Ausgabe 
23.12.1888
 
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Gesichter zu unterscheiden. Kein Wunder, man schrieb den drei⸗ undzwanzigsten Dezember morgen warWeihnachts heiliger Abend. Eine dichte Schneedecke lag über die Landschaft aus⸗ gebreitet, und dichte Schneemassen hingen noch in der Luft, die nur auf den Augenblick zu harren schienen, wo sie sich ebenfalls auf die Erde herniedergleiten lassen konnten.

In der Postkutsche herrschte tiefes Schweigen. Das Fräulein hatte sich noch ein Plaid über die Kniee gebreitet und dann stumm in die Ecke geschmiegt. Aber die Stille und das Stillsitzen schien der jungen Dame durchaus nicht zu behagen. Sie preßte ihr Gesichtchen an's Fenster und starrte in die schneeige Winter⸗

landschaft hinaus.

O, welch' tristes Wetter! murmelte sie halblaut vor sich hin. Nicht wahr, man fährt nach Ueberdingen vier volle Stunden! fragte sie dann plötzlich nach jener dunklen Ecke hinüber, in der sie ihren Mitreisenden vermuthete; sehen konnte sie ihn ja nicht.

Vier Stunden fünfzehn Minuten! schallte es prompt aus dem finstern Winkel hervor.Reisen Sie auch nach Ueberdingen, mein Herr?

Zu dienen!

Dann haben wir ja dasselbe Reiseziel!

So? das ist ja sehr hübsch!

Der Ton, in dem der junge Mann das sagte, schien eher das Gegentheil anzudeuten. a

Eine längere Pause trat ein. Der Herr sah rechts, die Dame links zum Fenster hinaus. Die Chaussee ging plötzlich stark berg⸗ ab. Der Postillon mußte tüchtig bremsen; dadurch gerieth der Wagen in eine hüpfende Bewegung. a.

Hu, wie abscheulich ist das! wagte das Fräulein in etwas ängstlichem Tone zu äußern.

Können Sie das Rückwärtsfahren nicht vertragen, mein Fräulein? ließ sich der junge Mann, in weniger kurzer Art, vernehmen. f i

Hm ich weiß nicht, mein Herr; aber ich muß gestehen, beim Bergabfahren ist es nicht gerade sehr angenehm!

Und wir haben noch viel derartige Straßensenkungen zu überwinden!

Ja, ja ich weiß!

Sie waren schon einmal in Ueberdingen?

Ja im vergangenen Sommer!

Nun also dann ist es doch wohl besser, wenn Sie meinen Platz einnehmen würden.

Genirt Sie aber auch das Rückwärtsfahren nicht?

Durchaus nicht!

Sonst finden wir ja Beide auf dem Vordersitz Platz!

Bitte, bitte, es ist Ihnen doch jedenfalls sehr angenehm, Ihr Handgepäck gleich zur Hand zu haben!

Aus den letzten Worten klang wieder ein leichter Spott, ein gewisses Mürrischsein hervor. Als sich der junge Mann im gleichen Augenblick erhob und sich auf den Rücksitz setzte, nahm die junge Dame den Platz auf dem Vordersitz ein. Der Herr hatte sogar die Freundlichkeit, ihr bei diesemUmzug behülflich zu sein.

Rauchen Sie denn nicht, mein Herr? fragte sie plötzlich, nachdem sie es sich auf ihrem neuen Platz bequem gemacht.

O, ja, mein Fräulein. Indessen hielt ich es nicht für statt⸗ haft, mir hier im Postwagen in Ihrer Gesellschaft eine Zigarre anzuzünden!

O, meinetwegen brauchen Sie sich nicht zu geniren! Ich rieche eine gute Zigarre recht gern, und ich setze ja voraus, daß Sie kein allzu schlechtes Gewächs rauchen werden, nicht wahr?

Gewiß nicht! gab lachend der Herr zurück.

Nun also! Wenn es gar zu toll wird, können wir ja dieses Fenster ganz öffnen!

Ich werde, um Ihren Geruchsinn nicht zu beleidigen, eine echt Importirte rauchen!

Das ist schön! Haben Sie auch Zündhölzer? Hier ist eine Schachtel kleiner Wachslichter!

Ich danke, mein Fräulein!

Einen Fidibus brauchen Sie ja nicht; der gehört nur für eine lange Pfeife. Oh, und eine solche sieht abscheulich aus!

Die beiden Insassen des Wagens waren plötzlich einander nicht mehr fremd. Und, seltsam, Beide überraschten sich dabei,

daß sie beim Aufflackern des Zündholzes, mit dem Mann die Zigarre in Brand setzte, einander forschend sicht blickten.

