zu den
Oberhessischen UMachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden
„Wahlingen, eine Minute Aufenthalt!“
ö Der an der Windseite mit einer dicken Schneeschicht bedeckte Zug hielt vor einem unscheinbaren Stationsgebäude. Einige Coupeethüren wurden geöffnet, dann wieder hastig zugeschlagen, Beamte liefen hin und her, der Ruf„Fertig“ erscholl, ein kurzes Läuten, ein schriller Pfiff, und heftig prustend und schnaubend setzte sich die Maschine wieder in Bewegung.
Zwei Personen waren dem Zug entstiegen. Ein großer, etwas mürrisch dreinschauender, junger Mann, schritt, sein Handköfferchen selber tragend, sogleich an dem Bahnhofsgebäude entlang, bog dann um dasselbe herum, um zu der hinter demselben vorbei⸗ führenden Chaussee zu gelangen. Währenddem mühte sich ein bis über die Ohren in einem altmodischen Pelzmantel steckendes, junges Miädchen damit ab, verschiedene Schächtelchen, Reisetaschen und Necessärs, die auf dem Perron umherstanden, auf seine Arme
zu laden. Ein Bursche, derselbe, der soeben die Signalglocke in
Bewegung gesetzt, kam herzugesprungen, blies sich in die blau⸗ gefrorenen Hände und half der schon laut Aufseufzenden die
immer wieder zu Boden gleitenden Gegenstände in den Warte—
saal des Bahnhofgebäudes tragen. a
„Ist der Postwagen noch nicht da, der mich nach Ueberdingen
bringen soll?“ war die erste Frage, welche die helläugige, junge Dame an ihren Begleiter richtete, nachdem sie in dem nothdürftig durchwärmten Zimmer wiederum ihre sämmtlichen Effekten auf den Boden gesetzt hatte. 5, natürlich!“ lautete die schnell gegebene Antwort.„Die gelbe Kutsche steht schon seit einer halben Stunde da draußen, weil sich doch schon der Zug, des großen Schneefalls wegen, um zwanzig Minuten verspätet hat!“
„Nun dann, bitte, führen Sie mich schnell hin, sonst fährt am Ende der Kutscher ohne mich davon!“
Lachend willigte der Bursche ein. Auf's neue lud er sich und dem Fräulein das außerordentlich zahlreiche Handgepäck auf und schritt dann zu jener Thür hinüber, die zur Chaussee hinaus führte.
Richtig, da stand die Postkutsche. Aber der Kutscher saß schon oben auf dem Bock, und schien nicht übel Lust zu haben, sich gleich auf den Heimweg zu machen.
„Holla, Schwager, hier bringe ich noch eine Dame, die vor⸗ giebt, Anspruch auf einen Platz in Eurem Wagen zu haben!“ rief der Bursche.„Ist das richtig?“
„Freilich, zwei Plätze sind bestellt!“ antwortete der Postillon und kletterte dabei von seinem hohen Sitz herunter.„Bitte, steigen Sie nur ein, Fräulein!“
Der Bursche hatte indessen diese Aufforderung gar nicht ab⸗ gewartet. Er hatte bereits den Kutschenschlag geöffnet, und schon
Gießen, den 23. Dezember.
Das Marzipanherz. Eine Weihnachtsgeschichte von Bruno Köhler.
einige seiner Schachteln in den Wagen hineinbefördert, als plötzlich eine grollende Männerstimme darin laut wurde.
„Können Sie sich denn nicht vorsehen? Sie werfen mir ja Ihre Gepäckstücke an den Kopf!“
Mit einem lachenden:„Verzeihen Sie, mein Herr!“ suchte die herzutretende junge Dame den in einer dunklen Ecke sitzenden Passagier zu entwaffnen und zugleich den Uebereifer ihres Be⸗ gleiters zu entschuldigen. Doch ihr freundlicher Gruß, den sie — ihren Platz im Wagen einnehmend, an ihren Mitreisenden richtete— es war der junge Mann, der mit demselben Zug wie sie soeben angekommen— wurde mit einem wenig liebens⸗ würdig klingenden.„Guten Abend!“ erwidert. Offenbar ver⸗ stimmte den Herrn das viele Handgepäck seiner Nachbarin, das ihn allerdings wesentlich in der Ausdehnung seiner Gliedmaßen hindern mußte. Ohne sich indessen durch den beinahe unfreundlichen Empfang im Geringsten beirren zu lassen, machte sich es die junge Dame sogleich im Wagen bequem. Sie holte einen großen, un⸗ schönen Fußsack hervor, in dem sie ihre kleinen Füßchen verbarg, zog ein weiches Kopfpolster aus einem Täschchen und lehnte das— selbe in eine Ecke des Rücksitzes,— den Vordersitz hielt ja der junge Mann in Besitz, der den Standpunkt zu vertreten schien, daß der Zuerstgekommene stets das Recht habe, sich auch den besten Platz auszusuchen.— Eben war die junge Dame im Begriff, sich ihres einfachen Pelzbarettes zu entledigen, als sie einen Schreckensruf ausstieß.
„Was giebt's denn?“ fragte der Herr laut.
„Mein großer Koffer ist ja noch nicht auf dem Wagen, ich habe ja noch den Gepäckschein in der Tasche!“
„Somit trifft Sie doch nur allein die Schuld, daß— wir hier noch länger warten müssen!“
Die junge Dame war von dieser Logik völlig überzeugt, das bekundete ihre schnelle Zustimmung. Sie hatte aber auch sogleich den schon geschlossenen Kutschenschlag wieder geöffnet und rief den noch auf den Stufen der Thür stehenden Burschen zu sich heran. Ein mit dem Gepäckschein zugleich in seine Hand ge— drücktes Geldstück ließ ihn flugs zur Gepäck-Expedition eilen und den vergessenen Koffer herbeischleppen. Binnen wenigen Minuten war die mit schweren Eisenbeschlägen versehene Truhe oben auf das Verdeck des Wagens geschnallt, und der Postillon wieder auf seinen luftigen Sitz hinauf geklettert. Ein lustiger Peitschenknall und der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein gemurmeltes:„Endlich, Gott sei Dank!“ des Herrn verlor sich in dem quietschenden Geräusch der Räder.
Es mochte kaum halb fünf Uhr Nachmittags sein, und doch war schon die Dämmerung so weit hereingebrochen, daß die beiden Reisenden im Wagen nicht mehr im Stande waren, ihre
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