weiß gar nicht, daß

ö die Erde auch Freuden zu bieten vermag, und vertrauert über seiner todten Wissenschaft sein junges Leben. Der jahrelange Aufenthalt auf der Sternwarte die ab⸗ seits von jeder menschlichen Behausung liegt hat ihm den Rest

gegeben, der Ausschluß von dem Verkehr mit Menschen hat ihn zum Hypochonder, zum Menschenfeind gemacht! Wir haben darauf bestanden, daß er um einen längeren Urlaub einkam und zu uns zurückkehrt. Und wir haben uns auch vorgenommen, ihn nicht eher wieder fortzulassen, bis er von seinem Trübsinn, von seiner Me⸗ lancholie geheilt ist! Liebes Fräulein Therese, ich habe Ihnen recht viel von meinem Franz erzählt aber ich that es, damit Sie auf seinenschlimmen Zustand vorbereitet sind und uns mit Ihrem Rath unterstützen können wie wir ihn heilen können! Fräulein Therese legte den Brief wieder sorgfältig zusammen. Sie sah nach dem jungen Mann hinüber, der sich fest in die Wagenecke geschmiegt hatte, so daß sein Gesicht fast ganz im Schatten blieb.Nun, was sagen Sie dazu? fragte sie langsam. Daß jene Frau, die Ihnen den Brief da schrieb, die beste und zugleich die klügste Frau auf der Welt ist! O das wußte ich längst! Daß sie aber mit der Krankheitsgeschichte ihres Herrn Sohnes vielleicht doch zu schwarz gesehen!

du froh liche 0, du selige, Onadenbringende

0 eihnach szeil!

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