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„Alma Mater!— nicht doch, die Dame ist mir ganz un⸗ bekannt, ebenso, wie ihre Herren Söhne,“ gab Käthe kopfschüttelnd und mit köstlicher Naivetät zurück.
Der gute Justizrath aber hatte plötzlich einen Erstickungs⸗ anfall und mußte ein paar Gläser Wein rasch nacheinander trinken, bevor er den Krampf überwunden.
Käthen stieg indessen die Ahnung auf, daß sie sich wohl eine neue Blöße gegeben, und um den Eindruck zu verwischen, redete sie hastig und ohne Wahl weiter. Dazu der ungewohnt feurige Wein— ihr ward ganz sonderbar zu Muthe.
„Ich meinte vorhin nur, daß die Herren Studiosen gewiß viel im Lindenhause verkehren,“ erläuterte der lustige Justizrath, sobald er einigermaßen seine Fassung wiedergewonnen.
„Ei wohl, das will ich meinen! Im Sommer vergeht kein Tag, wo wir nicht welche von den Herren dort hätten! Sogar zu Paukereien sind sie schon zu uns heraus gekommen— o, das ist zu komisch, wie sie den Pedell immer irre zu führen suchen! Und was sie für Extremitäten machen und welche Schwänke sie ersinnen, das ist nun rein zum Todtlachen!“
Arme Käthe, wäre sie nicht gar so verwirrt und aufgeregt gewesen, so wäre ihr letzterer lapsus jedenfalls nicht entschlüpft. Sie hatte Extravaganzen sagen wollen, aber in ihrer augenblick— lichen Verfassung sprudelte sie die Worte nur so heraus, ohne dieselben auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Der joviale Justizrath amüsirte sich köstlich, und Käthe selbst gerieth in eine so angeregte Stimmung, daß die Nähersitzenden und zuletzt wohl die gesammte Tischgesellschaft aufmerksam wurde auf das eigenthümlich frei sich benehmende Mädchen, dessen silberhelles, nur etwas überlautes Lachen bei jedem Scherze ihres Tischnachbarn die übrige Unter⸗ haltung übertönte.
Gisbert war auf das Peinlichste berührt; zwar hatte er nicht gehört, was es gewesen, das den Justizrath plötzlich so heiter ge— stimmt, aber er zweifelte nicht, daß Käthe, dem unbefangenen Naturkinde, wieder irgend eine Ungeheuerlichkeit entschlüpft sei, die ihr Nachbar gewiß nicht verfehlen würde, morgen als neuestes Bonmot weiter zu tragen. Hätte er seiner Braut nur ein paar Worte zuraunen dürfen! Aber das ging nicht an, und so suchte er denn, sie im Banne seiner Augen zu halten.
Wirklich übte sein starr auf sie gehefteter Blick gar bald eine
magische Gewalt aus; Käthe wandte den Kopf nach ihm hin
und begegnete dem zugleich bittenden und warnenden Blicke seiner Augen. Doch sie sah nur den Tadel, die peinliche Verlegenheit, nicht die zärtlichen Blicke, und dunkel erglühend wandte sie den Kopf zur Seite, während Thränen des Zornes und der Scham ihre Lider netzten.
Inzwischen hatte die Hausfrau den Stuhl gerückt, die Ge— sellschaft begab sich in den anstoßenden kleinen Salon, wo Kaffee herumgereicht wurde, und wo die jungen Mädchen sofort den Flügel in Beschlag nahmen. Gisbert, welcher sich von seiner Tischnachbarin verabschiedet, zögerte nicht, sich Käthen zuzugesellen, deren laute Heiterkeit plötzlich einer großen Niedergeschlagenheit gewichen war.
Ihm that es in der Seele weh, das naiv heitere Kind nun mit diesem bekümmerten Zuge um den Mund zu erblicken, und doch vermochte er den peinlichen Eindruck nicht abzuschütteln, den das in diesen Räumen ungewohnte unfeine Lachen seines bisherigen Ideals ihm vorhin erregt hatte. Er mochte es sich selbst nicht zugestehen, welcher Gedanke dabei flüchtig bei ihm aufgetaucht war und den er als seiner unwürdig von sich ge— wiesen hatte— aber so ganz Unrecht hatte seine welterfahrene Mutter doch nicht gehabt, als sie ihm gesagt, er ahne in seiner blinden Verliebtheit gar nicht, welch' tiefe Kluft zwischen dem kleinen Dorfmädchen und ihm, dem verwöhnten Patriziersohne und ihrer beiderseitigen Lebensauffassung sich aufthäte. Aber, tröstete er sich selbst, Käthe war doch noch so jung und bildungs— fähig; der Kern ihres Wesens war ja ein guter, edler, da be— durfte es gewiß nur kurzer Zeit, um diese von der Natur so reich ausgestattete Menschenblume in höhere Bahnen zu lenken und ihr auch jenen äußern Schliff zu geben, welcher ihr naturgemäß noch mangelte.