Hm, er sieht eigentlich gar nicht so brummig aus, v sich Anfangs zu benehmen schien! sagte die junge Dame da

u sich. 5 Welch bübsches Gesicht! dachte der junge Mann,

seine Hand unwillkürlich glättend über seinen Scheitel fuhr.

Plötzlich hielt die Postkutsche vor einer Schenke. Meile war zurückgelegt, und laut Dienstvorschrift zündete Postillon die Lampe im Wagen an. Als nach einer kurzen die Pferde wieder ihren Trab aufnahmen, hatten die beiden Leute Muße, sich gegenseitig aufmerksam zu beobachten.

Die junge Dame hatte ihren langen unförmlichen P den ihr, wie sie lachend verrieth, ihre fürsorgliche Wirthin g halb geöffnet, und ließ dadurch ihr beinahe dürftig zu nem Kleid sehen, das jedoch eine herrlich geformte Büste un Das leicht gewellte, nußbraune Haar umrahmte ein Antlitz, das sich nicht durch klassische Linien, wohl aber durch einen unb i lichen Zug von Liebenswürdigkeit auszeichnete. Ein schalkhe Lächeln zwinkerte beständig aus den großen blaugrauen Au hervor, und um den rosigen Mund der kaum Zwanzigjähr thronte eine frohe, scheinbar durch nichts zu erschütternde Lal

Das lange, etwas blasse Gesicht des jungen Mannes ver sogleich den Denker. Etwas Forschendes, Fragendes blickte aus seinen braunen Augen, und wiederum ein Schatten von Me⸗ lancholie. Das dichte blonde Haar war sorgsam gescheitelt, un man sah es dem ganzen Aeußern des jungen Mannes an ein peinlicher Ordnungssinn, eine beinahe pedantisch zu u Wohlerzogenheit sein ganzes Wesen völlig durchtränkt h Seine mit tiefer, sonorer Stimme hervorgebrachten Worte klang stets, als seien sie erst völlig und in ihrer ganzen Tragweit erwogen. Da war nichts Plötzliches, nichts Hastiges, nichts Jugendliches in dem Manne, der, kaum am Ausgat Zwanziger stehend, doch stets bemüht war, seinen durchgeiste vornehmen Zügen eine altväterische Würde und steife haltung aufzudrücken. 47

Sie reisen vermuthlich auch nach Ueberdingen, um das schö Weihnachtsfest im Kreise froher Menschen zuzubringen? im Laufe des Gesprächs die junge Dame. 5

Ja. Und der gleiche Zweck führt Sie nach jenem Städtchen? fragte der junge Mann.

Freilich! Ich besitze dort zwei ganz entfernte Verr einen alten Herrn und dessen Frau, die mich eingeladen das Weihnachtsfest in ihrem Hause zu verbringen. Beide wi daß ich ganz verlassen in der Welt stehe, und wollen mir einmal eine Weihnachtsfreude bereiten. Ich war schon im Som bei ihnen zum Besuch auch im vorigen Jahr, als meine M gestorben, brachte ich vierzehn Tage bei ihnen zu. Ich wäre länger dort geblieben und sie wollten mich auch 15 fort⸗ lassen; aber ich mußte wieder nach K. zurück, wenn ich nicht gewärtig sein wollte, meine sämmtlichen Schülerinnen zu verlieren. Ich bin nämlich Klavierlehrerin. Aber halt ich muß Ihn doch etwas zeigen und Sie können mir vielleicht guten Rath geben! So, mitten in ihrem Geplauder abbrec machte sich die junge Dame plötzlich damit zu schaffen, eine H tasche aufzuschließen und mehrere, sauber in Papier eingeschla Gegenstände daraus hervorzuholen. Ihr Gegenüber folgte f jeder ihrer Bewegungen, und war so von ihrer liebenswürdigen, natürlichen Art zu plaudern gefesselt, daß er vergaß seine Cigarre in Brand zu erhalten. Eine Thatsache, die er indeß wiederum gar nicht zu bemerken schien. 2

Sie sollen mir nämlich entscheiden helfen, hub sie wiede an,wie ich meine Geschenke recht passend vertheile. Für die beiden lieben alten Leute wußte ich ja etwas zu finden. 2 es sind noch zwei Söhne da, denen ich doch auch eine Klein mitbringen wollte, und da war ich eigentlich recht in V was ich den jungen Herren kaufen sollte.* auch Über zeugt, daß ich das Unpassendste gewählt habe. hen Sie nur!

Die junge Dame zog aus einem mit ier umwickelte Karton einen zierlichen Brief Karten⸗Blok hervor. i

Wie gefällt Ihnen das, mein Herr?