Als er daraufhin mit freundlichen Worten auf sein Bräutchen zutrat, fand er dieses jedoch wenig geneigt, sich auf einen Aus⸗
I tausch zärtlicher Gefühle einzulassen. Käthe war verwirrt und
gedemüthigt; sie fühlte sich vernachlässigt und gekränkt von ihm und von dieser ganzen hochmüthigen Gesellschaft, welche auf sie herabsah wie auf einen Eindringling.
„Die Menge fremder Gesichter hat wohl beänstigend auf unser Heideblümchen gewirkt?“ meinte Gisbert mitleidig mit einem be— wundernden Blicke in des Mädchens schönes, erglühendes Antlitz. „Man hat Unrecht gethan, Ihnen gerade den Justizrath zum Nachbar zu geben— er ist ohnehin vielfach indiskret. Arme Käthe, ich wäre Ihnen so gerne zu Hilfe gekommen, aber ich konnte dies von meinem Platze aus nicht, und dann auch, je eher Sie sich hier einleben, je besser und angenehmer wird dies für Sie sein. Wenn Sie wüßten, wie sehr ich das Ende dieser Prüfungszeit herbeisehne, Sie würden gewiß mit mir bestrebt sein, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, welche sich unserer Verbindung noch entgegensetzen.“
Bei den letzten eindringlich gesprochenen Worten hatte sich Käthens Kopf noch tiefer auf ihre Brust herabgesenkt— in den am Boden haftenden Augen aber spiegelte sich ein Ausdruck hilf— losen Erschreckens. Unwillkürlich preßte sie die kleine Hand fest auf das laut pochende Herz.
„O, ich,— ich fürchte, ich werde es nie verstehen, so zu sein, zu reden und mich zu geben, wie die Damen, welche ich hier sehe,“ stammelte sie verwirrt,„ich— ich glaube— ich weiß nicht—“
Sie verstummte; was sie wohl hätte sagen wollen, wenn es ihr selbst recht klar gewesen wäre, das vermochte sie nicht in Worte zu fassen. Gisbert aber, der ihre Erregung mißverstand, suchte sie über ihre vermeintliche Besorgniß zu beruhigen.
„Nicht doch, Käthchen, Sie wissen ja, daß ich Ihren reinen Sinn, Ihre anmuthvolle Ursprünglichkeit weit höher schätze, als den Salonfirniß dieser eleganten Damen und daß es mich bitter kränkt, wenn Sie scheinbar vor diesen zurücktreten müssen. Das aber darf Sie nicht entmuthigen— was Ihnen noch mangelt, das läßt sich binnen kurzer Zeit erwerben, und dann soll Sie kein spöttisches Lächeln mehr verletzen; Sie werden sich wohl und sicher fühlen unter uns.“
Die anscheinend sehr vertrauliche Unterhaltung der Liebenden
wurde von Edith unterbrochen, welche, einem bedeutsamen Winke der Mutter folgend, die Gruppe am Flügel verließ, um sich dem abgesonderten Paare zuzugesellen.„Wenn ich nicht irre, äußerten Sie kürzlich, daß Sie musikalisch seien, Fräulein Käthchen,“ be— gann sie mit erzwungener Freundlichkeit.„Erfreuen Sie uns nun durch eine Probe Ihres Talentes— bitte, tragen Sie etwas vor.“
Und die verlegene Abwehr der Ueberraschten so wenig be— achtend wie die Einreden Gisberts, der in dieser Aufforderung eine neue Arglist der seiner Liebe ungünstig gesinnten Schwester errieth, zog Edith die Widerstrebende in den musikbegeisterten Kreis. f
Ob sie Chopin oder Schubert den Vorzug gebe,— ob sie eine Sonate von Beethoven vorzutragen wünsche, oder vielleicht etwas von Mendelssohn—? drang es von allen Seiten auf sie ein.
Käthen flimmerte es vor den Augen; wiederholt versicherte sie, daß sie überhaupt nur ein paar einfache Musikstücke zu spielen verstehe— ihre Versicherungen wurden theils überhört, theils als übertriebene Bescheidenheit scherzend zurückgewiesen, und bevor sie noch recht wußte wie ihr geschah, saß sie am Instrumente und hatte einen Stoß Noten vor sich, aus welchen sie ihre Wahl treffen sollte.
In stummer Verzweiflung ließ sie Heft um Heft durch ihre Finger gleiten— lauter ihr unbekannte Sachen von Tondichtern, welche sie nicht einmal dem Namen nach kannte. Da— schon wollte sie die Noten aus der Hand legen,— fand sich doch etwas Bekanntes, und sogar ihr ehemaliges bestes Paradepferd —„l Bagci“.
Mit dem Muthe der Verzweiflung legte sie das Heft auf und begann,— unsicher, fehl greifend, bei jedem Triller stockend. Die Noten tanzten ihr vor den Augen, es war zum Erbarmen.
Doch mitten in dieser traurigen Leistung, deren Effekt durch eine momentan eingetretene Stille nur noch verstärkt wurde, hielt unser Naturkind die ihm aufgezwungene Lage nicht mehr aus. Mit einem lauten Schluchzen sprang sie heftig auf, daß das
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